8. Dezember 2005 · Quelle: Verfassungsschutz Brandenburg

Alles nur geklaut

Im ver­gan­genen Jahr melde­ten sich immer wieder ein­mal Bran­den­burg­erin­nen und Bran­den­burg­er beim Ver­fas­sungss­chutz, die Flug­blät­ter vom “Schutzbund Deutsch­land” in ihren Briefkästen gefun­den hat­ten. Diese Blät­ter riefen zum Wahlboykott auf, beschworen die “Aus­plün­derung unseres Volkes durch das raf­fende Kap­i­tal” und den “Ausverkauf” des Lan­des durch “Speku­lanten und Zin­shaie”, die aus der Jugend “umherziehende Arbeit­sno­maden” macht­en, “die mit Negern, Polen usw. um die Arbeit stre­it­en müssen”.

Es war nahe­liegend und richtig, dem Ver­fas­sungss­chutz diese Flug­blät­ter zuzuschick­en. Denn der “Schutzbund Deutsch­land” und die recht­sex­trem­istis­che “Nation­aldemokratis­che Partei Deutsch­lands” (NPD) erscheinen nicht zufäl­lig ähn­lich.

NSDAP-Pro­gramm als Vor­bild des Schutzbun­des

Anfang 2004 hat­te sich die die “Bewe­gung Neue Ord­nung” (BNO) von der NPD abges­pal­ten, weil let­ztere nicht “ras­sis­tisch genug” gewe­sen sei. Der Ver­fas­sungss­chutz Bran­den­burg hat darüber berichtet (siehe Link am Ende des Artikels). Einige auf den aktuellen “Schutzbund”-Flugblättern erwäh­nte Per­so­n­en sind als Aktivis­ten der BNO in Erschei­n­ung getreten.

Viele Forderun­gen auf diesen Flug­blät­tern sind dem Pro­gramm der BNO ent­nom­men, das sich wiederum stark an das 25-Punk­te-Pro­gramm der NSDAP anlehnt. Recht­sex­trem­is­ten ver­leug­nen ihre nation­al­sozial­is­tis­chen Vor­bilder nicht.

Anlei­hen beim Linksradikalis­mus haben Tra­di­tion

Auch die Flug­blatt-Illus­tra­tio­nen sind keine Eigen­schöp­fun­gen. Die kernige Faust, die die Schuldigen am ver­meintlichen “Ausverkauf” Deutsch­lands trifft, schlug vor 80 Jahren schon ein­mal zu. Damals ließ John Heart­field, KPD-Mit­glied und Sekretär der “Roten Gruppe”, sie unter dem Mot­to “Tod dem Faschis­mus” auf Hak­enkreuz und Stahlhelm zie­len. Heart­fields Arbeit­en waren, nicht zulet­zt durch seine Mitar­beit an der “Roten Fahne”, in den 1920er Jahren und Anfang der 1930er Jahre wei­thin bekan­nt.

Es ist keine Neuigkeit, dass Recht­sex­trem­is­ten sich der Sym­bo­l­ik, der Lieder und Texte linksradikaler Grup­pen des vorigen Jahrhun­derts bedi­enen.

So heißt es in dem bekan­nten Lied auf den “Kleinen Trompeter” des Rot­fron­tkämpfer­bun­des von 1925:

“Von all unsren Kam­er­aden

war kein­er so lieb und so gut
wie unser klein­er Trompeter,

ein lustiges Rot­gardis­ten­blut”.

Bei den Nazis wurde wie fol­gt umge­tex­tet:

“… wie unser Sturm­führer Wes­sel,

ein lustiges Hak­enkreu­zlerblut”.

Auch ein anderes NS-Kampflied fand seine Vor­lage in einem sehr pop­ulären Arbeit­er­lied:

“Auf, auf zum Kampf!

Zum Kampf sind wir geboren.

Auf, auf zum Kampf, zum Kampf sind wir bere­it!

Dem Karl Liebknecht haben wir´s geschworen,

der Rosa Lux­em­burg reichen wir die Hand”.

Dies­mal beg­nügte sich die NS-Ver­sion mit dem Aus­tausch der bei­den Namen durch den des “Führers”.

Die Rei­he solch­er Nazi-Adap­tio­nen lässt sich fort­set­zen. Ob “Sozial­is­ten­marsch” (1891), “Dem Mor­gen­rot ent­ge­gen” (1910), “Wann wir schre­it­en Seit´ an Seit´” (1920) — die Nation­al­sozial­is­ten über­nah­men die Lieder, die bis dahin tra­di­tionell der radikalen Linken zuzurech­nen waren, für ihre Zwecke. Sie erk­lärten diese geisti­gen Raubzüge damit, dass sie “nationale Sozial­is­ten” seien, eine poli­tis­ches Selb­stein­schätzung, die u. a. in der heuti­gen Kam­er­ad­schaftsszene, in der NPD und im besagten “Schutzbund Deutsch­land” weit­er­lebt.

“Dreck­ig, schmutzig, schäbig!”NPD zur Grün­dung der “Bewe­gung Neue Ord­nung” (BNO)

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