31. August 2004 · Quelle: AANO

9/11/2004: We remember — Antisemiten angreifen!

INFORIOT Wir doku­men­tierten im fol­gen­den einen Demoaufruf der Autonomen Antifa Nor­dost Berlin (AANO).

Daß der Faschis­mus nach­lebt; daß die vielz­i­tierte Aufar­beitung der
Ver­gan­gen­heit bis heute nicht gelang und zu ihrem Zer­rbild, dem leeren und
kalten Vergessen, ausartete, rührt daher, daß die objek­tiv­en gesellschaftlichen
Voraus­set­zun­gen fortbeste­hen, die den Faschis­mus zeitigten.“

Theodor W. Adorno, Was bedeutet Aufar­beitung der Vergangenheit

Als am Mor­gen des 11. Sep­tem­ber 2001 zwei ent­führte Pas­sagier­maschi­nen die Türme
des World Trade Cen­ters zum Ein­sturz bracht­en, feierten Anti­semiten und
Anti­amerikan­er diesen gelun­genen Angriff auf den ‘Welt­feind’. Die Maß­nah­men, die
die USA in Folge des anti­semi­tisch motivierten Anschlages zur Bekämp­fung des
Ter­rors unter­nah­men, führten weltweit zur ver­stärk­ten Äußerun­gen von
anti­amerikanis­chen und anti­semi­tis­chen Ressen­ti­ments. Im Taumel, endlich in
anti­im­pe­ri­al­is­tis­chen Bünd­nis­sen ein­er Masse anzuge­hören, die sich offen der
imag­inierten Autorität USA ent­ge­gen­stellen kon­nte, tat­en sich mal wieder die
Deutschen beson­ders hervor. 

Ein Beispiel: Horst Mahler, früher im RAF-Umfeld aktiv, heute Neonazianwalt,
Holo­caustleugn­er, selb­ster­nan­ntes Opfer der „judäo-amerikanis­chen
Fremd­herrschaft“ usw., ver­suchte sich durch anti­semi­tis­che Auftritte
unter­schiedlich­ster Art seit Jahren an die Spitze der deutschen Selb­stfind­ung zu
manövri­eren. Seit dem 11. Sep­tem­ber 2001 immer erfolgreicher. 

Seinen Wohnort Klein­mach­now teilt er sich mit Bran­den­burgs Innen­min­is­ter Jörg
Schön­bohm (CDU), der als Fos­sil deutsch­er Law and Order Poli­tik Migranten,
Homo­sex­uelle und Linke ver­sucht zu schikanieren, wo er kann. Die Anschläge in
New York beze­ich­net er als Folge der mul­ti­kul­turellen Gesellschaft. Schönbohm
nutzte die weit ver­bre­it­ete Angst nach dem 11. Sep­tem­ber 2001 aus, um für eine
ver­stärk­te Überwachung, die Auf­s­tock­ung der Etats im Bere­ich Innere Sicherheit
und die Ver­schär­fung des Zuwan­derungs­ge­set­zes zu wer­ben. Ein Mann des starken
Staates. Für die Land­tagswahl am 19. Sep­tem­ber hat er sich vorgenom­men, Matthias
Platzek (SPD) als Min­is­ter­präsi­dent von Bran­den­burg abzulösen. Den 11. September
2004, eine Woche vor der Wahl, sehen wir als geeigneten Zeit­punkt sowohl Mahler
als auch Schön­bohm unsere Antipathie vor die Haustür zu tragen. 

schon GEZahlt?

Ein weit­eres Beispiel: Groß Gaglow (Cot­tbus-Süd). Wie in Teltow-Seehof
(Bran­den­burg) wehren sich hier die Nach­fahren der Täter gegen ein laufendes
Rück­über­tra­gungsver­fahren ehe­ma­li­gen jüdis­chen Eigentums.(2) Hier wur­den 1935
die Eigen­tümer von 22 Parzellen aus ihren Häusern ver­trieben. Nur wenig später
wur­den die Grund­stücke an Deutsche verkauft. 

