2. Juni 2010 · Quelle: Fete Eberswalde

10 Jahre Falko Lüdke

Eberswalde: Gedenkkundgebung zum Jahrestag des Nazimords

Am 31. Mai jährt sich der Todestag von Falko Lüd­ke zum 10. mal. Er ist nach Amadeu Anto­nio das zweite Opfer von rechter Gewalt in Eber­swalde. Bis heute ist die Tötung von Falko Lüd­ke aber nicht annäh­ernd so bekan­nt, wie die Ermor­dung von Amadeu Anto­nio. Selb­st weite Teile der engagierten Zivilge­sellschaft Eber­swaldes, ken­nt sich mit den Umstän­den von Falko Lüd­kes Tod nicht aus. Nun will aber die Kam­er­ad­schaft Märkisch Oder Barn­im (KMOB) am 5. Juni einen Auf­marsch gegen „Linke Gewalt“ in Eber­swalde durch­führen. Aus­gerech­net dort, wo Recht­sex­treme zwei Todes­opfer zu ver­ant­worten haben. Neben der Auseinan­der­set­zung mit der Ermor­dung von Amadeu Anto­nio gibt es deshalb auch eine Auseinan­der­set­zung mit dem Tod von Falko Lüd­ke. Sie soll zeigen, dass Falko Lüd­ke ein­er poli­tisch motivierten Tat zum Opfer fiel und dass sein Tod auf­grund sein­er Zuge­hörigkeit zur Punk-Szene bis heute ver­harm­lost wird. Am Mon­tag fand deshalb eine Trauerkundge­bung an der Bushal­testelle Spechthausen­er Straße statt, um der Ermor­dung Falkos zu gedenken.

Die Tat

Falko Lüd­ke starb am 31.05.2000, nach­dem er von Mike B., einem ihm bekan­nten Mit­glied der recht­sex­tremen Szene Eber­swaldes, an der Bushal­testelle Spechthausen­er Straße, vor ein Taxi gestoßen wurde.

Falko sprach B. während ein­er Fahrt mit dem O‑Bus auf seine etwa 8 Zen­time­ter große Hak­enkreuztä­towierung am Hin­terkopf an und ver­wick­elte B. in eine Diskus­sion über dessen recht­sex­treme Gesin­nung. Bei­de ver­ließen den O‑Bus an der Hal­testelle Spechthausen­er Straße. B. lud Falko dann auf ein Bier im Hin­ter­hof des bere­its abgeris­se­nen Haus­es Nr.5, direkt hin­ter der Hal­testelle, ein, um dort mit ihm weit­er zu disku­tieren. Als Falko ablehnte kam es zu einem Handge­menge, wobei Falko Lüd­ke mit den Rück­en zur Straße stand und B. mit den Rück­en zu den Häusern. Bei­de bewegten sich immer mehr in Rich­tung Straße bis B., Falko so heftig gegen die Brust schlug, dass dieser nach hin­ten auf die Straße stolperte und von einem Taxi erfasst wurde. Falko Lüd­ke starb noch am sel­ben Abend an seinen Ver­let­z­tun­gen Auf­grund dieses Tather­gangs wurde B. zu ein­er Gesamt­frei­heitsstrafe von vier Jahren und sechs Monat­en verurteilt.

Eine poli­tisch motivierte Straftat

Falko Lüd­ke war ein link­er Punk. Er hat sich als solch­er nicht mit dem Vorhan­den­sein von Recht­sex­tremen in Eber­swalde abge­fun­den, und sich offen­siv gegen die Recht­en einge­set­zt. Punks gehören qua­si zu den natür­lichen Fein­den der Recht­sex­tremen, da diese nicht nur zu ihrer Geg­n­er­schaft zählen, son­dern auch nicht zum Bild eines ordentlichen Deutschen passen. Ein Die Tötung von Falko Lüd­ke hat­te deshalb einen poli­tis­chen Hin­ter­grund. Dies wurde sog­ar gerichtlich fest­gestellt, denn das Gericht hat­te sich nicht nur mit dem Tather­gang auseinan­der geset­zt, son­dern auch mit der Frage, ob Falko Lüd­ke den Täter unnötig provoziert hat­te. Das Gericht stellte fest, dass die „Agi­tierung“ des Täters keine Pro­voka­tion son­dern Zivil­courage war, denn es han­delte sich hier um „berechtigte Vor­be­halte“, schließlich trug B. seine Hak­enkreuztä­towierung offen und war der recht­sex­tremen Szene zuzuord­nen.
Die Tat­sache, dass Falko Lüd­ke nach einem Akt der Zivil­courage gegen Recht­sex­trem­is­mus zu Tode gekom­men ist spielt bis heute keine Rolle. Falko Lüd­ke ist den meis­ten Eber­swaldern bis heute sowieso kaum ein Begriff. Schließlich wurde die Tat von der Eber­swalder Öffentlichkeit ver­harm­lost und ent­poli­tisiert. Die Tötung von Falko Lüd­ke wurde als Rangelei zwis­chen zwei gewalt­bere­it­en Rand­grup­pen dargestellt, der poli­tis­che Gehalt wurde abgestrit­ten.

