7. April 2020 · Quelle: der Freitag

Wir haben das Gefühl, man hat uns vergessen“

In Zeiten von Corona wird das Leben in Flüchtlingsunterkünften noch schwerer. Viele Menschen auf engem Raum – und über allem schwebt die Angst vor der Abschiebung

Es war wohl nur eine Frage der Zeit. Auch in Bran­den­burg wur­den vorige Woche erst­mals Geflüchtete pos­i­tiv auf Coro­na getestet. Die drei betrof­fe­nen Män­ner kom­men aus Syrien, Tschetsche­nien und dem Irak und wur­den nun in Quar­an­tänecon­tain­ern auf dem Gelände ihrer Unterkun­ft unterge­bracht. Es ist die Erstauf­nahme-Außen­stelle Dober­lug-Kirch­hain, die größte Unterkun­ft für Geflüchtete in Bran­den­burg. Über 400 Men­schen leben dort. Wer in die ehe­ma­lige Kaserne kom­men will, muss zunächst fünf Kilo­me­ter durch mil­itärisches Sper­rge­bi­et im Wald zurück­le­gen.

In dieser Unterkun­ft sind vor allem Men­schen unterge­bracht, die in ein anderes EU- oder Dublin-Sys­tem-Land abgeschoben wer­den sollen. Diese tägliche Angst vor Abschiebun­gen und die Schlaflosigkeit wegen nächtlich­er Polizeiein­sätze hat auch schon vor dem Aus­bruch des Virus die Unterkun­ft zu einem Ort der Unsicher­heit gemacht.

Die Coro­na-Krise ver­größert beste­hende soziale Ungle­ich­heit­en und struk­turelle Diskri­m­inierung tritt noch stärk­er zu Tage,“ sagt Lot­ta Schwedler vom Flüchtlingsrat Bran­den­burg. Der Flüchtlingsrat Bran­den­burg sowie andere Flüchtlingsini­tia­tiv­en, darunter Women in Exile und See­brücke Pots­dam, hat­ten die Bran­den­burg­er Lan­desregierung bere­its in der Woche zuvor aufge­fordert, Geflüchtete bess­er vor ein­er Infek­tion zu schützen und zumin­d­est Men­schen, die Risiko­grup­pen ange­hören, dezen­tral unterzubrin­gen, ähn­lich wie es Schleswig-Hol­stein bere­its beschlossen hat. Neben den leer ste­hen­den Unterkün­ften, die ohne­hin für Geflüchtete vorge­se­hen sind, kön­nten dafür auch leer­ste­hende Hotels, Woh­nun­gen und Ferien­apart­ments genutzt wer­den.

Wege aus der Polar­isierungs­falle: Haben Intellek­tuelle ihr Deu­tungsmonopol ver­loren? Die großen Debat­ten wer­den heute nicht mehr aus der poli­tis­chen Mitte her­aus geführt. Kap­i­tal­is­mus oder Antikap­i­tal­is­mus, Migra­tion oder Abschot­tung, Faschis­mus oder Antifaschis­mus – Zwis­chen­töne sind…

Jeder hat eine Million Fragen“

Social dis­tanc­ing ist für uns unmöglich, da wir uns Küche und Badez­im­mer teilen,“ erzählt Bijan. Der 34-Jährige ist aus dem Iran geflo­hen. Er hat in Deutsch­land Asyl beantragt und lebt jet­zt in ein­er Gemein­schaft­sun­terkun­ft mit 100 Men­schen in Bran­den­burg. Die Coro­na-Krise hätte aber auch noch andere schlimme Kon­se­quen­zen: „Viele Men­schen hier haben ihre Arbeit ver­loren, Men­schen, die das Geld echt gebraucht haben. Und es ist viel schwieriger, die Behör­den zu erre­ichen. Alles dauert länger. Wirk­lich jed­er hat eine Mil­lion Fra­gen, doch die Kom­mu­nika­tion ist extrem eingeschränkt.“

Wir als Flüchtlingsrat sagen, dass zumin­d­est Men­schen, die Vor­erkrankun­gen oder chro­nis­che Krankheit­en haben eigentlich sofort ausziehen müssten,“ so Schwedler vom Flüchtlingsrat. Da diese Fälle jedoch gar nicht alle erfasst seien, wäre der erste Schritt, zunächst Risiko­grup­pen zu iden­ti­fizieren.

Doch das Land Bran­den­burg möchte in den näch­sten Wochen gar keine Geflüchtete in andere Unterkün­fte verteilen – aus „Infek­tion­ss­chutz­grün­den“. Schwedler hält dage­gen: „Aus unser­er Sicht ist ein Infek­tion­ss­chutz bei ein­er Masse­nun­terkun­ft niemals möglich.“ Die Gefahr ist, dass, wenn sich einzelne infizieren, eine ganze Unterkun­ft unter Quar­an­täne geset­zt wer­den muss, wie es in anderen Bun­deslän­dern bere­its geschehen ist. „Das erwarten wir auch in Bran­den­burg,“ sagt Schwedler, „auch wenn das Land das ver­mei­den will. Aber wenn eine bes­timmte Anzahl an Infizierten erre­icht wird, ist es das Gesund­heit­samt, das die Entschei­dung trifft.“ Im thüringis­chen Suhl eskalierte die Sit­u­a­tion, nach­dem Mitte März eine ganze Unterkun­ft zwei Wochen lang unter Quar­an­täne geset­zt wor­den war. „Die Leute haben sich gewehrt, woraufhin die Polizei mit mas­siv­er Gewalt eingeschrit­ten ist,“ erzählt Schwedler.