Die Bewohn­er des 1930 von der Jüdis­chen Land­sar­beits­ge­sellschaft erworbenen
Gesamt­grund­stücks wur­den bere­its früh Ziel anti­semi­tis­ch­er Attack­en ihrer
deutschen Nach­barn. Dies gipfelte in einem 1932 durchgeführtem
Sprengstof­fan­schlag auf eines der Häuser. Da in der DDR eine Entschädi­gung nicht
in Frage kam, kon­nten die enteigneten jüdis­chen Fam­i­lien erst nach der
Wiedervere­ini­gung ihren Anspruch auf Rück­über­tra­gung gerichtlich gel­tend machen.
Bis auf einige Wenige weigern sich die heuti­gen Bewohn­er die geforderte
‘Entschädi­gung’ zu leis­ten. Bish­er hat das Lan­desamt zur Regelung offener
Ver­mö­gens­fra­gen (Larov) den Antrag auf Rück­über­tra­gung abgelehnt. 

Die Jew­ish Claims Con­fer­ence (JCC) ver­tritt nun für die früheren Eigen­tümer die
Ansprüche auf die Parzellen. Genau damit hat z.B. der Vor­sitzende des extra
gegrün­de­ten ‘Vere­ins der Resti­tu­tions­bedro­ht­en’ Karl Homer ein Prob­lem. „Wenn da
jemand käme, der keine Exis­tenz hat und nicht weiß, wo er hin soll, mit dem
würde ich meinen Ack­er teilen.“ (1) Mit der JCC tritt hier jedoch statt des
mit­tel­losen zu bemut­tern­den Judens, eines Opfers also, eine schlagkräftigere
Organ­i­sa­tion an, die nicht um deutsche Almosen zu bet­teln braucht. Wenn Juden
selb­st­be­wusst ihr Recht ein­fordern, sei es, dass Israel auf staatliche
Sou­veränität und sein Selb­stvertei­di­gungsrecht beste­ht, oder Arisierungsopfer
auf eine ‘Entschädi­gung’ pochen, sieht der deutsche Gut­men­sch wieder den
Lan­dräu­ber oder Impe­ri­al­is­ten vor sich … the nev­er end­ing ger­man disaster. 

who the fuck is Mahler?

„Deutsch­er Anti­amerikanis­mus ist nicht allein auf die neg­a­tiv­en Erfahrungen
zweier Weltkriege zurück­zuführen. Tiefer und weit­er reichend für das Phänomen
ein­er gle­ich­sam men­tal­en Amerikafeindlichkeit sind jene his­torischen Schichten,
in denen sich über einen lan­gen Zeitraum hin­weg anti­west­liche Mentalitäten
ablagerten.“

Dan Din­er, Feind­bild Ameri­ka — Über die Beständigkeit eines Ressentiments 

Wie der aktuelle Gericht­sprozess gegen Mahler beweist, ist er ein prominenter
Stich­wort­ge­ber und Tabubrech­er der extremen Recht­en. Mit spek­takulären Aktionen,
wie der 2003 geplanten Fahrt in das Ver­nich­tungslager Auschwitz, um vor Ort zu
beweisen, dass die Ver­ga­sung jüdis­ch­er Men­schen nicht stattge­fun­den habe, und
seinen Auftrit­ten in den Medi­en und vor Gericht­en zum Anschlag auf das World
Trade Cen­ter am 11. Sep­tem­ber schafft er es immer wieder in die breite
Öffentlichkeit. Vor allen Din­gen der „jüdis­chen Weltver­schwörung“ und dem „…
Krieg der jüdis­chen Organ­i­sa­tio­nen gegen das Deutsche Volk…“ wid­met Mahler
seine ganze Arbeit­skraft. Anstatt seine Rente zu genießen, sitzt er an seinem
Schreibtisch auf der intellek­tuellen Jagd nach allem Jüdis­chen und dessen
ange­blichen Verbündeten. 

