13. Juni 2007 · Quelle: Michael Kohlstruck

Alte Ziele und neue Strategien der NPD

Mitschrift eines Vor­trags von Michael Kohlstruck in Hohen Neuen­dorf am 28. März 2007. Der Vor­tragsstil wurde beibehal­ten. Dr. Michael Kohlstruck, Poli­tik­wis­senschaftler, ist an der „Arbeitsstelle Jugendge­walt und Recht­sex­trem­isms“ des Zen­trums für Anti­semitismus­forschung (TU Berlin) beschäftigt. Der Text liegt hier im PDF-For­mat zum Down­load bere­it, inklu­sive ergänzen­der Fuss­noten.

Recht­sex­treme arbeit­en seit einiger Zeit mit neuen Meth­o­d­en. Die inhaltliche Sub­stanz ihres Denkens und die Ziele ihres poli­tis­chen Han­delns haben sich jedoch nicht verän­dert. Wenn ich im fol­gen­den von Recht­sex­trem­is­mus spreche, so meine ich damit die NPD, die heute eine aggres­sive Führungsrolle im recht­sex­tremen Spek­trum innehat. Zu ihren Unter- und Nebenor­gan­i­sa­tio­nen gehören die „Jun­gen Nation­aldemokrat­en“ oder der „Ring Nationaler Frauen“.

Die Aktiv­itäten der NPD spie­len sich — bildlich gesprochen — in einem Haus mit mehreren Eta­gen ab: Wir haben zunächst als sta­biles Fun­da­ment eine bes­timmte Weltan­schau­ung, näm­lich die völkische Weltan­schau­ung. Über diesem — nur teil­weise sicht baren — Fun­da­ment erheben sich drei Eta­gen: die Aktiv­itäten in Bund, Län­dern und — unser The­ma — in den Gemein­den. Ver­bun­den wer­den sie durch vier Säulen, die den ganzen Bau zu sam­men­hal­ten und mit dem Fun­da­ment verbinden. Auch darauf komme ich noch zu sprechen.