Die Men­schen ste­hen unter unglaublichem Druck und Stress,“ fügt sie hinzu, „entwed­er, weil sie noch nicht wis­sen, wie ihr Asylver­fahren aus­ge­ht, oder weil sie darauf warten, abgeschoben zu wer­den oder hof­fen, dass es doch nicht passiert.“ Bei vie­len sei zusät­zlich die Angst um Fam­i­lien­ange­hörige groß. Viele lit­ten außer­dem unter post­trau­ma­tis­che Belas­tungsstörun­gen.

Ein Badezimmer für bis zu 35 Menschen

In der Erstauf­nahme teil­ten sich die Men­schen zu zweit oder dritt kleine Zim­mer. In diesen Räu­men sei nichts außer zwei oder drei Met­all­bet­ten, zwei oder drei Met­all­spinde und ein klein­er Met­alltisch. Die Badez­im­mer teil­ten sich bis zu 35 Leute. Unter solchen Bedin­gun­gen in ein­er Masse­nun­terkun­ft in Quar­an­täne zu sein, ist ein Pul­ver­fass.

In Dober­lug-Kirch­hain gibt es laut Schwedler keinen Tele­fon-Emp­fang, nur ganz spo­radis­chen Inter­net-Emp­fang und nur wenige WLAN-Hotspots, um die sich dann alle Leute sam­meln müssen. Für Geflüchtete ist der Inter­net­zu­gang wichtig, um Kon­takt zu ihren Fam­i­lien zu haben, aber auch um an Bil­dung und Infor­ma­tion zu kom­men.

Die Men­schen haben kaum eigene Kochmöglichkeit­en und teilen sich alle eine Kan­tine. „Wir wis­sen, dass da jeden Tag zum Essen jet­zt mit den zwei Metern Abstand, die einge­hal­ten wer­den sollen, eine zwei, drei Kilo­me­ter lange Schlange ste­ht,“ sagt Schwedler, „Ich frage mich, was die machen, wenn es reg­net, wenn man da eine Dreivier­tel Stunde draußen aufs Essen warten muss. Und in den Kan­ti­nen sel­ber sitzen die Men­schen dann wieder dicht an dicht.“

Ein großes Prob­lem in dieser Zeit sei auch Desin­for­ma­tion, berichtet Schwedler, es gebe kaum gesicherte Infor­ma­tio­nen für die Geflüchteten oder diese wür­den nicht weit­ergegeben. „Wir bekom­men so viele Anfra­gen: Was passiert jet­zt mit meinen Aufen­thaltspa­pieren? Wie ver­län­gere ich die, wenn ich nicht zur Aus­län­der­be­hörde gehen kann? Meine Leis­tun­gen sind gekürzt wor­den, ich bekomme nur noch reduzierte Leis­tun­gen meines Taschen­gelds, weil ich an mein­er Pass­beschaf­fung nicht mitwirke, aber das kann ich ger­ade eh nicht. Was kann ich damit machen?“

Kein allgemeiner Abschiebestopp

Abschiebun­gen fän­den momen­tan zwar de fac­to keine statt, so Schwedler, doch laut Aus­sage der Bun­de­spolizei soll sich das zeit­nah wieder ändern. Einen offiziellen Abschiebestopp in Herkun­ft­slän­der gibt es wed­er auf Lan­des- noch auf Bun­de­sebene. Und das, obwohl wegen der all­ge­meinen Ein­reisebeschränkun­gen Men­schen zurück­gewiesen oder im Tran­sit stran­den kön­nten.

Coro­na hat mein Leben sehr viel schw­er­er gemacht. Und es war davor schon schw­er,“ erzählt Tepeina, eine 35-jährige Kenyaner­in, die seit zwei Jahren in Deutsch­land ist und wie Bijan in ein­er Gemein­schaft­sun­terkun­ft in Bran­den­burg lebt. „Ich habe Angst,“ sagt Tepeina, „Wenn sich eine Per­son ansteckt, wer­den wir uns alle ansteck­en.“

Bijan hat in sein­er Unterkun­ft den Ein­druck, dass der Coro­na-Virus nicht die Haupt­sorge der Geflüchteten ist: „Ich habe nicht das Gefühl, dass viele Men­schen in meinem Heim Angst haben, sich mit Coro­na anzusteck­en. Men­schen, die hier leben, haben bere­its viel Schlim­meres erlebt.”

Tepeina engagiert sich als Frei­willige bei Refugee Eman­ci­pa­tion, ein­er Selb­stor­gan­i­sa­tion für Geflüchtete. „Dort helfen wir uns gegen­seit­ig,“ sagt sie. „Momen­tan haben wir Geflüchtete das Gefühl, man hat uns vergessen. Wir kriegen ein­fach keine Unter­stützung in dieser Zeit.“

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