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Von Cottbus nach Kuhlmühle: Antifa heißt Landarbeit!

Quelle: JWD Camp

Das JWD-Camp ist nach Ostprignitz-Ruppin gezogen. Genauer gesagt in das klitzekleine Kuhlmühle, einen Ortsteil von Wittstock (Dosse). Höchste Zeit die Beweggründe für die Wahl der Region zu erläutern und einen Überblick darüber zu geben, was es hier an Strukturen gibt.

Die Suche nach einem passende Gelände
Auf der Suche nach dem passenden Gelände stießen wir auf den Coolmühle e.V., der ein größeres Gelände in Kuhlmühle bei Wittstock (Dosse) bewohnt und bespielt. Durch seine Größe und infrastrukturelle Ausstattung bot sich Kuhlmühle einfach ideal an, um dort unser Camp auszurichten. Vor allem aber haben wir uns in die liebevollen Details, die Naturkulisse um das Gelände und die zuvorkommende Art der dort lebenden Menschen verliebt. So ist es zu unserem Entschluss gekommen, das JWD-Camp 2018 in Kuhlmühle auszurichten.

Was geht ab in Kuhlmühle
Kuhlmühle liegt etwa 10 km von Wittstock (Dosse) entfernt und ist ein altes Örtchen mit einer bewegten Geschichte. Unter verschiedenen Schreibweisen fand es 1430 bzw. 1431 erstmals Erwähnung und war bekannt für seine Wassermühle. Dann passierte erst mal nicht viel Nennenswertes, bis zum Ende des Ersten Weltkriegs, als die Kommunistische Partei Deutschlands hier auf einem Waldstück ein Schulungsheim errichtete. 1933 vereinnahmte die NSDAP das Heim und machte daraus eine “Führerschule” der Hitler-Jugend, die zu einem Veranstaltungsort für Zeltlager der faschistischen Jugendorganisation wurde. In der DDR wurde das Areal als Jugenderholungsheim und später zu einem Teil vom Ministerium des Innern als Zentrales Pionierlager Ho Chi Minh genutzt. Ab der Wendezeit bis zur Auflösung des nahegelegenen Truppenübungsplatzes Wittstock im Jahr 2001 diente das Gelände als Sitz für die zuständige Kommandatur. [1]

Quelle: MAZ

Heute gehört das 27 Hektar große Areal dem Coolmühle e.V., einem Verein von verschiedenen Menschen, die Lust auf Land und individuelle Ideen zu dessen Nutzung mitbringen. Selbstbestimmtes Zusammenleben und -wirtschaften in alternativen Zusammenhängen sowie die Entprivatisierung von Besitzverhältnissen sind dabei wesentliche Eckpunkte bei der Erschließung und Nutzung des Coolmühle-Gelände. Ein Teil des Coolmühle-Kosmos ist der gemeinnützige Verein „Zentrum für soziale und ökologische Nachhaltigkeit“ (ZfN). Das ZfN bietet verschiedenste Seminare und Veranstaltungen zum Thema Nachhaltigkeits- und Umweltbildung an. Außerdem fungiert das ZfN als Lernort für nachhaltige Technologie und betreibt seit 2014 das Handmühlenmuseum. [2]

Auf dem Gelände des Coolmühle e.V. finden mittlerweile verschiedenste Veranstaltungen und Festivals statt, wie beispielsweise der dritte Weltkongress der Hedonistischen Internationalen, das Hardcore-Fest Anchor Down, das feministische und antirassistische in*vision Festival sowie die Zeltlager verschiedenster Verbände wie der Falken und der Linksjugend Solid.

Kajrat Batesov

Nazis jibt’s hier viele…
Ostprignitz-Ruppin gilt neben Cottbus als Schwerpunkt neonazistischer und rassistischer Gewalt in Brandenburg [3]. Trauriger Höhepunkt der Neonazigewalt in der Region ist der Mord an dem Spätaussiedler Kajrat Batesov. Er wurde von einer Gruppe rassistischer Einheimischer bei einem Discobesuch 2002 zunächst brutal zusammengeschlagen und dann mit einem 17 kg schweren Stein erschlagen. [4]

Dass die Gewalt in der Region sehr lange auf einem hohen Niveau bleiben konnte, ist dem Umstand geschuldet, dass sich hier seit Jahren eine gewaltbereite Kameradschaftsszene breit gemacht hat. Vor allem die Stadt Wittstock (Dosse) spielt dabei eine nicht unwesentliche Rolle. Hier ist das aggressivste Neonaziklientel im Nordwesten Brandenburgs beheimatet. Immer wieder kommt es zu rassistischen Übergriffen sowie Angriffen auf vermeintlich alternative Jugendliche. Auch die verbotene Neonazigruppe „Weisse Wölfe Terrorcrew“ hatte hier einen Stützpunkt. Im Zuge der Verbotsverfügung im März 2016 wurden in Wittstock Wohnungen von drei Aktivisten durchsucht, darunter Sandy „Lui“ Ludwig. Ludwig gilt als einer der Köpfe der Wittstocker Neonaziszene und betreibt den Tattoo-Laden „Five Elements“ in der Innenstadt. Weitere Vereinigungen, wie die „Nationalen Sozialisten Wittstock/Dosse“ oder die „Freien Kräfte Ost“, blieben die einzigen Versuche einer neonazistischen Organisierung in der Stadt. Aufgrund von Inhaftierungen liegen die Projekte derzeit jedoch vermutlich brach. [5]

Die Freien Kräfte in Wittstock (Dosse).

