24. Februar 2005 · Quelle: http://de.indymedia.org/2005/02/107848.shtml

29. Montagsdemo in Jüterbog

von Michael Mau­r­er — 23.02.2005 21:20

Ca. 100 Men­schen aus Jüter­bog und Umge­bung ver­sam­melten sich am 21.02.2005 um 19:00 Uhr zum 29. mal in Folge auf dem Mark­t­platz der beschaulichen süd­bran­den­bur­gis­chen Kle­in­stadt Jüter­bog. Die eisige Kälte wurde mit­tels Glüh­wein und Tee ver­trieben. Unser Anton begrüßte wieder den virtuell anwe­senden Bun­deskan­zler. “Herr Bun­deskan­zler, wir sind wieder da.”

Zum Auf­takt san­gen die Frauen und Män­ner wieder das Spot­tlied “Ger­hard Schröder, Ger­hard Schöder schläf­st Du noch?”, nach der Melodie des Brud­er Jakob.
Stef­fen Marsch dank­te allen fleis­si­gen Flug­blattverteil­ern welche für den “Tag der Rechen­schaft” in Luck­en­walde 2000 Flug­blät­ter verteilt hat­ten, er dank­te auch allen Geschäft­sleuten welche sich bere­it erk­lärt hat­ten in ihren Schaufen­stern den Aufruf aushin­gen. Danach ging er auf Zeitungsmeldun­gen, welche Selb­st­tö­tun­gen von verzweifel­ten Harz-Opfern berichtet hat­ten, ein, und ver­mutete hohe Dunkelz­if­fern von Schick­salen welche niemals an die Öffentlichkeit gelan­gen.

Die meis­ten Rede­beiträge beschäftigten sich mit den Ereignis­sen vom ver­gan­genen Mon­tag vor dem Luck­en­walder Kreistag und dem darauf fol­gen­den Medi­ene­cho. Ins­beson­dere mit dem Leser­brief “unseres” Super­in­ten­den­ten Ficht­müller welch­er den Mon­tags­demon­stran­ten unter anderem “Stim­mungs­mache”, “Teilung der Gesellschaft fortzuschreiben”, “ver­bales Niveau welch­es Dia­log ver­baut” vor­warf und so neben­bei noch mit einem Seit­en­hieb auf die PDS, gar­niert war. Dieser Leser­brief erregte die Gemüter der Mon­tags­demon­stran­ten sehr und der Tenor der Beiträge war nicht sehr fre­undlich.

Michael Mau­r­er eröffnete seinen Rede­beitrag mit einem Zitat von Jean Paul Marat, um seine Mei­n­ung zu den Ereignis­sen vor dem Kreistag noch ein­mal zu unter­stre­ichen:

Um sich die Frei­heit zu erhal­ten, hat eine Nation nur ihre Wach­samkeit, Kühn­heit und ihren Mut. Was aber hat der Fürst alles an Mit­teln, um die Unter­drück­ung voranzutreiben? Er hat ger­adezu die Qual der Wahl.

Das Volk ist nun ein­mal dafür geschaf­fen, von Kabi­net­ten und Min­is­tern zum Nar­ren gehal­ten zu wer­den. Hat es aber tat­säch­lich Vor­würfe und Mah­nun­gen for­muliert und vor­ge­tra­gen, so antwortet der Fürst, er sei „immer bere­it, Beschw­er­den sein­er Unter­ta­nen anzuhören und ihm liege nichts mehr am Herzen als das Glück seines Volkes.“ Und mit diesen schö­nen Sprüchen wer­den sie nach Hause geschickt. Und wenn es gar nicht anders geht, dann wird der gute alte Brauch geübt, alles zu ver­sprechen und nichts zu hal­ten.”
J.P.Marat, 1774 “Die Ket­ten der Sklaverei”

Unser Fürst (Lan­drat) wollte mit uns in einen solchen “Dia­log” treten. Dies ist ihm nicht gelun­gen. Er bess­er daran getan uns zu sagen wo und wann denn diese ominösen Arbeit­splätze endlich geschaf­fen wer­den, welche uns sein Parteifre­und Schröder seit Jahren schon ver­spricht.

Aber außer Stre­ichun­gen, Kürzun­gen, Einsparun­gen, Schließun­gen und schö­nen Worten, hat uns unser Lan­drat nichts zu bieten. Und das er sich “für die Belange der Bürg­er ein­set­zen will” ist keine große Tat, son­dern seine gottver­dammte Pflicht.