Die Ver­harm­lo­sung und Ent­poli­tisierung erlaubt die Ver­drän­gung und ges­tat­tet das Ignori­eren von Recht­sex­tremen in Eber­swalde und der Region drumherum.

Ver­harm­lo­sung als Zeichen von latent recht­sex­tremen Ein­stel­lun­gen in der Bevölkerung

Ähn­lich wie bei Dieter Eich, der nur eine Woche vorher von Recht­sex­tremen in Berlin-Buch ermordet wurde, gehörte Falko Lüd­ke zu ein­er sozial-mar­gin­al­isierten Rand­gruppe. Dieter Eich galt als sog. „Alki“, er war ein „arbeit­slos­er Assi“ ohne Wert für die Mehrheits­ge­sellschaft. Der recht­sex­treme Hin­ter­grund und damit der poli­tis­che Gehalt sein­er Tötung wurde nach­haltig ver­drängt. Denn in weit­en Teilen der Bevölkerung sind Erwerb­slose wie Dieter Eich eben nur „arbeits­faule Sozialschmarotzer“.

Und Falko war eben „nur ein Punk“. Die Vor­be­halte der Recht­sex­tremen gegen Punks sind eben­falls bis in die Mitte der Gesellschaft ver­bre­it­et. Punks sind dem­nach dreck­ig, sie neigen ange­blich zum Alko­hol- und Dro­genkon­sum, sie sind arbeitss­cheu und undiszi­plin­iert. Kein vernün­ftiger Bürg­er würde mit bun­ten Haaren und zer­ris­se­nen Hosen rum­laufen und so ein „Hot­ten­tot­ten-Krach“ als Musik beze­ich­nen. Deshalb sind Punks nicht nur für die Nazis, son­dern für die meis­ten Bürg­erin­nen und Bürg­er „Zeck­en“, die die Gesellschaft aus­saugen.

Die Recht­sex­tremen hinge­gen gel­ten für viele in der Mitte der Gesellschaft zwar eben­falls als gewalt­bere­ite Rand­gruppe „die vielle­icht keine Ahnung vom Krieg hat“ sie sind aber im Gegen­satz zu den linken Punks wenig­stens als „pünk­tlich, ordentlich und höflich“ ange­se­hen. Sie „wür­den der Oma einen Platz im Bus freimachen“, wie ordentliche Deutsche eben. Außer­dem hät­ten die Nazis „ja irgend­wie Recht“, wenn sie über Aus­län­der und sog. „Kinder­schän­der“ reden. Das sind nur einige der Sprüche die man sich in Diskus­sio­nen mit Bekan­nten und Ver­wandten anhören muss. Das die Tötun­gen von Dieter Eich und Falko Lüd­ke ent­poli­tisiert, ver­drängt und ver­harm­lost wer­den, so dass sie bis heute kaum als recht­sex­treme Gewalt­tat­en wahrgenom­men wer­den, ist ein Zeichen für latent recht­sex­treme Ein­stel­lun­gen in weit­en Teilen der Bevölkerung.

Auch auf­grund dieser Schieflage im öffentlichen Mei­n­ungs­bild, wird die Bedeu­tung der Eber­swalder Punkszene, sowie das nicht hoch genug einzuschätzende ehre­namtliche Engage­ment, in und um den Jugend­kul­turvere­in Exil, welch­es durch Ange­hörige der Eber­swalder Punkszene geleis­tet wird, bis Heute unter den Tep­pich gekehrt. Vielle­icht hat die inten­sive Auseinan­der­set­zung mit den Tod von Falko Lüd­ke zur Folge, dass es eine ehrliche und wahrheits­gemäße Auseinan­der­set­zung mit den Tod von Falko Lüd­ke gibt und die Bedeu­tung der Tat für Eber­swalde richtig erfasst wird.

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