23. Januar 2005 · Quelle: MAZ

Abschied mit Tränen

(MAZ, 22.1., Fred Has­sel­mann) BELZIG Trä­nen flossen gestern während der Zeug­nisüber­gabe in der Klasse 10b des
Fläming-Gym­na­si­ums. Doch war nicht etwa die eine oder andere schlechte
Zen­sur der Aus­lös­er des Gefühlsaus­bruchs, son­dern der unfrei­willige Abschied
der Schüler von ihrer viet­name­sis­chen Klassenkam­eradin (Name ist der
Redak­tion bekan­nt). Die 16-Jährige, die seit August 2004 bei einer
Pflege­fam­i­lie in Wiesen­burg gewohnt hat­te, soll an diesem Wochenende
zusam­men mit ihrem 13-jähri­gen Brud­er, in ein Heim in Fürsten­walde gebracht
wer­den. “Wir hät­ten uns alle gewün­scht, dass das Mäd­chen wenig­stens noch
ihren 10. Klasse-Abschluss bei uns machen kann”, sagt Klassen­leit­er Bernd
Hering. 

Er ver­liert eine sein­er besten Schü­lerin­nen, denn die Viet­namesin hatte
alles Ein­sen auf dem jet­zi­gen Hal­b­jahreszeug­nis. Er ken­nt sie bere­its seit
der 7. Klasse. Auch Schulleit­er Bernd Gan­schow bedauert es, dass sie so kurz
vor den Prü­fun­gen nun in eine andere Schule muss. 

Auch die Bere­itschaft zweier Fam­i­lien, das Mäd­chen bis zum Som­mer bei sich
aufzunehmen, kon­nte die ver­ant­wortlichen Behör­den nicht von der Entscheidung
abbrin­gen. Wie Bran­den­burgs Aus­län­der­beauf­tragte Almuth Berg­er der MAZ
erk­lärte, sei dies ohne Prü­fung der Fam­i­lien vom Jugen­damt des Landkreises
Pots­dam-Mit­tel­mark nicht möglich. Die Unter­bringung in dem Heim sei für die
Viet­namesin, deren Eltern inzwis­chen wieder in ihrer Heimat leben, derzeit
die best­mögliche Lösung. “Wir sind alle bemüht, dafür zu sor­gen, dass die
bei­den Kinder nach ihrer Schulzeit wie von ihnen gewün­scht in Deutschland
bleiben kön­nen”, betonte sie. 

Nach Infor­ma­tio­nen der MAZ gibt es min­destens eine Fam­i­lie, die bere­its als
geprüfte Pflege­fam­i­lie eingestuft ist und not­falls sog­ar bere­it wäre, eine
so genan­nte Kostenüber­nah­meerk­lärung zu unter­schreiben. Denn während der
Heim­platz in Fürsten­walde aus der märkischen Lan­deskasse bezahlt wird, muss
der finanzielle Aufwand für Pflegeel­tern vom Jugen­damt über­nom­men werden. 

Bei ihren Recherchen in den zuständi­gen Behör­den war die MAZ auf eine Mauer
des Schweigens und auswe­ichen­der Antworten zu dem Fall gestoßen. Nahezu alle
Befragten ver­wiesen auf den zuständi­gen Vor­mund der Kinder. Doch Amtsvormund
Annemarie Pchalek ver­weigerte auf Anfrage der MAZ mit Hin­weis auf eine
Dien­stan­weisung eben­falls jede Auskun­ft. Sie sei nicht gewil­lt, darüber zu
reden. Auch die Aus­län­der­beauf­tragte des Lan­des wollte mit Rück­sicht auf die
Per­sön­lichkeit­srechte des Kindes keine Hin­ter­gründe der Angelegenheit
preis­geben. Nach ihren Angaben sei das Mäd­chen mit dem Umzug einverstanden.
Eine Stel­lung­nahme der Betrof­fe­nen war nicht zu erhal­ten, da ihr Anwalt ihr
ger­at­en haben soll, zu schweigen. 

Dabei war der Fall bere­its The­ma der Eltern­sprecherkon­ferenz am 11. Januar,
wie Schul­sprech­er Horst Taube bestätigt. Obwohl einige Schüler und Lehrer
bere­its damals mit Unter­schriften­samm­lun­gen gegen die Unter­bringung der
viet­name­sis­chen Schü­lerin in dem Heim protestieren woll­ten, hat­te man
zunächst ver­sucht, ohne Ein­beziehung der Öffentlichkeit mit den zuständigen
Ämtern eine Lösung zu find­en. “Dass es nun so schnell passieren würde, hätte
ich nicht gedacht”, sagt Taube, der sich durch den Ter­min — Ferienbeginn -
aus­get­rickst fühlt. “Ich bedau­re im Nach­hinein, dass wir nicht doch eher die
Öffentlichkeit mobil­isiert haben”, erk­lärte er gestern.

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