Zunächst zum Fun­da­ment. Was bedeutet völkische Weltan­schau­ung? „Völkisches Denken“ nen­nt man die gesellschafts- und geschichts­be­zo­ge­nen Konzepte, für die ein ganzheitlich ver­standenes, kul­turell homo­genes Volk (und nicht das Indi­vi duum) die Grun­dein­heit des sozialen Lebens darstellt. Dieses Denken ist in Deutsch­land an der Wende des 18. zum 19. Jahr hun­derts ent­standen und seit­dem kon­tinuier­lich, allerd­ings in unter­schiedlichen starken Aus­prä­gun­gen ver­bre­it­et. Die „Völkische Bewe­gung“ des Kaiser­re­ich­es bildete einen ersten Höhep­unkt. Zwis­chen den Weltkriegen erfuhr die völkische Weltan­schau­ung einen zweit­en Auf­schwung. Für den Nation­al­so zial­is­mus war sie fes­ter Bestandteil sein­er Ide­olo­gie. Die völkische Weltan­schau­ung geht davon aus, daß „Völk­er“ als kollek­tive Ganzheit­en die eigentlichen und maßge­blichen Sub­jek­te des sozialen und geschichtlichen Lebens darstellen. Die einzelne Per­son kommt nur in Betra­cht soweit sie Teil eines Volkes ist und sich zu ihrem Volk beken­nt. Völk­er sind fest mit ihrem Ter­ri­to­ri­um als ihrem legit­i­men „Leben­sraum“ ver­bun­den. Ein Rechtsvertreter der NPD hat diese geschichtsmeta­ph­ysis­che Auf­fas­sung vom Volk als Grun­dein­heit fol­gen­der­maßen ver­sucht zu erk­lären: “Jedem Volk liegt ein inner­er Dasein­sauf­trag, ein Urwort, ein Mythos zugrunde, der Wesen und Lebensweg des Volkes vorgibt und dem das Volk fol­gt (der Begriff Volk kommt vom Tätigkeitswort fol­gen). Von daher hat ein Volk, auch wenn es deut­lich als Ein­heit erkennbar erscheint, let­ztlich etwas nicht genau in Worte Faßbares. Wenn Herder sagte ‘Völk­er sind Ge danken Gottes’ so wird ger­ade dies damit angedeutet. Volk­s­tum bedeutet eine überindi­vidu­elle Iden­tität, die die Ange­höri­gen des Volkes prägt. Durch die Tat­sache, Abstam­mungs- und Schick­sals­ge­mein­schaft zu sein, ist eine Ein­heit, eine Gemein­schaft auf kul­turell-geistiger Ebene vorgegeben. Wenn sich der einzelne seines Volk­s­tums und der inneren Ein­heit des Volk­s­tums bewußt ist, sich als Glied seines Volkes begreift, begreift er das Volk als Gemein­schaft. (…)“ Etwas vere­in­facht kann man sagen, daß in der völkischen Lehre das Volk wie eine einzelne Per­son gedacht wird. Obwohl jedes Volk aus Mil­lio­nen einzel­ner Per­so­n­en beste­ht, wird es als ein ein­heitlich­es Wesen gedacht: Es hat eine Seele, eine Ge schichte, ein „Schick­sal“ und für manche Denker dieser Tra­di­tion hat es auch eine „geschichtliche Bes­tim­mung“ oder eine his­torische Mis­sion. Seinen Charak­ter — so die völkischen The­o­retik­er — hat es in Geschichte und Kul­tur erwor­ben und vererbt ihn über geneal­o­gis­che Abstam­mung und Tra­di­tion weit­er. Für das völkische Denken hat das Volk das Recht und Pflicht, seine ihm wesen­seige­nen Charak­terzüge auszuleben und seinen Charak­ter rein zu erhal­ten. Es gibt keine moralis­chen und rechtlichen Nor­men, die über dem Gebot ein­er solchen Art pflege ste­hen. Logis­cher­weise wer­den deshalb die Men­schen rechte als höch­ste Rechte indi­vidu­eller Per­so­n­en abgelehnt. Nun gut, wird man sagen, auch in nichtvölkischen Konzepten spricht man von Völk­ern, Demokratie heißt — in ein­er ein­fachen Über­set­zung — „Herrschaft des Volkes“ und bekan­ntlich wird jed­er Bun­deskan­zler auf das Wohl des deutschen Volkes verei­digt. Wo also liegt der Unter­schied, was soll das Prob­lem sein? Der Unter­schied wird sicht­bar, wenn wir danach fra­gen, was dieses völkische Konzept von Volk in poli­tis­ch­er Hin­sicht für uns heute bedeutet. Unsere Gesellschaft war und ist alles andere als ein­heitlich und gle­ichar­tig. Jed­er weiß, daß sich nicht nur in Großstädten viele ver­schiedene Lebenswel­ten und eigene Kul­turen aus­ge­bildet haben. Wir leben in und mit region­al ver­schiede­nen Kul­turen sowie mit schicht- und bil­dungs­be­zo­gen aus­d­if­feren­zierten Lebenswel­ten. Kurz: Wir ori­en­tieren uns in unser­er Lebens­führung und unseren Inter­essen nicht an ein­heitlichen gle­ichen Werten und Zie­len, son dern wir leben in ver­schiede­nen Milieus und wir prak­tizieren ver­schiedene Lebensstile. Sozi­ol­o­gisch spricht man im Hin­blick auf diese Vielzahl von sozialen Grup­pen in ein­er Bevölkerung von „Gesellschaft“, also einem Zusam­men­hang, der wesentlich durch das staatliche Recht zusam­menge­hal­ten wird. Dem gegenüber ste­ht der Begriff der „Gemein­schaft“, der v.a. für solche sozialen Zusam­men­hänge ver­wen­det wird, inner­halb der­er sich die einzel­nen Ange­höri­gen per­sön­lich ken­nen und durch Ver­wandtschaft, gle­iche Inter­essen und Aktiv­itäten oder durch Gefüh­le miteinan­der ver­bun­den sind.

