27. März 2003 · Quelle: MAZ

1000 Stimmen gegen den Krieg in Neuruppin

NEURUPPIN Rund 1000 Schüler und Lehrer haben gestern Abend in Neu­rup­pin mit einem Demon­stra­tionszug durch die Stadt gegen den Krieg im Irak protestiert. Die Teil­nehmer waren mit Zügen und Bussen aus dem gesamten Land­kreis Ost­prig­nitz-Rup­pin angereist und zogen mit einem Ohren betäuben­den Trillerpfeifenkonz­ert vom Rup­pin­er Einkauf­szen­trum aus durch die Junck­er- und die Karl-Marx-Straße durch die gesamte Innen­stadt.

 


 

Der Zug erstreck­te sich über mehrere hun­dert Meter und erregte die Aufmerk­samkeit viel­er Anwohn­er: Dutzende Men­schen beguck­ten die bun­ten Massen von ihren Balko­nen, Pas­san­ten hiel­ten inne, macht­en den Demon­stran­ten mit Zurufen oder spon­tanem Beifall Mut. Von mehreren Polizeifahrzeu­gen esko­rtiert, wälzte sich der laut­starke, aber durch­weg friedliche Protestzug durch die engen Straßen der Kern­stadt. Dutzende Aut­o­fahrer mussten an Straßensper­ren viel Geduld auf­brin­gen.

 

Bei ein­er abschließen­den Kundge­bung auf dem Schulplatz verurteil­ten Schüler­sprech­er und Lehrer die Poli­tik der amerikanis­chen Regierung — teils auf das Schärf­ste. Neben Trans­par­enten mit Auf­schriften wie “Leben ret­ten — Bush anket­ten”, “Kein Krieg für Öl” oder “Krieg für Frieden ist wie Fick­en für Jungfräulichkeit” tru­gen einige Teil­nehmer Peace-Zeichen im Gesicht und so ihren Wun­sch nach Frieden zur Schau. Johannes vom Friedrich-Lud­wig-Jahn-Gym­na­si­um in Kyritz zeigte sich als ein­er der Ver­anstal­ter “über­wältigt, dass so viele Leute hier sind”. Dies sei eine klare Botschaft an die Poli­tik der US-Regierung: “Nein zum Krieg, Nein zu Gewalt, Nein zu Unter­drück­ung”. Zusam­men, sagte der Schüler­sprech­er, “sind wir eine Riesen-Hyper-Friedenswaffe”.

 

Auch Lehrer schlossen sich dem Protest an. Sie sei stolz auf ihre Schüler, sagte eine Kyritzer Päd­a­gogin und fragte: “Wie soll ich meinen Schülern beib­rin­gen, dass sie sich an Geset­ze hal­ten müssen, wenn Bush und Blair unges­traft Völk­er­recht brechen?” R 16

 


 


Über den gestri­gen Protestzug lag ein Hauch von friedlich­er Rev­o­lu­tion — Demo im Däm­mer­licht


 

NEURUPPIN Gestern kurz vor 17 Uhr auf dem Park­platz am Neu­rup­pin­er Reiz: Aus allen Rich­tun­gen strö­men Schü­ler­grup­pen her­an und scharen sich um einen Laut­sprech­er, der not­dürftig auf einem Auto­dach ste­ht. Im Licht der unterge­hen­den Sonne ruft eine Trom­mel­gruppe zum Protest.

 

Etwas abseits ste­hen Kari­na (19), Chris­tine (16), Gabi (17) und Tina (15). Auf ein­er Motorhaube haben die Schü­lerin­nen des Neu­rup­pin­er Schinkel­gym­na­si­ums Bas­tel-Uten­silien aus­ge­bre­it­et: Mit schwarzem Edding beschriften sie zwei neon­far­bene Pap­pen. “Die haben wir eben schnell noch gekauft”, sagt Kari­na und drängt ihre Fre­undin­nen zur Eile.

 

Wenige Minuten später set­zt sich ein gewaltiger Demon­stra­tionszug in Bewe­gung. Die grellen Töne dutzen­der Pfeifen trillern hin­aus in den milden Abend, hallen wider an den grauen Wän­den des Neubauge­bi­ets.

