7. Juli 2005 · Quelle: taz

Als Piprek Wind säte

(ULRICH SCHULTE, taz) HOHENSTEIN Der Bauer Piprek steigt vor­sichtig über die Pflänzchen, die sich in Rei­hen bis zu ent­fer­n­ten Bäu­men ziehen und dahin­ter noch weit­er. “Wer das umgraben will, braucht schw­eres Gerät.” 40 Hek­tar sind es und Jörg Piprek fällt vor all der Erde nicht weit­er auf, er ist von klein­er Statur und trägt braune Jacke zu beiger Hose. Doch seine Ansicht­en kön­nten kaum mehr Auf­se­hen erre­gen im Dorf. “Den Anbau von gen­ma­nip­uliertem Mais sehe ich als Chance”, ist eine davon und der Grund, dass der 44 Jahre alte Piprek sich sog­ar schon gefragt hat, ob sein Feld wom­öglich sabotiert wer­den könnte. 

Deutsche Bauern dür­fen dieses Jahr erst­mals kom­merziell und nicht mehr nur ver­such­sweise gen­ma­nip­ulierten Mais anbauen. Ins­ge­samt ste­hen in Deutsch­land rund 378 Hek­tar davon. Piprek hat Ende April das Saatgut des US-Konz­erns Mon­san­to aus­ge­bracht. Das, was sein Flurstück beson­ders macht, ist, dass es in einem Natur­park liegt. Im Dorf Hohen­stein, gut 30 Kilo­me­ter östlich von Berlin, begin­nt die Märkische Schweiz, ein Vogelschutzgebiet. 

Jet­zt sprießt das Zeug, bere­its zwei Hand­bre­it hoch, und die Stimme des Anwohn­ers Christoph Dün­bier zit­tert vor Empörung, wenn er die “über­fal­lar­tige Tak­tik” Pipreks beschreibt. Bürg­er­meis­ter Eber­hard Krüger wedelt heute noch beschwichti­gend mit der Hand, wenn er an die Ver­samm­lung im Gemein­de­haus zurück­denkt, und der Naturschutzbund wird das Land Bran­den­burg verk­la­gen. Man kann sagen, dass der Plan des Bauern Piprek dem Dorf einen nie gekan­nten Wirbel­sturm beschert hat. Um dem “Krieg auf den Dör­fern” nachzus­püren, den die Min­is­terin Renate Künast ver­gan­ge­nes Jahr befürchtete, ist Hohen­stein ein guter Ort. 

Es begann damit, dass sich Piprek ins Büro der ehe­ma­li­gen Land­wirtschaftlichen Pro­duk­tion­sgenossen­schaft unter das BASF-Poster mit dem blühen­den Raps­feld geset­zt und gerech­net hat. Gel­ernt ist gel­ernt, er ist Diplom-Agrarin­ge­nieur. Der Maiszünsler hat ihm im ver­gan­genen Jahr ein Drit­tel der Ernte zer­stört, mit dem gen­ma­nip­ulierten Mais des US-Konz­erns Mon­san­to der Ken­n­marke MON 810 kann das nicht passieren. 

Die Mon­san­to-Forsch­er haben dem Mais ein Gen des Boden­bak­teri­ums Bacil­lus thuringien­sis einge­set­zt, Stau­den dieses Mais­es bilden wie das Bak­teri­um ein giftiges Pro­tein. Die Raupe des Fal­ters, die sich tief in Blät­ter und Stän­gel frisst, kommt deshalb nicht weit. Knapp 90 Euro bezahlt Piprek pro Hek­tar für nor­male Mais­saat, der manip­ulierte Mais kostet 23 Euro mehr. Dafür kalkuliert Piprek 40 Euro weniger für Insek­tizide. Der Bauer hat das Feld bestellt und dies, wie vorgeschrieben, drei Monate vor der Aus­saat dem Bun­de­samt für Ver­brauch­er­schutz gemeldet. Dem Dorf hat er nicht Bescheid gesagt. 

Die Speer­spitze des Hohen­stein­er Öko­protestes muss man sich als schmalen, ergraut­en Kün­stler vorstellen. Christoph Dün­bier, 46, Maler und Bild­hauer von Beruf, ist samt Frau und Kindern 1993 aus Berlin her­aus­ge­zo­gen. Er lehnt an dem ehe­ma­li­gen Stall, den sie innen mit Ter­rakottafliesen und Echtholzküche aus­ges­tat­tet haben, schaut hinüber zur Pfer­dewiese des Nach­barn und sagt: “Im Prinzip geht es doch darum, die Dose nicht noch ein Stück weit­er zu öff­nen.” Als ein Fre­und ihm erzählte, dass auch Hohen­stein im Stan­dortreg­is­ter der Gen­mais-Flächen im Inter­net ste­ht, begann Dün­bier zu recherchieren. 