Kennze­ich­nend für die poli­tis­che Weltan­schau­ung der NPD ist die Tat­sache, daß sie den großen und notwendi­ger­weise ab strak­ten Zusam­men­hang der Gesellschaft als Gemein­schaft, genauer: als „Volks­ge­mein­schaft“ konzip­iert. Damit wird die Zielvorstel­lung eines ein­heitlichen sozialen Lebens umris­sen, das let­ztlich nur funk­tion­ieren kann, wenn alle Men­schen gle­ichar­tig wären und gle­ichar­tig leben wür­den. Diese Vorstel­lung eines in sich kul­turell homo­ge­nen Volkes ist besten­falls eine naive Fik­tion, genauer betra­chtet aber eine Vorstel­lung, die für alle Gesellschaftsmit­glieder einen erhe­blichen Vere­in­heitlichungszwang bedeutet. Soweit die Aus­führun­gen zur völkischen Weltan­schau­ung als Fun­da­ment recht­sex­tremer Poli­tik. Was ich skizziert habe, war ein kri­tis­ch­er Kom­men­tar zu den ersten Sätzen des NPD-Parteipro­gramms.

Sie laut­en: „Volk­s­tum und Kul­tur sind die Grund lagen für die Würde des Men­schen. Deswe­gen trägt der Staat, desen Auf­gabe der Schutz der Men­schen­würde ist, Ver­ant­wor­tung für das Volk.“ Wenn man das lib­erale Men­schen­bild vom völkischen Men­schen bild präg­nant abset­zen möchte, kann man pointiert sagen: Für das lib­erale Men­schen­bild hat die indi­vidu­elle Per­son die höch­ste Würde oder wie es in Artikel 1 GG heißt „Die Würde des Men­schen ist unan­tast­bar“. Demge­genüber ist für das völkische Men­schen­bild das ver­meintlich kul­turell ein­heitliche Volk den Indi­viduen vor­ge­ord­net und Träger der höch­sten Würde.

Ich komme zurück auf die drei Eta­gen und die vier tra­gen­den Säulen der NPD-Aktiv­itäten: Die NPD hat selb­st vier Bere­iche ihrer Parteiar­beit definiert. In ihrem Hang zu einem kämpfer
ischen, hero­is­chen Selb­st­bild spricht sie vom „Kampf um die Par­la­mente“, dem „Kampf um die Köpfe“, dem „Kampf um die Straße“ und schließ lich noch vom „Kampf um den organ­isierten Willen“. Schauen wir uns diese mar­tialis­chen, geschichts­großen Vok­a­beln etwas genauer an: „Kampf um die Par­la­mente“ heißt: Wahlkampf mit dem Ziel von Par­la­mentssitzen; „Kampf um die Köpfe“ meint den Ver­such, für das eigene weltan­schaulich­es Fun­da­ment und daraus abgeleit­ete tage­spoli­tis­che Posi­tio­nen Anhänger zu find­en; „Kampf um die Straße“ bein­hal­tet die Öff­nung zum aktion­sori­en­tierten Teil der recht­sex­tremen Bewe­gung, zu den neon­azis­tis­chen Demon­stran­ten und Auf­marschteil­nehmern, die jährlich im August das Grab des früheren Hitler-Stel­lvertreters Heß besuchen und ver­suchen, in Halbe hal­b­jährlich am Sol­daten­fried­hof Kränze niederzule­gen und das sog. „Treuelied“ zu intonieren. „Kampf um den organ­isierten Willen“ besagt — bei Licht betra­chtet — schließlich, daß man um Bünd­nisse inner­halb der recht­sex­tremen Parteien unter der Führung der NPD bemüht ist. Ein Ergeb­nis war der sog. Deutsch­land­pakt, der 2004 mit der DVU geschlossen wurde und Absprachen bei Wahlen bein­hal­tet. Damit sollen die Wäh­ler stim­men jew­eils auf eine recht­sex­treme Partei konzen­tri­ert wer­den. In der zweit­en Hälfte der 1990er Jahre hat sich die NPD auch zu den sog. „Freien Kräften“, den Recht­sex­tremen außer­halb der Partein geöffnet. Vertreter solch­er Strö­mungen und Grup­pierun­gen wur­den bewußt in den NPD-Bun­desvor­stand aufgenom­men.