Er, der Horst, hält sich für einen „Reichs­bürg­er, des Deutschen Reich­es“, der
nicht der Zuständigkeit der deutschen Jus­tiz unter­stellt ist, und befürchtet
tagtäglich in seinem Wahn dass „die eth­nis­che Durch­mis­chung des Deutschen
Volkes“ zum „Völk­er­mord“ an diesem ach so edlen Volk führen kön­nte. Dieser
notorische Anti­semit glaubt näm­lich öffentlich äußern zu dür­fen, dass „das
judäo-amerikanis­che Imperi­um“ diesen soge­nan­nten „Drit­ten Weltkrieg“ brauche,
weil „bei­de — die USA und Israel“ moralisch und wirtschaftlich am Ende seien.
Natür­lich ist in seinem Welt­bild dem „Deutschen Volk“ die hero­is­che Aufgabe
zuteil gewor­den als Kämpfer gegen diesen teu­flis­chen Plan mal schnell die
„west­lichen Werte und ihre Ver­w­er­tung aufzuheben, also geistig zu vernichten“.
Was Mahler so alles konkret „geistig zu ver­nicht­en“ gedenkt, beschreiben er und
seine Kumpa­nen Rein­hold Ober­lercher und Uwe Mee­nen vom sog. „Deutschen Kolleg“
in dem Text „Der Unter­gang des judäo-amerikanis­chen Imperi­ums“ sehr deutlich.
Dort ste­ht im zehn­ten Punkt der etwas unübliche, aber eben­so vernichtende,
Lösungsvorschlag eines deutschen Anti­semiten: „Auf der Tage­sor­d­nung der
Welt­geschichte ste­ht … die Beendi­gung Israels durch Unter­w­er­fung aller Juden
unter die islamis­che Herrschaft und die Auflö­sung der USA in exklusive
Sied­lungskolonien der ver­schiede­nen Völk­er­schaften, die staat­srechtlich zu
echt­en Volk­skolonien, zu Sied­lungser­weiterungsräu­men ihrer Mut­ter­völk­er und
Vater­län­der gemacht wer­den. Damit ist dann der blutig­ste Impe­ri­al­is­mus der
Welt­geschichte, das Anti-Imperi­um der Anti-Nation abgewick­elt und in eine
Wel­tord­nung der sou­verä­nen Völk­er in gegen Fremd­in­ter­ven­tio­nen gesicherten
Kul­tur­räu­men verwandelt.“ 

Solche Sätze schreibt Mahler in dem ver­schlafe­nen Ort Klein­mach­now im Lan
d
Bran­den­burg. Seine Aktiv­itäten im inter­na­tionalen Net­zw­erk der
Geschicht­sre­vi­sion­is­ten sowie die zahllosen anti­semi­tis­chen Het­zti­raden in der
Öffentlichkeit machen ihn trotz seines offen­sichtlichen Wahns gefährlich. Er
wird von Jung­nazis hofiert, die NPD rückt zwar offiziell von ihm ab, aber
ver­dankt zu großen Teilen auch ihm ihre Legal­ität und die antifaschistische
Linke attack­iert ihn nur wenn er Mon­tags demon­stri­eren geht oder sich in eine
Frank­furter Szenekneipe verir­rt. Doch wir wollen ihn in ‘sein­er Heimat’ besuchen. 

lets rock!

„Lass uns disku­tieren denn in unserm schö­nen Land,
sind zumin­d­est the­o­retisch alle furcht­bar tolerant
Worte wollen nichts bewe­gen Worte tun nie­man­den weh
Darum lass uns drüber reden, Diskus­sio­nen sind ok
Nein“

Die Ärzte, Deine Schuld 

Mit Anti­semiten disku­tieren wir nicht. Wenn Anti­semiten zuschla­gen, egal ob
ver­bal oder non­ver­bal, dann wollen wir dafür sor­gen, dass sie es nie wieder tun.
Aber die staat­shörig-autoritäre Antwort auf die anti­semi­tis­che Real­ität in
Deutsch­land ist nicht unsere Lösung.
Die bei­den Demon­stra­tio­nen sind unsere Art der Antwort auf die vielen
unter­schiedlichen anti­semi­tis­chen Aufwal­lun­gen hier in diesem Land. Groß Gaglow
und Klein­mach­now sind zwar nur zwei Hotspots von vie­len, doch sie stehen
exem­plar­isch für alle. Fre­undin­nen und Fre­unde Israels müssen sich nicht nur
gegen die Dif­famierung des Staates Israel wen­den, son­dern auch die alltägliche
Bedro­hung durch die anti­semi­tis­che Real­ität in diesem Lande zur Ken­nt­nis nehmen
und attack­ieren. Egal ob in Berlin oder Brandenburg. 

Anti­semiten angreifen! In Groß Gaglow, Klein­mach­now und überall!

/// Antifaschis­tis­che Demonstrationen

//// Groß Gaglow 12:00 Uhr — Start: Zielona Gora Str. / Hegelstr.

//// Klein­mach­now 15:00 Uhr — Start: Zehlen­dor­fer Damm / Käthe Kollwitz-Str.

Anmerkun­gen:

(1) zitiert nach Lausitzer Rund­schau, 17.06.2004

(2) Siehe Jun­gle World 18/2004

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