Das Prinzip der Koex­is­tenz, das Mon­san­to propagiert, besagt, dass gen­tech­nisch verän­derte Pflanzen prob­lem­los neben altherge­brachtem Anbau wach­sen kön­nen. Dün­bier hält das für eine Lüge. Ihn ärg­ert, dass ein glob­al agieren­der Konz­ern mit­ten im Idyll der wach­senden Ökoszene im Märkisch-Oder­land Fuß fassen will. “Der Pflanze wer­den Eigen­schaften beige­bracht, die mit ihr nichts zu tun haben. Es wird unsere Natur enorm verän­dern, wenn wir mehr und mehr kün­stliche Gen-Kom­bi­na­tio­nen freisetzen.” 

Dün­bier hat Infor­ma­tion­str­e­f­fen mit den Dör­flern organ­isiert, er schick­te Briefe an Jür­gen Trit­tin in Berlin und den Lan­desumwelt­min­is­ter Diet­mar Woid­ke in Pots­dam. Der antwortete ver­ständ­nisvoll, schloss aber so: “Der Anbau von MON-810-Mais liegt derzeit in der Wahl­frei­heit des einzel­nen Land­wirts.” Schließlich ist Dün­bier von Tür zu Tür gezo­gen und hat gesam­melt, 91 Fam­i­lien aus Hohen­stein unter­schrieben, das sind bei rund 430 Ein­wohn­ern eine ganze Menge. Das Dorf wandte sich gegen Piprek. 

Sie fürcht­en, dass seine weni­gen Hek­tar erst der Anfang sind und dass an der Region kün­ftig ein Makel haftet. “Die Angst, dass die Aufkäufer das ganze Märkisch-Oder­land als Gen­tech­nik-Zone sehen, sitzt uns im Nack­en”, sagt Kirsten Ewald, die mit ihrem Mann einen Bio­hof bewirtschaftet und Roggen für Biobäck­ereien anbaut. 

Piprek erwidert, dass Mais und Roggen “nun mal zwei Geschicht­en” sind, der eine befruchtet den anderen nicht. Deshalb fühlt er sich für das Prob­lem der anderen nicht zuständig. Er säte Ende April, das Fernse­hen kam und ein Mon­san­to-Vertreter auch, den die prak­tisch denk­enden Fernsehleute gle­ich mit interviewten. 

Jörg Piprek gestikuliert kaum, oft ruhen seine Bauern­hände, ris­sig und mit Dreck unter den Fin­gernägeln, auf dem Bauch. So sitzt jemand, der von dem, was er sagt, fest überzeugt ist. “Für mich ist entschei­dend, dass der Men­sch keinen Schaden nimmt.” Seinen manip­ulierten Mais hat die EU geprüft und zuge­lassen. Eine Ver­sicherung hat er nicht abgeschlossen, auch wenn ihn nach dem Gen­tech­nik-Gesetz jed­er Nach­bar für Schä­den haft­bar machen kann. “Ich habe die Maß­nah­men so ergrif­f­en, dass nichts passieren kann.” Für Sätze wie diesen braucht es Glauben, der Protes­tant Piprek hat auch im zweifel­nden Kirchenkreis darüber gesprochen. 

Er hält das Risiko für kalkulier­bar, eben­so wie den Saatgut­preis. Piprek beugt sich vor, nimmt einen Kugelschreiber und zeich­net ein Rechteck, das Feld, auf ein Blatt Papi­er und dann einen schmalen Streifen hinein, die zehn Hek­tar Gen­tech-Mais. Ein 30 Meter bre­it­er Gür­tel aus herkömm­lichen Pflanzen ste­ht um die manip­ulierten. Mon­san­to emp­fiehlt 20 Meter. Pipreks Schutzgür­tel soll jeden­falls jedes Körnchen Pollen des manip­ulierten Mais­es auf­fan­gen. Sie fliegen schlecht, denn sie sind schw­er. Die näch­sten Maispflanzen ste­hen fünf Kilo­me­ter weit­er, der Nach­bar verkauft sie als Fut­ter, Piprek hat sich erkundigt. Und deutsche Rinder dür­fen gen­ma­nip­ulierten Mais fressen, ohne dass es der End­ver­brauch­er erfährt. “Jede bran­den­bur­gis­che Kuh frisst zwei Kilo Sojaschrot am Tag, davon sind 60 Prozent gen­ma­nip­uliert. Es ist eben da”, sagt er. Seine eigene Ernte, manip­uliert­er Mais samt gen­tech­freiem Schutzgür­tel, wird er kom­plett als gen­ma­nip­uliert verkaufen. Im Übri­gen gebe es keine Vorschrift über die Abstände, nur eine Empfehlung vom Her­steller. Die Vorschriften hat Piprek auf sein­er Seite. 