Diese vier Säulen ziehen sich durch die drei Eta­gen von Bund, Län­dern und Gemein­den. Eigentlich hätte man also zwölf Aktiu ons­felder, über die genauer zu bericht­en wäre. Ich will mich im fol­gen­den auf die Ver­suche der NPD kon zen­tri­eren, auf lokaler Ebene die Mei­n­ungs­bil­dung zu be ein­flußen und neue Anhänger unter jun­gen Leuten zu gewin­nen.

Im wesentlichen sind diese bei­den Strate­gien durch vier Merk­male gekennze­ich­net. Erstens set­zt man auf ein mod­er­ates, kon­ven­tionelles Auftre ten, das mein Kol­lege Andreas Klärn­er tre­f­fend als „tak­tis­che Zivil­isierung“ beze­ich­net hat. In der Form gibt man sich bürg­er- und jugend­nah, hält sich äußer­lich an die Kon ven­tio­nen der Nach­barschaft, des Dor­fes oder der Kle­in­stadt ohne allerd­ings in der Sache und langfristig von seinen Posi tio­nen abzurück­en. Zweit­ens hat man bewußt einen erweit­erten Zeitrah­men gewählt und denkt nun nicht mehr aktion­is­tisch von heute auf mor­gen oder von heute bis zum näch­sten Wahlter­min, son­dern stellt sich auf Zeiträume ein, in denen sich Nach­barschaften bilden und per­sön­liche Bekan­ntschaften entste­hen.

Damit bin ich beim drit­ten Aspekt: Recht­sex­treme set­zen zu nächst auf soziale Kon­tak­te, auf die Bil­dung von sozialen Net­zw­erken, auf das Entste­hen eines per­sön­lichen Image als Nach­bar, als Sozial­ber­ater oder als unab­hängigem Kom­mu­nalpo litik­er. Auch gegenüber Jugendlichen fall­en sie nicht mit der Ide­olo­gie ins Haus, son­dern laden zur gemein­samen Freizeitge stal­tung ein, die je nach Alter der Adres­sat­en auch in Nacht­wan­derun­gen und Zelt­lager beste­hen kann. Die NPD in Sach­sen bietet, ein weit­eres Beispiel, kosten­losen Nach­hil­fe­un­ter­richt für Kinder an.

