22. September 2004 · Quelle: TAZ

′N bisschen DVU war ooch bei”

Ein Besuch auf ein­er Anti-Hartz-IV-Demo in Bran­den­burg zeigt: meist
ziem­lich wenig. Im Protest unter­schei­den manche nicht zwis­chen links und
rechts

Der Mann in der schwarzen Led­er­jacke hat am Son­ntag ein biss­chen selt­sam
gewählt. Er muss eine Weile über­legen, wenn er seine zwei Kreuze
begrün­den soll. Den “Mann in der schwarzen Led­er­jacke” würde man auf der
Anti-Hartz-IV-Demo in Oranien­burg mit dieser Beschrei­bung schlecht
find­en, weil sie auf fast jeden zweit­en männlichen Demo-Teil­nehmer
zutrifft. Die andere Hälfte wäre mit “der Mann in der Jean­s­jacke”
tre­f­fend beschrieben. Der große bär­tige Mann in der schwarzen Led­er­jacke
sagt: “Dit is im Prinzip, sag ich ma, mehr ne Protest­wahl jew­e­sen.”
Deshalb hat er sich für die PDS entsch­ieden. Und für die DVU. Er ist
damit eine Art leben­der Beweis für eine ger­ade medi­al beliebte These:
Protest ist Protest ist PDS ist DVU ist NPD ist Protest.

Der große bär­tige Mann in der schwarzen Led­er­jacke neigt in der Analyse
seines Wahlver­hal­tens zu verniedlichen­den For­mulierun­gen: “Ich sag ma, n
biss­chen DVU war ooch bei.” Er hält eigentlich gar nicht so viel von den
Recht­sex­tremen — sagt er. Er macht eine weg­w­er­fende Hand­be­we­gung, wenn
er von der DVU spricht. Als wären das alles rechte Schwachköpfe. Aber:
“Es muss was passieren, dass die anderen Parteien Dampf kriegen, dass
die ausm Knick kom­men.”

Schön, kön­nte man nun sagen, im Protest scheint links und rechts ja
tat­säch­lich zu ver­schwim­men. Und mit “den Aus­län­dern” hat das alles wohl
wirk­lich wenig zu tun. Wäre da nicht, neben dem Mann in der schwarzen
Led­er­jacke der Mann in der Jean­s­jacke. Rain­er Siew­ert hat auch DVU
gewählt. Nur DVU. Aus Grün­den der Ver­nun­ft. Die DVU hat beispiel­sweise
gefordert, dass kor­rupte Poli­tik­er in den Knast kom­men. “Kor­rupte
Poli­tik­er gehören nun mal in den Knast”, sagt Rain­er Siew­ert mit einem
beinah kindlich-trotzi­gen Unter­ton in der Stimme.

Oder noch bess­er: “Deutsches Geld für deutsche Auf­gaben.” Wer würde dem
denn wider­sprechen. “Was ist daran bitte rechts?”, fragt Rain­er Siew­ert.
“Wenn wir woan­das hinge­hen wür­den, uns hil­ft doch ooch keena”, sagt er.
Und meint “die Russen”, die bei ihm um die Ecke im Neubauge­bi­et wohnen
dür­fen, nur weil sie irgend­wann mal “einen deutschen Schäfer­hund
hat­ten”, in der Ver­wandtschaft meint er. “Denen gehts bess­er als jedem
anderen hier.” Deshalb also auch: “Deutsche Arbeit­splätze zuerst für
Deutsche.”

Rain­er Siew­ert tut so, als würde er Sätze sagen wie “Gras ist grün.
Tomat­en sind rot.” Er ist Rent­ner, erwerb­sun­fähig, saß in der DDR im
Knast, has­st die PDS (“Partei Dik­ta­torisch­er Schwachköpfe, dit hab ich
mir aus­jedacht.”), er sagt: “Ich kön­nte stun­den­lang so reden.”

Philipp Beck­er hat die Demon­stra­tion angemeldet. Er ist
IG-Met­all-Bevollmächtigter in Oranien­burg. Er ist mal durchge­gan­gen
durch die Menge, während die paar hun­dert Leute vom Arbeit­samt zum
Lan­drat­samt tra­bten. Er hat sich umge­se­hen, aber keine Recht­sex­tremen
ent­deckt. Dann über­legt er kurz: “Man sieht es ja auch keinem an.” Auf
zwei der ver­gan­genen Demos hat­te man es ein paar Leuten ange­se­hen. Sie
kamen vom “Märkischen Heimatschutz”, das ist eine jen­er freien
Kam­er­ad­schaften mit den harm­losen Namen, und sie sind ein­fach
mit­ge­laufen und haben bei der Kundge­bung ihre Trans­par­ente aufges­pan­nt.
Sie wur­den aus­gep­fif­f­en. Und anschließend haben einige Antifaschis­ten
gefordert, dass man sie hätte auss­chließen müssen und von der Polizei
fes­t­nehmen lassen.

Philipp Beck­er hat das geprüft und fest­gestellt, dass die Polizei nur
etwas machen kann, wenn die Neon­azis ver­fas­sungs­feindliche Sym­bole
tra­gen oder wenn sie stören. Nun beste­ht deren Tak­tik im Augen­blick
ger­ade darin, nicht zu stören. Also kon­nte man wenig machen. Außer
pfeifen. Rote Trillerpfeifen hat sowieso fast jed­er dabei.

Alle haben nicht gep­fif­f­en. Der Mann in der Jean­s­jacke, der wie so viele
hier leicht nach Alko­hol riecht, dessen Augen aber noch ein biss­chen
röter sind als die der anderen, er fand das mit dem Pfeifen nicht gut.
Wenn man ständig fordere, dass mehr Jugendliche mit­demon­stri­eren soll­ten
bei den Mon­tags­demos, dann könne man doch nicht, wenn die Jugendlichen
endlich da sind, sie gle­ich wieder vertreiben. “Da kann nicht ‚Nazis
raus′ gerufen wer­den”, sagt er. “Wenn die Jugendlichen kom­men, dann
sollen sie kom­men, egal welche Klam­ot­ten sie anhab­en, egal welche
Gesin­nung sie haben.” Er hat PDS gewählt, nicht DVU.

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