15. April 2002 · Quelle: MAZ

Uns muss ja hier niemand lieb haben”

DEUTSCH-TÜRKISCHER FAMILIE SCHLÄGT IN BASDORF ARGWOHN UND HASS ENTGEGEN / DISKUSSION TROTZ VERHÄRTETER FRONTEN

 

BASDORF (Märkische Allgemeine/Barbara Breuer) Zirkus in der Barn­im-Gemeinde Bas­dorf bei Berlin: Nicht nur, dass ein großes Zelt den Mark­t­platz ziert, auch die Bas­dor­fer sind außer Rand und Band. Ver­gan­genen Herb­st zog die deutsch-türkische Fam­i­lie Canay­din mit sechs Kindern aus ein­er Berlin­er Hochhaussied­lung in die Mark. Sechs Wochen später begann der Stress.

 

“Meine Tochter hat am 6. Sep­tem­ber aus dem Fen­ster den Nach­barhund gerufen und ein paar Jugendliche fühlten sich dadurch belästigt”, erzählt die 39-jährige Deutsche Mar­ti­na Canay­din. Einige Jugendliche bedro­ht­en ihre Kinder daraufhin mit aus­län­der­feindlichen Parolen.

 

Ger­ade hat die kräftige Frau ihre Dop­pel­haushälfte geputzt. Jet­zt sitzt sie im Ses­sel und raucht. Sie erzählt von Dro­hbriefen wie: “Haut ab, ihr habt in Bas­dorf nichts zu suchen, Mufti­fam­i­lie.” Deshalb hat sie mehrfach Anzeige erstat­tet. In 13 Straftat­en wird ermit­telt. Stündlich fährt die Polizei bei den Canay­dins vor­bei. Auch die Fam­i­lie wurde mit­tler­weile vier­mal angezeigt: So hat die 18-jährige Yes­im eine 15-jährige Bas­dor­ferin geohrfeigt und an der Lippe ver­let­zt. Mar­ti­na Canay­din wird Belei­di­gung vorge­wor­fen.

 

Oster­mon­tag gröhlte ein betrunk­en­er 17-Jähriger “Heil Hitler”. Später warf er eine Bier­flasche gegen das Haus. Als Grund nen­nt er “den Suff und dass die uns so däm­lich angemacht haben”. Der junge Mann nahm ein Gespräch­sange­bot der Canay­dins wahr und entschuldigte sich let­zte Woche per­sön­lich.

 

“Dieser Junge hat mehr Mut als wir alle”, sagt der 43-jährige Engin Canay­din, ein schlanker, klein­er Mann. Das Deutsch des arbeit­slosen Lager­ar­beit­ers ist nicht per­fekt, doch er spricht deut­lich. Engin Canay­din ste­ht Don­ner­stagabend in der Bas­dor­fer Mehrzweck­halle. Wegen der Bedro­hun­gen und der Gewalt­tat­en wurde eine Bürg­erver­samm­lung ein­berufen. “Was haben wir Ihnen getan?”, fragt er und wirkt erschöpft.

 

Knapp 400 Bas­dor­fer sind gekom­men. Die seitliche Tribüne ist voll mit Jugendlichen. Manche hören zu, manche lachen. “Etliche Fre­unde von mir sind an diesem Kon­flikt beteiligt”, erzählt eine 16-Jährige. Sie sieht keine Lösung. “Ich habe mehrfach ver­sucht, mit Frau Canay­din vernün­ftig zu reden, doch die ist fast auf mich los gegan­gen”, erzählt sie. Die Töchter der Canay­dins provozierten häu­fig mit “Scheißdeutsche” oder “Ossis”. Die Schü­lerin hat die Nase voll davon, “dass Bas­dorf in den Medi­en in den Dreck gezo­gen wird”. Das geht vie­len so.

 

“Ich finde es merk­würdig, dass eine per­sön­liche Sache hier zum Poli­tikum gemacht wird”, äußert der Bas­dor­fer Chris­t­ian Schü­mann. Er kann sich nicht vorstellen, dass Bas­dorf eine Hochburg des Recht­sradikalis­mus sein soll. “Sich­er sind unter den anwe­senden Kindern auch ein paar leb­haftere, doch das ist nor­mal”, behauptet er. Ein Buhruf ertönt, gefol­gt von Applaus. “Wird eine Fam­i­lie 13 Mal attack­iert, ist das keine Pri­vat­sache und der Hitler-Gruß ist auch nicht nor­mal”, erk­lärt die bran­den­bur­gis­che Aus­län­der­beauf­tragte Almuth Berg­er. Ein Nach­bar der Canay­dins ergreift das Mikro. “Ich kann den Vor­wurf Aus­län­der­feindlichkeit nicht nachvol­lziehen”, sagt er und bezweifelt, dass es zu Straftat­en gegen die Fam­i­lie gekom­men sei. Türkische Fernsehsender fil­men und der türkische Kon­sul aus Berlin, Aydin Duru­soy, ist auch da.