Im Vorder­grund ste­ht damit der Ver­such, so etwas wie „soziales Kap­i­tal“ (Pierre Bour­dieu) zu bilden, also per­sön­liche Verbindun­gen zu knüpfen, einen guten Ruf als rechtschaf­fen­er Bürg­er zu erwer­ben oder als engagiert­er Kom­mu­nalpoli­tik­er aufzutreten, der die lokalen Belange ken­nt und sie als Anwalt der Bürg­er — auch gegen Ver­sorgung­sun­ternehmen und die Allianzen der etablierten Parteien — ver­tritt. Soweit der erste Schritt in dieser Samtpfötchen-Strate­gie. Den zweit­en Teil hat der NPD-Vor­sitzende Udo Voigt in aller wün­schenswert­er Klarheit aus­ge­sprochen: “Ich muß also immer erst durch meine Per­son und meine Argu men­ta­tion überzeu­gen und dann als ‘Aha-Erleb­nis’ die Katze aus dem Sack lassen und mich zur NPD beken­nen.” Die neue Strate­gie bein­hal­tet also eine zeitliche Staffelung: Nach der ersten Phase der sozialen Anerken­nung als Per­son soll die zweite Phase fol­gen, in der die Sym­pa­thi­eträger dann auch als Ide­olo­gi­eträger auftreten. Gegenüber den jun­gen Leuten beste­ht die zweite Phase in dem Ver­such, auf Basis der gemein­samen Erleb­nisse und pos­i­tiv­en Erfahrun­gen ein Inter­esse für die weltan­schaulichen und poli tis­chen Inhalte zu weck­en und sie etwa mit rebel­lis­ch­er Musik bekan­ntzu­machen, denken Sie an die diversen Schul­hof-CDs oder sie — noch später — poli­tisch im Sinne der NPD zu informieren oder zu Schu­lun­gen einzu­laden. Die Päd­a­gogen unter Ihnen wer­den sich längst das gedacht haben, was ich nun als erste Zusam­men­fas­sung dieser Strate­gien präsen­tiere: Die neue NPD-Strate­gie beste­ht darin, zu nächst den Akzent auf die Beziehungsar­beit zu leg­en, um auf dieser Basis dann um so erfol­gre­ich­er eine Sach- oder Inhalt­sar­beit aufzubauen. Diese Strate­gie ein­er inten­siv­en Bürg­ernähe mit den drei Ele­menten tak­tis­che Zivil­isierung, länger­fristiger Zeitrah­men und Akzent auf ein­er Glaub­würdigkeit im Nah­bere­ich umfaßt noch ein viertes, wesentlich­es Ele­ment, auf das ich im fol­gen­den einge­he. Ich hat­te ein­gangs das Bild eines Haus­es der NPD-Aktiv­itäten gebraucht, das auf einem — nicht immer und nicht ohne wei teres sicht­baren — weltan­schaulichen Fun­da­ment ste­ht. Ich bleibe in diesem Bild. Charak­ter­is­tisch für die tak­tis­che Zi vil­isierung von recht­sex­tremen Poli­tik­ern ist die Tat­sache, daß sie Kom­mu­nalpoli­tik betreiben, ohne ständig ihre völkische Fahne vor sich her zu tra­gen. Denn in der Tat trifft man ja heute in den meis­ten Kom­munen auf soziale und poli­tis­che Prob­leme, um die sich nie­mand angemessen küm­mert und — das ist entschei­dend — für deren Be arbeitung es zunächst nicht auf prinzip­ielle Beken­nt­nisse zum „Deutsch­tum“ oder ähn­lichen geheiligten Konzepten der NPD an kommt. Um die fehlende Jugen­dar­beit, die Erschließungskosten von Bauland und den Rechtss­chutz von Hartz-IV-Empfängern kann man sich auch küm­mern ohne ständig ein weltan­schaulich­es Cre­do zu sin­gen.

Das vierte Merk­mal der aktuellen Strate­gie beste­ht also im zeitweisen Ein­klam­mern der weltan­schaulichen Begrün­dung der eige­nen Poli­tik und damit dem Abse­hen von Stel­lung­nah­men zu den großen The­men Nation und Europa oder der Wel­tord­nung im ganzen. Genau dieser let­zte Aspekt aber ist hochgr­a­dig ambiva­lent und von zen­traler Bedeu­tung für die demokratis­chen Kräfte: Auf der einen Seite ermöglicht das zeitweise Ausklam­mern der weltan­schaulichen Grund­la­gen und Ziele eine Anerken­nung von Recht­sex­tremen als Per­so­n­en und als engagierte Kom­mu­nalpoli­tik­er und damit das Erre­ichen des ersten Teilziels. Auf der anderen Seite geschieht dies aber um den Preis eines weitge hen­den Verzichts auf die Essen­tials der recht­sex­tremen Ide­olo­gie. Es kommt deshalb zu einem para­dox­en Ergeb­nis, daß recht­sex­treme Poli­tik­er ger­ade nicht in ihren recht­sex­tremen Posi­tio­nen, son­dern in ihrem kom­mu­nalpoli­tis­chen Sachver­stand anerkan­nt wer­den. Und natür­lich kann auch ein recht­sex­tremer Poli­tik­er schlichtweg richtig liegen in der konkreten Unter stützung von Bürg­er­in­ter­essen gegen Behör­denig­no­ranz und verkrustete Struk­turen der etablierten Parteien.

