15. Mai 2003 · Quelle: LR

Vom Holocaust noch nie etwas gehört…

Pro­jek­t­tage in Ravens­brück ver­mit­teln Neun­tk­lässlern Wis­sen über die
düster­sten Kapi­tel deutsch­er Geschichte

Der Schwedt­see glitzert in der Sonne, und am gegenüber­liegen­den Ufer
schmiegt sich die Stadt Fürsten­berg (Ober­hav­el) mit ihrem empor­ra­gen­den Kirch­turm in
die Land­schaft.

Den­noch erschreckt die Idylle die Gruppe 15-Jähriger, denn nur knapp zehn
Meter von ihnen ent­fer­nt ver­bran­nten die Nation­al­sozial­is­ten vor rund sechzig
Jahren die Leichen von Zwangsar­bei­t­erin­nen. Sie hat­ten die unmen­schlichen
Zustände im Frauenkonzen­tra­tionslager Ravens­brück nicht über­lebt.
„Der See ist ein riesiger Fried­hof“, erzählt Matthias Heyl, Päd­a­gogis­ch­er
Leit­er der Jugend­begeg­nungsstätte in der heuti­gen Mahn- und Gedenkstätte. Die
Asche der Toten sei schließlich in den See gestreut wor­den. Betrof­fen lauschen
die Jugendlichen aus Bran­den­burg und Meck­len­burg-Vor­pom­mern der Schilderung.

Gemein­sam mit ihren Klassenkam­er­aden und Lehrerin­nen sollen die Schüler
zweier neunter Klassen aus Pots­dam und Rib­nitz-Damgarten (Nord­vor­pom­mern) etwas
über Deutsch­lands wohl düster­stes Geschicht­skapi­tel erfahren.
Dazu haben Mitar­beit­er der Gedenkstätte für den zweitägi­gen Aufen­thalt ein
spezielles Konzept entwick­elt: Mit der Meth­ode des „ent­deck­ten Ler­nens“ kön­nen
sich die Besuch­er aus acht Vorschlä­gen die The­men her­auszusuchen, die sie am
meis­ten inter­essieren. In kleinen Arbeits­grup­pen erar­beit­en sie kurze
Refer­ate über das Straf­sys­tem im KZ, über Zwangsar­beit, medi­zinis­che Exper­i­mente
mit Gefan­genen sowie Kinder im Lager. Ihre Ergeb­nisse präsen­tieren sie dann den
Mitschülern bei einem Abschlusstr­e­f­fen.

„Den jun­gen Men­schen wird hier Geschichte nicht über Büch­er, son­dern über
das Gefühl, direkt am Ort des Geschehens zu sein, nahe gebracht“, erläutert
Bran­den­burgs Land­tagspräsi­dent Her­bert Knoblich. Gemein­sam mit sein­er
Amt­skol­le­gin aus Meck­len­burg-Vor­pom­mern, Sylvia Bretschnei­der, betreut er das
län­derüber­greifende Schul­pro­jekt. Bei­de sind deshalb Anfang der Woche mit den
Jugendlichen in die Gedenkstätte gekom­men.

In dem KZ, das die SS einst als „Schutzhaft­lager“ für Frauen errichtete,
waren zwis­chen 1939 und 1945 etwa 132 000 Frauen und Kinder inhaftiert.
Zehn­tausende kamen ums Leben. Sie wur­den ver­gast, star­ben an Hunger, Krankheit­en und
durch medi­zinis­che Exper­i­mente, erläutert Päd­a­goge Heyl den Jugendlichen bei
ein­er Führung über das Gelände. Die Opfer waren jüdis­che Frauen,
Kom­mu­nistin­nen, pol­nis­che Zwangsar­bei­t­erin­nen, Wider­stand­skämpferin­nen.

Ein Höhep­unkt des ersten Pro­jek­t­tages ist das Tre­f­fen mit Über­leben­den des
Lagers. Bat­she­va Dagan ist zu diesem Ter­min extra aus Israel angereist. Die
77-jährige Jüdin pol­nis­ch­er Abstam­mung schildert den Jugendlichen, wie sie mit
15 Jahren in Schw­erin zum ersten Mal ins Gefäng­nis kam. 20 Monate ver­brachte
sie später im Lager Auschwitz; mit 19 Jahren leis­tete sie Zwangsar­beit in
Ravens­brück. Ihre Schwest­er und ihre Eltern wur­den im SS-Ver­nich­tungslager
Tre­blin­ka ver­gast.
„Wann habt ihr zum ersten Mal vom Holo­caust gehört«“, will Dagan von den
Neun­tk­lässlern wis­sen. Schweigen. „Wenn du das Wort Holo­caust hörst, was kommt
dir in den Sinn»…“ „Gar nichts“, „Ich weiß nicht“, laut­en die Antworten.
„Nazis“, „Mord“, „Etwas Schlimmes“, sagen andere. Nie­mand aber nen­nt den
Völk­er­mord an sechs Mil­lio­nen Juden.
„Die Schüler wis­sen mit dem Begriff nichts anz­u­fan­gen“, stellt
Begeg­nungsstät­ten-Leit­er Heyl fest. In der DDR sei er nicht so bekan­nt gewe­sen.

Teil­weise
wüssten sie sehr wenig über die Opfer des Nation­al­sozial­is­mus, gibt die
Pots­damer Lehrerin Gabriela Kühne zu. Ger­ade mit Blick auf die häu­fi­gen
recht­sex­tremen Über­fälle auf Aus­län­der könne man aber gar nicht früh genug über die
his­torischen Untat­en aufk­lären. Allerd­ings ste­ht der Nation­al­sozial­is­mus in
Pots­dam erst im kom­menden Schul­jahr auf dem Lehrplan.
Zum Schluss gehen die Schüler noch ein Stück des Todes­marsches der
ehe­ma­li­gen Häftlinge. Kurz vor Ende des Krieges trieb die SS zehn­tausende Inhaftierte
Rich­tung Nord­west­en, bevor die Rote Armee am 30. April 1945 etwa 3000
zurück­ge­lassene Kranke befre­ite. Nach den zwei Pro­jek­t­ta­gen ist für die Schüler
„Holo­caust“ kein Fremd­wort mehr.

Gedenkstätte im Inter­net: www.ravensbrueck.de

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