27. März 2003 · Quelle: MAZ 26.03.03

Weniger Rechtsradikale Straftaten

LUCKENWALDE — Die bei­den jun­gen Män­ner mit den kurz geschore­nen Haaren
zeigen vor dem Jugend­schöf­fen­gericht in der Kreis­stadt Luck­en­walde eine
Mis­chung aus Geständigkeit, Ver­legen­heit und Auf­säs­sigkeit. Dem einen
Angeklagten wird der uner­laubte Besitz ein­er Stahlrute vorgeworfen.
“Ich
muss mich doch bei Schlägereien zwis­chen Rechts und Links schützen
können”,
erk­lärt er. Sein Kumpel war in einem Bus gewalt­tätig gewor­den, weil ein
mit­fahren­der Schüler ange­blich “Scheiß-Nazi” gesagt haben soll.

 

Zu gemein­nütziger Arbeit verdonnert

 

Bei­de kom­men vor dem Gericht mit Ver­war­nun­gen davon und werden
gemeinnützige
Arbeit leis­ten müssen. Sie waren zuvor kaum durch Straftaten
aufge­fall­en und
wer­den vom Jugendgericht­shelfer als “Mitläufer­typen” in der rechten
Szene
eingeschätzt. Den­noch gehören ihre unlängst ver­han­del­ten Delik­te schon
zu
den schw­er­eren in der Krim­i­nal­sta­tis­tik des ver­gan­genen Jahres.

 

“Von den 67 so genan­nten Staatss­chutzde­lik­ten sind mehr als 90 Prozent
Pro­pa­gan­dade­lik­te”, sagt Krim­i­nal­haup­tkom­mis­sar Hol­ger Krüger. Der
Beamte
leit­et seit dem Juli des Vor­jahres das Jugend­kom­mis­sari­at im
Schutzbereich
Tel­tow-Fläming. Mit Pro­pa­gan­dade­lik­ten meint der Kom­mis­sar konkret
Hak­enkreuzschmier­ereien, Sieg-Heil-Rufe oder das öffentliche Abspielen
verbo
ten­er Nazi-Lieder.

 

Rück­gang der Delik­te um fast 20 Prozent

 

Die Zahl der Straftat­en mit recht­sradikalem Hin­ter­grund ist 2002 in
unserem
Kreis um fast 20 Prozent zurück­ge­gan­gen, und Hol­ger Krüger ist
überzeugt,
dass es nur eine unbe­deu­tende Dunkelz­if­fer gibt. Die Bevölkerung sei
sehr
sen­si­bel und zeige selb­st schein­bare Bagatellen an, begrün­det er.
Besonders
froh ist der Krim­i­nal­beamte über den Rück­gang der Zahl von
Gewaltdelikten.
Seine Erk­lärung für diese Entwick­lung ist ein­fach: Die schar­fen Urteile
der
ver­gan­genen Jahre zeigen Wirkung.

 

Doch die juris­tis­che Aufar­beitung der länger zurückliegenden
Gewalt­tätigkeit­en hat aus der Sicht von Hol­ger Krüger auch
Schattenseiten.
Als Beispiel nen­nt er Treb­bin, das mit den Gerichtsver­hand­lun­gen im
ver­gan­genen Sep­tem­ber um die Prügeleien von 1996 wieder in die
Schlagzeilen
ger­at­en war. Das Bild von der “braunen Hochburg” sei dadurch erneuert
wor­den — die Krim­i­nal­ität­sen­twick­lung sehe jedoch anders aus, betont
der
Kommissariatsleiter.

 

“Wir beobacht­en unsere Klientel”

 

Eine so genan­nte Kam­er­ad­schaft Treb­bin gebe es nicht, und von der Zahl
der
Straftat­en her sei ohne­hin Lud­wigs­felde der Spitzen­re­it­er im Kreis,
sagt
Hol­ger Krüger. Er ist weit ent­fer­nt davon, sich durch die positiven
Ten­den­zen beruhi­gen zu lassen. “Wir ken­nen die Tre­ff­punk­te und wir
beobacht­en unsere Klien­tel”, betont er, “denn die früheren Zustände
sollen
sich nicht wiederholen.”

 

“Unsere Klien­tel” — das sind vor allem Jugendliche zwisch en 14 und 18
Jahren, deut­lich weniger Her­anwach­sende bis 21 und einige Erwachsene.
Die
wenig­sten drück­en mit Klei­dung, Haarschnitt und Grup­pen­ver­hal­ten eine
poli­tis­che Gesin­nung aus, sagt Elke Auer­bach, Press­esprecherin des
Schutzbereiches.

 

Dem Leben eine andere Rich­tung geben

 

“Wenn es Gesin­nung wäre, dann hät­ten wir ja diese Leute später als
stramme
Mit­glieder rechter Organ­i­sa­tio­nen”, begrün­det es die
Polizei­haup­tkom­mis­sarin. Eine solche Entwick­lung sei aber nicht
festzustellen, und über die Jahre bliebe das Altersspek­trum der Täter
etwa
kon­stant. Oft­mals reicht­en schon eine feste Fre­undin, eine andere
Lehrstelle
oder ein Wohnortwech­sel, um dem Leben einen andere Rich­tung zu geben.

 

Vor­beu­gende Arbeit unter Jugendlichen sieht die Polizei als wichtiges
Mit
tel, um recht­sradikale Straftat­en zu ver­hin­dern. Diese Auf­gabe hat das
im
Schutzbere­ich neu geschaf­fene Sachge­bi­et Präven­tion, das sich an den
Schulen
unter anderem auch um die Prob­leme Dro­gen und Gewalt kümmert.

 

Für Hol­ger Krüger sind die vor­beu­gen­den Bemühun­gen aber zu Ende, wenn
Gewalt­tat­en mit recht­sex­tremem oder frem­den­feindlichem Hintergrund
geschehen — wie im Som­mer 2002, als in Lud­wigs­felde ein Afrikaner
brutal
zusam­mengeschla­gen wurde. “Dann steck­en wir Pow­er hinein”, sagt er,
“denn
nur mit schneller Aufk­lärung und harten Strafen kön­nen wir solche
Sachen in
Gren­zen halten.”

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