Der erste Teil der Strate­gie mag also für die NPD aufge­hen. Man sollte aber nicht überse­hen, daß die NPD über wenig Per son­al ver­fügt, das im Stande ist, in der beschriebe­nen Weise bürg­er­lich-kon­ven­tionell aufzutreten. Etliche ihrer Repräsen­tan­ten entstam­men einem Milieu, in dem man wegen Kör­per­ver­let­zung oder Betrügereien vorbe­straft ist, anderen muß man erst erk­lären, was ein ser­iös­es
Erschei­n­ungs­bild ist. Die Zeitschrift „Blick nach rechts“ hat vor kurzem über ein in ternes Strate­giepa­pi­er der NPD berichtet, in dem die recht­sex­tremen Aktivis­ten aus­drück­lich ermah­nt wur­den, an Info stän­den in Fußgänger­zo­nen nicht alko­holisiert aufzutreten. „‘Anzüge (…) ver­mit­teln dem Bürg­er ein pos­i­tives Erschei nungs­bild“. Die Tat­sache, daß solche Anweisun­gen nötig sind, läßt Rückschlüsse auf den Habi­tus der NPD-Repräsen­tan­ten zu. Doch selb­st wenn die NPD genü­gend glaub­würdig erscheinende Schlip­sträger aufzu­bi­eten hätte, muß der zweite Teil ihrer Strate­gie scheit­ern: Denn sobald recht­sex­treme Posi­tio­nen ins Spiel kom­men und sich ein als rechtschaf­fen gel­tender Kom­mu­nalpoli­tik­er über­raschend zur NPD beken­nt oder eine Nach­barin als recht­sex­treme Partei­funk­tionärin von der Presse geoutet wird, ist es mit der ide­ol­o­gis­chen Harm­losigkeit vor­bei. Dann ist jedem klar, daß hier Leute agieren, die aktiv an der Besei­t­i­gung der beste­hen­den sozialen und poli­tis­chen Ord­nung arbeit­en: Forderun­gen nach Unter­stützung der „deutschen Jugen­dar­beit“ oder eines Haus­es „für die deutsche Jugend“ sind als Chiffren ein­er völkisch-nation­al­is­tis­chen Moti­va­tion eben­so erkennbar wie andere Posi­tio­nen, bei denen die Förderung eines völkisch ver­stande­nen „Deutsch­tums“ mit der Zurück­weisung der Recht­sansprüche ander­er Bevölkerung­steile ein­herge­ht. Wer mit Slo­gans operiert wie „Du bist nicht Deutsch­land, Du bist BRD!“ doku­men­tiert ein völkisch- kul­turelles Ver­ständ­nis von Volk und lehnt damit ein recht lich-poli­tis­ches Volk­skonzept ab. Es ist — und damit komme ich zum Ende — also keineswegs so, daß man auf der Ebene lokaler Poli­tik und Nach­barschaftsver hält­nisse ein­er Unter­wan­derung von recht­sex­tremer Seite hil­f­los aus­ge­set­zt wäre: Völkisch-nation­al­is­tis­che, also rechts extreme Posi­tio­nen sind als solche iden­ti­fizier­bar — wären sie dies nicht, kön­nte man sie auch nicht als recht­sex­trem bew­erten. Die Infra­struk­tur von Infor­ma­tions- und Beratungs möglichkeit­en hat heutzu­tage einen Umfang und eine Qual­ität erre­icht, die es jedem inter­essierten Bürg­er erlauben, sich inner­halb kurz­er Zeit über Per­so­n­en und Net­zw­erke ein Bild zu machen. Das Land Bran­den­burg, das möchte ich aus­drück­lich anerken­nend beto­nen, zahlt seit Jahren aus dem Lan­dese­tat ein 14-köp­figes Mobiles Beratung­steam, um in allen Land­kreisen kon­tinuier­lich kom­pe­tente Berater vor Ort zu haben. Solange aber recht­sex­treme Posi­tio­nen nicht ins Spiel kom­men, kann man auch im stren­gen Sinn nicht von „Unter­wan­derung“, also ein­er Gestal­tung im recht­sex­tremen Sinne sprechen. Pointiert gesagt: Recht­sex­treme Poli­tik­er kön­nen möglicher­weise unerkan­nt bleiben — recht­sex­treme Posi­tio­nen aber sind erkennbar. kennbar. Das ist die Chance der Zivilge­sellschaft. Sie sollte genutzt wer­den.

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