Nun ver­hält sich die Natur nicht so ordentlich wie ein Kulistrich auf einem Notizblock. Christoph Dün­bier kann lange darüber referieren, welche Studie das wie belegt. Nehmen wir nur das Tagp­faue­nauge. Die Lar­ven schlüpfen zur Zeit der Mais­blüte, die Wirt­spflanzen, zum Beispiel Nes­seln oder Ampfer­gewächse, ste­hen direkt neben dem Feld. Die Rau­pen fressen manip­ulierte Pol­lenkörn­er mit, die sich auf den Blät­tern abge­lagert haben. Die gen­ma­nip­ulierte Kost bekommt ihnen schlecht, sie nehmen langsam zu, manche ster­ben. Und, fünf Kilo­me­ter hin, fünf Kilo­me­ter her, Rehe oder Wild­schweine kön­nen Pollen noch viel weit­er tra­gen. Dün­bier erk­lärt und erk­lärt und reicht zum Kaf­fee Super­markt-Milch, ver­mut­lich ken­nt er Pipreks Kuh­fut­ter­in­for­ma­tion nicht. 

Das alles ist auch eine Frage der Kul­tur. Die Land­wirte, die zu DDR-Zeit­en in Hohenstein
arbeit­eten, haben erlebt, wie Flugzeuge mit DDT-Fracht über das Dorf flo­gen. Für die Nöte des Tagp­faue­nauges brin­gen sie wenig Ver­ständ­nis auf. “Die aus den großen Städten sind da ein biss­chen tem­pera­mentvoller als die, die ewig hier leben”, sagt Eber­hard Krüger der Bürg­er­meis­ter. Vie­len reichte es, Piprek die Mei­n­ung gesagt zu haben. Aber Ein­mis­chung von außen? 

Dün­bier, die Biobauern und der Naturschutzbund lassen die Sache nicht auf sich beruhen. Wenn die in Pots­dam doch nur den 38a rechtzeit­ig in Lan­des­ge­set­zge­bung gegossen hät­ten. Dann stünde der Gen­tech-Mais jet­zt nicht in Hohen­stein, sagt Dün­bier. Para­graf 38a des Bun­desnaturschutzge­set­zes schreibt vor, dass “Pro­jek­te” wie die “Freiset­zung gen­tech­nisch verän­dert­er Organ­is­men” in Vogelschutzge­bi­eten geprüft wer­den müssen. Ob sie sich mit dem Schutzziel vere­in­baren lassen, ob sie Arten gefährden. Der Nabu lässt ger­ade ein Gutacht­en erstellen und will kla­gen. Hohen­stein kön­nte zum Präze­den­z­fall für €päis­che Vogelschutzge­bi­ete wer­den. Denn leuchtet es nicht ein, dass Gen­tech-Mais und Naturschutz nicht zusammenpassen? 

In den Fluren des bran­den­bur­gis­chen Umwelt­min­is­teri­ums bes­tim­men Para­grafen die Diskus­sion. “Der 38a wird über­schätzt”, sagt Peter Rudolph aus der Abteilung Ver­brauch­er­schutz trock­en. Selb­st wenn er auf Lan­desrecht herun­terge­brochen wäre, ließe er sich kaum auf Hohen­stein anwen­den. Ist von der EU genehmigter Anbau ein “Pro­jekt” im Sinne des Geset­zes? Reichen die paar Laborstu­di­en, um Kausal­ität zu bele­gen? Rudolph pflückt die Aufre­gung Korn für Korn auseinan­der. Das Land scheut ein Ver­bot, es gibt zu wenig Antworten. 

Piprek wird also ern­ten in Hohen­stein, die Ernte kauft die Märkische Kraft­fut­ter GmbH als Viehfut­ter auf. Das Ange­bot hat sie auch den anderen, kon­ven­tionellen Bauern der Gegend gemacht, die GmbH hat dies mit Mon­san­to verabre­det. Dün­bier will sich gegen einen Anbau im großen Stil näch­stes Jahr stem­men, und es klingt ehrlich verblüfft, wenn er resümiert: “Ich bin echt davon aus­ge­gan­gen, dass das klappt. Dass wir das ver­hin­dern können.”

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