 

Polizei-Schutzbere­ich­sleit­er Arne Feur­ing warnt: “Wir dür­fen nicht zulassen, das eine Fam­i­lie hier krim­inell gemobbt wird.” Und zwis­chen­men­schliche Kon­flik­te kön­nten nicht mit den Möglichkeit­en des Strafrechts aus­ge­tra­gen wer­den. Deshalb dro­hte er bei­den Parteien damit, dass jedes weit­ere Verge­hen schnell bestraft würde. “Meine Kinder haben die Anweisung, sich nicht zu wehren, wenn sie beschimpft oder ange­grif­f­en wer­den”, so Mar­ti­na Canay­din. Die Jalousien in ihrem Haus waren bis­lang stets herunter gelassen — auch tagsüber. “Wir sitzen hier 24 Stun­den am Tag einges­per­rt”, erk­lärt sie, “denn in ein­er Dro­hung stand, dass wir immer beobachtet wer­den.” Beim Einkaufen habe ihr neulich jemand zuger­aunt ‚Wir has­sen diese fette Fam­i­lie. “Hätte ich keinen türkischen Mann, wür­den die uns hier nicht wollen, weil wir dick sind”, ver­mutet Mar­ti­na Canay­din. Ein Kopf­tuch trägt keine ihrer Töchter. Doch als Neuzuzü­gler werde von ihnen Anpas­sung gefordert. “Ich habe mich 39 Jahre nicht angepasst und werde es auch nicht”, sagt sie. Dann fügt sie hinzu: “Uns muss ja hier nie­mand lieb haben, sie sollen nur akzep­tieren, dass wir hier leben.”

 

Ihr Nach­bar Ger­not Druschke hat dafür kein Ver­ständ­nis. “Die Fam­i­lie macht hier ständig Rem­midem­mi und stört. Die Kinder klet­tern aus den Fen­stern und haben ein großes Mundw­erk”, sagt er.

 

Als der Jugendliche Mar­vin Funcke in der Mehrzweck­halle das Mikro­fon ergreift, wird laut geklatscht. “Die ganze Sache wurde hier so hochgepeitscht, nur weil der Vater Türke ist. Und zu so etwas gehören immer zwei Leute.” Wer neu in der Schule sei, habe sich unterzuord­nen. Auch eine Schü­lerin meldet sich: “Hier gibt es keine Ein­rich­tung, wo Jugendliche abends hinge­hen kön­nten. Sie saufen sinn­los rum und machen Leute fer­tig, weil sie son­st nichts zu tun haben”, erk­lärt sie.

 

Das Ergeb­nis der knapp zweistündi­gen Ver­samm­lung: Es soll sich eine Gruppe zur Stre­itschlich­tung grün­den. Mar­ti­na Canay­din hat gegen 22 Uhr rote Fleck­en im Gesicht. Sie fühlt sich unwohl. Mar­vin Funcke ste­ht ihrem Mann gegenüber und sagt: “Ich habe nichts gegen dich, weil du Türke bist, son­dern dage­gen, wie deine Töchter mir gegenüber auftreten.”

 

Engin Canay­din lädt den jun­gen Bas­dor­fer daraufhin samt Kumpels zum Kaf­feetrinken und Reden ein. Auch Mar­ti­na Canay­din betont, dass ihr Haus stets jed­er­mann offen ste­ht. Fortziehen wollen die Canay­dins nicht. Noch nicht. Doch die Mut­ter ergänzt: “Wenn sie meinen Kindern etwas tun, dann bin ich weg”.

 

Was bish­er in der Gemeinde Bas­dorf geschah

Gegen die Canay­dins verübte Delik­te:

 

6. Sep­tem­ber 2001: Bedro­hung

22. Sep­tem­ber 2001: Jemand ruft “Heil Hitler”. In das Auto eines Fre­un­des wird ein Hak­enkreuz ger­itzt.

8. Okto­ber 2001:Beleidigung

10. Okto­ber 2001: Belei­di­gung

14. Okto­ber 2001: Bedro­hung

23. Feb­ru­ar 2002: Bedro­hung

9. März 2002: Die Jalousien am Haus der Canay­dins wer­den aus den Ver­ankerun­gen geris­sen.

11. März 2002: Bin­nen 30 Minuten rasen ein Auto‑, dann ein Motor­rad­fahrer auf dem Markt auf Mar­ti­na Canay­din zu.

1. April 2002: Ein betrunk­en­er Jugendlich­er wirft eine Bier­flasche gegen das Haus der Fam­i­lie Canay­din. Kurz zuvor ruft er “Heil Hitler”.

Von den Canay­dins verübte Delik­te:

 

23. Feb­ru­ar 2002: Belei­di­gung

11. März und 27. März: Die 18-Jährige Yes­im Canay­din ver­let­zt eine 15-jährige Bas­dor­ferin mit ein­er Ohrfeige an der Unter­lippe. Die Mäd­chen beschuldigen sich gegen­seit­ig, provoziert zu haben.

27. März 2002: Jemand wird von Mar­ti­na Canay­din bedro­ht.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Beiträge aus der Region

Bernau – “Andere feiern Hal­loween oder einen Anti­semiten. Das machen wir nicht.” Im Dos­to find­et am 31.10. ein Street Punk Fes­ti­val statt.
Bernau – Am 20. Sep­tem­ber find­et ein Solikonz­ert für das Bürger*innenasyl Barn­im im Jugendtr­e­ff Dos­to statt.
Eber­swalde – Die anti­sex­is­tis­che Ini­tia­tive Eber­swalde (Asie) und das What-the-fuck-Bünd­nis laden zu ein­er Mobi und Info Ver­anstal­tung am 10. Sep­tem­ber um 19 Uhr ins Schöpfw­erk (Nähe Bahn­hof) ein.

Opferperspektive

Termine für Potsdam

NSUwatch Brandenburg

Termine für Berlin

Netzwerk Selbsthilfe

Suche

  • Kategorien


  • Regionen



Inforiot