10. Juli 2003 · Quelle: LR

«Unser Lehrer kam in SA-Uniform in die Schule»


Som­mer­tour-Rundgang mit der RUNDSCHAU zu einem fin­steren Kapi­tel der
Cot­tbuser Geschichte

Auf die Spuren jüdis­chen Lebens in Cot­tbus begab sich gestern Stef­fen
Krestin vom Stadt­mu­se­um. Die rund 30 Besuch­er der RUND­SCHAU-Som­mer­tour
fol­gten ihm voller Inter­esse.

Eine kleine Plat­te ragt aus dem Rathaus am Neu­markt, so unschein­bar, dass
bei ihrem Anblick nie­mand an ein dun­kles Kapi­tel der Cot­tbuser Geschichte
denken würde. Doch als Stef­fen Krestin den Gästen des Rundgangs erk­lärt, was
es mit dieser Plat­te auf sich hat, schauen sie ein zweites Mal hin. «Hier
stand im Drit­ten Reich eine Plas­tik mit dem Titel: SA-Mann stürzt Juden und
Kom­mu­nis­ten in den Tod.»

Dabei reicht die Diskri­m­inierung jüdis­ch­er Bürg­er in Cot­tbus weit in die
Geschichte zurück. 1510 wur­den alle Juden aus der Mark Bran­den­burg
ver­trieben. Ihnen war der Dieb­stahl ein­er Hostie aus der Dor­fkirche in
Knoblauch ange­lastet wor­den. «Diese Ver­ban­nung hat­te wohl vor allem
religiöse und geschäftliche Ansätze» , erk­lärt Krestin. «Es ging in erster
Lin­ie darum, lästige Konkur­renz von Händlern loszuw­er­den.» Erst König
Friedrich Wil­helm ges­tat­tete 1730 den Juden wieder den Han­del in offe­nen
Läden. 1748 lebten drei jüdis­che Fam­i­lien in Cot­tbus — 1908 zählte die
jüdis­che Gemeinde bere­its 400 Mit­glieder. Bald fol­gte jedoch der näch­ste
grausame Rückschlag. Am 30. Jan­u­ar 1933 kam es zum Aufruf, jüdis­che
Geschäfte zu boykot­tieren. Bis Mitte 1936 wan­derten 68 Juden aus Cot­tbus
aus. Ihre Zuflucht: Län­der wie Palästi­na, Südafri­ka, die Schweiz und die
USA. Es kam noch schlim­mer: In der Pogrom­nacht am 9. Novem­ber 1938 bran­nte
die Cot­tbuser Syn­a­goge nieder. Für die Räu­mar­beit­en musste die jüdis­che
Gemeinde zahlen. «Zwis­chen dem 10. und 14. Novem­ber wur­den 30 Juden
ver­haftet und in das Konzen­tra­tionslager Sach­sen­hausen deportiert» , sagt
der Chef des Stadt­mu­se­ums, «die Stadt rech­nete dafür ins­ge­samt 950
Reichs­mark mit Unterkun­ft, Verpfle­gung und Trans­port ab.» Im April 1942
fol­gte der Trans­port weit­er­er Juden ins Warschauer Ghet­to — zum Kriegsende
sollen in Cot­tbus nur noch zwölf Juden gelebt haben. «Diese
Depor­ta­tion­swelle kon­nte man auch in Cot­tbus nicht leug­nen» , erk­lärt
Krestin, «man hat doch gese­hen, wenn 500 Fam­i­lien aus ihren Woh­nun­gen
ver­trieben wur­den.»

Ver­riegelte Türen und Fen­ster — so sieht das Haus in der Münzs­traße 42 heute
aus. «Hier pfer­chte man die let­zten jüdis­chen Fam­i­lien vor dem Trans­port im
Jahr 1942 zusam­men» , sagt der Muse­ums­di­rek­tor.

Eine Besucherin des Rundganges erin­nert sich noch deut­lich an den Brand der
Syn­a­goge: «Ich war damals 16 Jahre alt» , sagt Dorothea Fisch, «ich ging in
die Mit­telschule, und unser Lehrer, ein stram­mer SA-Mann, der auch in
Uni­form zum Unter­richt kam, schick­te uns zum Beobacht­en des Bran­des.»

Nicht oft kommt es vor, dass Mitar­beit­er des Stadt­mu­se­ums mit Augen­zeu­gen
sprechen kön­nen. Krestin bedauert: «Es existieren viele Spuren, bei denen
wir außer einem Namen nichts wis­sen. Es gibt noch viel an his­torischem
Wis­sen nachzu­holen.»

Vieles haben die Cot­tbuser Geschichts­forsch­er jedoch schon zusam­menge­tra­gen:
1740 erhielt die Witwe Kay­la Israel Pinkus die Konzes­sion zur Ansied­lung
eines Geschäfts in Cot­tbus — eine der ersten jüdis­chen Frauen, die sich nach
dem Erlass des Königs wieder in Cot­tbus nieder­ließen. Der Name der Bär­gasse
erin­nert an den «Schwarzen Bären» , in dem sie ihr Quarti­er bezog. Und, so
erläutert Krestin, «an die Bären, die sich laut Über­liefer­ung im
Dreißigjähri­gen Krieg vor der Cot­tbuser Stadt­mauer aufge­hal­ten haben» .

1886 kam der Recht­san­walt Abra­ham Lud­wig Ham­mer­schmidt mit sein­er Ver­lobten
nach Cot­tbus und ließ sich 1895 in der Bahn­hof­s­traße mit Woh­nung und Kan­zlei
nieder. 1934 musste die Fam­i­lie die Kan­zlei wieder aufgeben, weil ihr die
Stadt die Erlaub­nis zum Betrieb ent­zo­gen hat­te.

Jüdis­che Händler ließen sich auch in der Sprem­berg­er Straße nieder. So gab
es das Kaufhaus «Brum­mer & Schießer» , in dem sich die Cot­tbuser mit
Stof­fen, Gar­di­nen, Möbeln und Tep­pichen ver­sorgten — das jedoch in den
30er-Jahren «arisiert» wurde: Der langjährige Prokurist Theodor Cza­ja und
der Cot­tbuser Kauf­mann Friedrich Langer führten for­t­an die Geschäfte.

Der Poli­tik des Drit­ten Reichs fiel auch die Fam­i­lie Schock­en zum Opfer, die
seit 1907 das gle­ich­namige Kaufhaus in der Sprem betrieb: Es wurde nach 1933
als «Kauf­stät­ten Merkur A.G.» weit­er geführt.

«Wir müssen auch an die kri­tis­chen his­torischen Momente erin­nern» , sagt
Stef­fen Krestin zum Ende seines Rundgangs, «nichts ist schlim­mer, als wenn
wir nicht ver­mit­teln kön­nen, was sich wo abge­spielt hat. Man muss an die
Orte gehen kön­nen und sagen: Hier ist das und das passiert. Deshalb sind wir
auch im Gespräch mit der Stadt, um am einen oder anderen Gebäude
Gedenksteine anzubrin­gen.»

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