 

Die Ellen­bo­gen auf Kissen gestützt, guck­en Anwohn­er aus ihren Wohnz­im­mer­fen­stern. “Lieber wäre es mir”, sagt ein Demon­strant und blickt nach oben, “wenn die alle run­terkä­men, um dabei zu sein.” Doch an auf­muntern­den Gesten man­gelt es den Protestlern nicht: Pas­san­ten bleiben ste­hen, lächeln, applaudieren.

 

Hun­derte Meter lang wälzt sich der Zug durch Häuser­schlucht­en und ver­bre­it­et gel­len­den Lärm: ein Far­ben­meer aus hun­dert oder mehr Plakat­en, Fah­nen, Trans­par­enten. Auf allen eine Botschaft: Nein zum Irakkrieg.

 

Friedliche Stim­mung

 

Aut­o­fahrer schal­ten die Motoren ab, warten geduldig an den Straßensper­ren und lassen die von Polizeifahrzeu­gen esko­rtierten Demon­stran­ten passieren. Die Stim­mung ist friedlich, an jed­er Straßen­biegung stim­men die Demon­stran­ten neue Sprechchöre an.

 

Eine Dreivier­tel­stunde später auf dem Schulplatz: Rund 1000 Men­schen scharen sich zur Kundge­bung um eine kleine Bühne. Vor rund zwei Wochen hat­te Johannes, Schüler­sprech­er des Kyritzer Jah­ngym­na­si­ums, den Anstoß zur Demo gegeben. Jet­zt ste­ht er oben und ringt um Worte. Über­wältigt sei er, stam­melt Johannes ins Mikro und set­zt zur Rede an. Beklagt den Medi­enkrieg. “Aber sollen wir wegschauen?” Nein. “Nie dür­fen wir wegschauen, wenn Men­schen lei­den.”

 

Dann erk­limmt Malte die Bühne. Aus Lentzke sei er und Schüler­sprech­er des Neu­rup­pin­er Schinkel­gym­na­si­ums. Applaus. “Die USA meinen, Sad­dam sei schuld”, sagte Malte, “Sad­dam meint, die USA seien schuld und die CDU sagt wie immer: Es waren Schröder und die SPD.” Gelächter, Applaus. Die Sol­dat­en seien es, “die sich da draußen die Bir­nen ein­schießen”, wird Malte lauter, und: “Ich sach, ey, die haben alle einen IQ von min­destens 90 und sind damit weitaus schlauer als ihr Präsi­dent.” Frenetis­ch­er Jubel.

 

Auch Hen­ning, Sprech­er der Rheins­berg­er Rauschule, find­et: “Die zivile Welt hat sich bei der Befriedung des Nahen Ostens nicht ger­ade mit Ruhm bek­leck­ert.” Allein durch den Krieg, sagt Hen­ning, “hat die zivile Welt ver­loren”.

 

Poli­tik­er müssten zur Ken­nt­nis nehmen, “dass wir uns hier im Namen des Friedens ver­sam­meln”, sagt Johan­na vom Evan­ge­lis­chen Gym­na­si­um der Stadt. “Wir sind die Zukun­ft”, ruft sie der Masse zu, “und ich hoffe, dass wir nicht den gle­ichen Mist bauen, der jet­zt gebaut wird”. Und wieder jubeln die Kriegs­geg­n­er. Franziska aus Kyritz rez­i­tiert Erich Käst­ners Gedicht “Das let­zte Kapi­tel” — die bewe­gende, 80 Jahre alte Vision ein­er Gift­gas-Apoka­lypse im Jahr 2003. Es ist gespen­stisch still auf dem Schulplatz. Franziska blickt in 1000 betretene Gesichter. “Ich hoffe”, sagt sie dann, “dass Käst­ner damit nicht Recht hat­te”.

 

Als sich die ersten Mück­en gierig auf die Massen stürzen, löst sich die Kundge­bung auf. Und laut schallt ein Lied in die Däm­merung hin­aus: “All we are say­ing”, stim­men alle ein: “is give peace a chance.”

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