18. Juni 2004 · Quelle: Berliner Zeitung

800 Unterschriften für Familie Bermúdez Ospina

Eine Fam­i­lie soll nach Kolumbi­en abgeschoben wer­den — nun hofft sie auf das neue Zuwan­derungs­ge­setz

(Berlin­er Zeitung, Mar­tin Kles­mann) FÜRSTENWALDE. Acht Jahre lebt die kolumbian­is­che Fam­i­lie Bermúdez Ospina
jet­zt schon in Deutsch­land, genauer gesagt in Fürsten­walde an der Spree. Doch nun sollen der 36-jährige Par­me­nio Bermúdez und seine Frau San­dra Ospina mit ihren drei Kindern abgeschoben wer­den. Der Peti­tion­sauss­chuss des
Pots­damer Land­tages hat diese Woche das Gesuch der Fam­i­lie abgelehnt, in Deutsch­land bleiben zu dür­fen: “Sie sind aus­reisepflichtig”, teilte die christ­demokratis­che Auss­chussvor­sitzende Mari­na Mar­quardt der Fam­i­lie
schriftlich mit. Am Dien­stag haben sie nun den entschei­den­den Ter­min in der
Aus­län­der­be­hörde.

“Wir haben große Angst, nach Kolumbi­en zurück­zumüssen”, sagt San­dra Ospina.
“Dort müssten wir um unser Leben fürcht­en”, sagte die 35-Jährige, die dort
als TV-Jour­nal­istin gear­beit­et hat. Denn ihr Ehe­mann Par­me­nio war im
Bürg­erkriegs­land Kolumbi­en einst in der marx­is­tis­chen Guer­ril­laor­gan­i­sa­tion
ELN aktiv, hat bewaffnete Vorstöße der Links­guer­ril­la nach Bogo­ta logis­tisch
unter­stützt. Später habe er sich von der Guer­ril­la los-gesagt. Daraufhin
habe man ver­sucht, seinen Sohn zu ent­führen. Er befürchtet, dass er und
seine Fam­i­lie bei ein­er Rück­kehr nach Kolumbi­en Opfer eines Racheak­tes
wer­den — rechte Paramil­itärs, aber auch linke Guer­rilleros gehen in
Kolumbi­en, das seit 40 Jahren von einem Bürg­erkrieg erschüt­tert wird,
äußerst bru­tal sowohl gegen poli­tis­che Geg­n­er als auch gegen ver­meintlich
Abtrün­nige vor.

Ungewöhn­lich an dem Fall: Allein in Fürsten­walde haben gut 800 Men­schen eine
Peti­tion­sliste unter­schrieben, damit die fünf Kolumbian­er in Deutsch­land
bleiben dür­fen. Die Söhne Steven und Dami­an besuchen hier das katholis­che
Gym­na­si­um “Bern­hardinum”. “Ich habe ger­ade die Zulas­sung zur Abiturstufe
erhal­ten”, sagt der 17-jährige Steven, der sehr gut Deutsch spricht — mit
einem kleinen märkischen Ein­schlag. Später möchte er ein­mal Grafik-Design­er
wer­den. Das jüng­ste Kind der Fam­i­lie ist vor vier Jahren in Deutsch­land zur
Welt gekom­men. Der Härte­fall­beirat des Lan­des Bran­den­burg hat in einem
Gutacht­en für den Peti­tion­sauss­chuss für ein Bleiberecht votiert. “Die
Fam­i­lie ist über­aus gut in die Gesellschaft inte­gri­ert”, sagt die
bran­den­bur­gis­che Aus­län­der­beauf­tragte des Lan­des, Almuth Berg­er. Tat­säch­lich
unter­richtet San­dra Ospina seit zwei Jahren an der Volk­shochschule Spanisch
und ist in katholis­chen Gemein­de­grup­pen aktiv. Auch ihr Ehe­mann Par­me­nio
kön­nte sofort als Küchen­hil­fe in ein­er Pizze­ria arbeit­en. “Wenn ich nur eine
Arbeits­genehmi­gung hätte”, sagt er. Die Aus­län­der­beauf­tragte Almuth Berg­er
hofft nun, dass die Fam­i­lie Bermúdez Ospina nicht schon abgeschoben wird,
bevor das neue deutsche Zuwan­derungs­ge­setz in Kraft tritt. Denn, so hofft
Almuth Berg­er, im neuen Zuwan­derungs­ge­setz werde eine Härte­fal­lk­lausel
enthal­ten sein, die der kolumbian­is­chen Fam­i­lie ein Bleiberecht ein­räu­men
kön­nte. Auch der PDS-Recht­spoli­tik­er Ste­fan Sar­rach sagt: “Auf der Grund­lage
des neuen Zuwan­derungs­ge­set­zes ist die gesellschaftlich sehr gut inte­gri­erte
Fam­i­lie wohl ein Härte­fall und dürfte in Deutsch­land bleiben.”

Das Ver­wal­tungs­gericht in Frank­furt (Oder) hat den Asy­lantrag der Fam­i­lie
Bermúdez Ospina bere­its vor einem Jahr als unbe­grün­det abgelehnt. Kolumbi­en
sei ein rel­a­tiv demokratis­ches Land und die Guer­ril­la-Ver­wick­lung sei nun
schon so lange her, dass für Par­me­nio Bermúdez und seine Fam­i­lie keine
Bedro­hung mehr bestünde. “Die Richter haben von Kolumbi­en wohl nicht so viel
ver­standen”, sagt Par­me­nio Bermúdez. Seine Frau ver­weist auf den Fall eines
Bekan­nten, des Asyl­be­wer­bers Diego Bolí­var, der im März 2001 aus Bernau nach
Kolumbi­en abgeschoben wor­den ist. Seit­dem sei er spur­los ver­schwun­den, sagt
San­dra Ospina.

Mit der zuständi­gen Aus­län­der­be­hörde des Land­kreis­es Oder-Spree ist
vere­in­bart, dass die Söhne das laufende Schul­jahr beeen­den dür­fen. Das
Schul­jahr aber endet am 24. Juni.

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