Die Wittstocker Neonaziszene ist gut vernetzt mit den Kameradschaften in Mecklenburg-Vorpommern und im Nordwesten Brandenburgs, im speziellen mit den Freien Kräften Neuruppin/Osthavelland. Die Freien Kräfte Neuruppin wiederum sind eng verzweigt mit der NPD. Ihr führender Kopf, Dave Trick, sitzt ebenfalls für die NPD als Stadtverordneter in Neuruppin. Enge Verbindungen hatten die Freien Kräfte Neuruppin zum NPD-Politiker Maik Schneider, der für den Brand an einer Turnhalle in Nauen, die als Asylunterkunft dienen sollte, im Frühjahr 2017 verurteilt wurde. [6] Bekannt geworden sind die Freien Kräfte Neuruppin durch ihren Aktionismus in der Region, der 2015 mit der erfolgreichen Blockade der Demonstration zum „Tag der Deutschen Zukunft“ in Neuruppin sein Ende fand. [7] Heute machen sich die Freien Kräfte Neuruppin vor allem über kleinere Aktionen und Kundgebungen außerhalb von Neuruppin bemerkbar.

Freie Kräfte Neuruppin bei einer Kundgebung in Nauen 2018.

Im Zuge der rassistischen Mobilisierung gegen Asylunterkünfte fanden auch in Wittstock Demonstrationen im dreistelligem Teilnehmendenbereich statt. Getragen wurden die Demonstrationen weitestgehend von der neonazistischen Kleinstpartei „Der III. Weg“, die vor allem im Frühjahr 2015 ihre Aktivitäten auf Wittstock konzentrierte. Bei diesen Demonstrationen trat unter anderen Maik Eminger, der Zwillingsbruder des im NSU-Prozess angeklagten André Eminger, als Redner auf. Zu einer Stützpunktgründung des elitären Partei kam es hier jedoch nie. [8]

Der “III. Weg” bei einer asylfeindlichen Demonstration in Wittstock (Dosse) im März 2015. Vor dem Transparent links Maik Eminger, daneben Sandy Ludwig.

Zur Bundestagswahl erreichte die AfD in Ostprignitz-Ruppin 18,7 % der Wähler*innenstimmen und lag damit knapp unter dem Brandenburger Durchschnitt von 20,2 %. Der Kreisverband der AfD Ostprignitz-Ruppin ist auf Facebook aktiv und scheint dabei keine Berührungsängste mit der gewalttätigen Identitäre Bewegung zu haben: Der AfD-Kreisverband teilt Beiträge der Identitären Bewegung, wie beispielsweise Videos zur antifeministischen und rassistischen Kampagne „#120Dezibel“. [9] Einen Anschluss an die Straßenmobilisierung konnte der Kreisverband in der Region allerdings nicht finden. Selbst eine Veranstaltung mit dem völkisch-rassistischen AfD-Funktionär Bernd Höcke in Neuruppin im August 2017 wurde von großen und lauten Gegenprotesten begleitet. [10]

…Zecken aber och!
Doch neben Nazis, gibt es in der Ostprignitz auch widerständige Zentren. Als wichtigstes wäre dabei das Jugend- und Wohnprojekt JWP MittenDrin in Neuruppin zu nennen. Das JWP MittenDrin ist ein antifaschistisches Hausprojekt und wurde 1993 besetzt. 2013 kaufte der Verein mit Hilfe des Miethäusersyndikats den alten Bahnhof-West und sicherte damit langfristig das Projekt. [11] Bis heute finden im JWP MittenDrin politische und kulturelle Veranstaltungen statt und das Haus gilt als wichtiger Anlaufpunkt für alternative Jugendliche in der Region. Andere Anlaufpunkte sind der von der Sozialistischen Jugend (den Falken) getragene Jugendclub „Pavillion“ in Rheinsberg und die DGB-Jugendbildungsstätte Flecken Zechlin.

Das neue JWP MittenDrin.

All diese Projekte zeigen deutlich, dass es ein antifaschistisches und linksradikales Potential in der Region gibt. Mit dem JWD-Camp wollen wir einen weiteren Anlaufpunkt schaffen für die Aktivist*innen in der Region und sie mit anderen Gruppen und Menschen aus Brandenburg und darüber hinaus zusammen bringen.

Nachweise:
[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Kuhlm%C3%BChle
[2] https://coolmuehle.org/ & https://zentrumfuernachhaltigkeit.de/
[3] https://www.opferperspektive.de/aktuelles/anzahl-rechter-gewalttaten-in-brandenburg-ungebrochen-hoch
[4] https://www.todesopfer-rechter-gewalt-in-brandenburg.de/victims-kajrat-batesov.php
[5] https://www.antifa-berlin.info/sites/d efault/files/dateien/artikel/fb_2018.pdf S. 73
[6] http://www.pnn.de/brandenburg-berlin/1157911/, http://www.pnn.de/brandenburg-berlin/1129222/
[7] http://neuruppin.no-tddz.org/2015/06/06/tddz-2015-blockaden-zwingen-nazis-in-neuruppin-zum-aufgaben/
[8] https://www.antifa-berlin.info/sites/default/files/dateien/artikel/fb_2018.pdf S. 73
[9] htxxx://www.facebook.com/afd.ostprignitz.ruppin/videos/2114742108542789
[10] https://presseservicern.wordpress.com/2017/08/25/neuruppin-proteste-gegen-afd-kundgebung-mit-bjoern-hoecke/
[11] https://www.syndikat.org/de/projekte/jwp_mittendrin/

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