Es ist schon schlimm genug wenn die Leben­sum­stände der großen Mehrheit der Men­schen davon abhängig ist, dass eine kleine Min­der­heit von Kap­i­talbe­sitzern ihnen Arbeit gibt um ihren Leben­sun­ter­halt bestre­it­en zu kön­nen. Man nen­nt diese Men­schen auch „Lohn­ab­hängige“, wobei man diese Abhängigkeit seit­ens des Kap­i­tals eher etwas ver­schämt zugeben muss. Da beze­ich­net man sie doch lieber als “freie Men­schen”, denn Kap­i­tal­is­mus wird gerne mit Frei­heit gle­ichge­set­zt. Und die Frei­heit kommt im derzeit­i­gen Wirtschafts­geschehen immer mehr zum tra­gen, freuen wir uns also ob unser­er Frei­heit, denn immer mehr Men­schen wer­den „frei-„ gestellt, während das Kap­i­tal sich die Frei­heit nimmt in ferne Län­der zu ver­schwinden. Warum das Kap­i­tal dies tut begrün­det man gerne mit unseren Ansprüchen, die sind näm­lich zu hoch. Sie seien in jed­er Beziehung zu hoch, seien es Löhne, seien es krankheits­be­d­ingte Ansprüche, seien es Rente­nansprüche oder seien es die Ansprüche der­er, deren Arbeit­skraft vom Kap­i­tal nicht mehr benötigt wird.

Wir leben also „über unsere Ver­hält­nisse“ und nun ist „Gür­tel enger schnallen“ und „Sparen“ ange­sagt. Die Leis­tun­gen des Staates für alle Bürg­er wer­den quer durch die Gesellschaft nach unten geschraubt. Ausgenom­men natür­lich die Bürg­er deren riesige Ver­mö­gen, sich allein durch ihre bloße Exis­tenz, wie von selb­st ver­mehren müssen.
Denn das Wach­s­tum dieser Ver­mö­gen ist nur dann möglich, wenn der Rest der Gesellschaft verzichtet.

Die deutsche Gew­erkschafts­führung bemüht sich ihre Koop­er­a­tion mit Kap­i­tal und Poli­tik nachzuweisen und kämpft verzweifelt als Sozial­part­ner anerkan­nt zu wer­den. Diese defen­sive Strate­gie ver­hin­dert jedoch wed­er den Sozial­ab­bau noch den Nieder­gang der Gew­erkschafts­be­we­gung selb­st.
Die Vol­lar­beits­ge­sellschaft mit dem Leit­bild des Nor­malar­beit­nehmers ist eine trügerische Hoff­nung längst ver­gan­gener Zeit­en.
Es geht um mehr als Löhne und Arbeits­be­din­gun­gen – es geht um Lebens­be­din­gun­gen.

Die “Gew­erkschaft von oben“ ist in dieser Hin­sicht an ihrem gesellschaft­spoli­tis­chen Auf­trag gescheit­ert, zu eifrig strick­te sie selb­st mit an der Aufrechter­hal­tung der Illu­sion, den Kap­i­tal­is­mus mit ein­er “Prise Sozial­is­mus“ auf Dauer human gestal­ten zu kön­nen.

Die derzeit­ige Kap­i­talof­fen­sive instru­men­tal­isiert den Bürg­er, sich, nach Stammtis­chmanier, an der Verächtlich­machung der Gew­erkschafts­be­we­gung und all denen die sich dieser Offen­sive ent­ge­gen­stellen, zu beteili­gen.

Außer den Mon­tags­demon­stran­ten scheint kein­er der Bürg­er zu merken, dass sie fleis­sig ihr eigenes Grab schaufeln.

In diesem Sinne: Wir wer­den nicht aufgeben!

Sol­i­darische Grüße

an alle die noch demon­stri­eren.

Ganz beson­dere Grüße an die Mon­tags­demon­stran­ten in Anger­münde, Schwedt, Eber­swalde, Sen­ften­berg, Königs-Wuster­hausen, Luther­stadt Wit­ten­berg, Jessen, Tor­gau, Gera, Nord­hausen, und Son­der­shausen

Michael Mau­r­er

Home­page:: http://www.montagsdemo-jueterbog.de

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