13. November 2002 · Quelle: Jungle World

Am 17.11. ist ein Nazi-Fackelumzug in Hoyerswerda geplant

Der 17. Novem­ber kön­nte für die ost- und nord­deutsche Neon­aziszene ein Reise­tag wer­den. Erst kön­nte es ins bran­den­bur­gis­che Halbe gehen, um der Waf­fen-SS zu huldigen, und anschließend nach Hoy­er­swer­da. Dort hat die Bewe­gung Deutsche Volks­ge­mein­schaft (BDVG) für densel­ben Tag einen Fack­el­marsch angekündigt, wie der recht­sex­tremen Mit­teldeutschen Jugendzeitung zu ent­nehmen ist. Und sollte der Auf­marsch in Halbe ver­boten wer­den, gin­ge es gle­ich nach Hoy­er­swer­da. So haben es sich die Kam­er­aden vielle­icht vorgestellt.

Sebas­t­ian Richter fungiert als Kon­tak­t­mann beim geplanten Auf­marsch in Hoy­er­swer­da, er ist eine der Haupt­fig­uren der recht­sex­tremen Szene in der Region. Seit Jahren ist er unter dem Pseu­do­nym Sepp Hagen in alle rel­e­van­ten Neon­azipro­jek­te involviert. So ist er zuständig für das in Hoy­er­swer­da ansäs­sige Nationale Infotele­fon und die dor­tige recht­sex­trem­istis­che Junge Lands­man­nschaft Ost­preußen. Er betreut die Inter­net­seit­en der lokalen Freien Aktivis­ten und der Mit­teldeutschen Jugendzeitung, die seit etwa einem Jahr erscheint.

In diesem Blatt ist er auch ver­ant­wortlich für den Satz und die Gestal­tung und fungiert als »Schriftleitung« neben dem Bran­den­burg­er Neon­azikad­er Gor­don Rein­holz und »Alexan­der B.«. Nach Angaben des Antifaschis­tis­chen Rechercheteams Ost­sach­sen (artos) ver­birgt sich hin­ter diesem Kürzel Alexan­der Bode aus Guben, ein Aktivist der so genan­nten Lausitzer Front und der Haupt­täter bei der tödlichen Het­z­jagd auf den Algerier Farid Guen­doul in Guben im Feb­ru­ar 1999.

Die engen über­re­gionalen Kon­tak­te zeigt auch die Unter­stützerliste für die Mit­teldeutsche Jugendzeitung: Freie Aktivis­ten tum­meln sich darauf eben­so wie Kam­er­ad­schaften aus Sach­sen und Süd­bran­den­burg, NPD-Kreisver­bände und die BDVG.

Dabei betonte erst im ver­gan­genen Okto­ber der Ober­bürg­er­meis­ter der Stadt, Horst-Dieter Bräh­mig (PDS): »Hoy­er­swer­da ist kein Zen­trum des Recht­sex­trem­is­mus. Wir haben aus den Auss­chre­itun­gen im Jahre 1991 Schlussfol­gerun­gen gezo­gen und entsprechend darauf reagiert.« Doch nach dem Pogrom von 1991, bei dem es zu tage­lan­gen Auss­chre­itun­gen gegen eine Unterkun­ft von Asyl­be­wer­bern kam, ist es nie wirk­lich »ruhig« um die Stadt und die Region gewor­den.

Immer wieder kam es zu bru­tal­en Angrif­f­en auf Ander­s­denk­ende. Im Okto­ber 1992 wurde die 53jährige Wal­traud Schef­fler bei einem Neon­az­iüber­fall auf eine Diskothek tödlich ver­let­zt. 1993 wurde Mike Zer­na, der Tech­niker ein­er Band, eben­falls von Neon­azis ermordet. Bei einem Angriff auf das alter­na­tive Jugendzen­trum »Dock 28« wurde ein Liefer­wa­gen auf ihn gekippt, er starb an seinen schw­eren Ver­let­zun­gen.

Im Dezem­ber des Jahres 2000 pöbel­ten Neon­azis im nahe gele­ge­nen Berns­dorf eine viet­name­sis­che Fam­i­lie an. Der damals 15jährige Thung N. ver­let­zte daraufhin einen der Angreifer, Matthias Förster, tödlich. Schon eine Woche später kamen etwa 300 Neon­azis aus Sach­sen und Bran­den­burg zum »Trauer­marsch«, der for­t­an jährlich stat­tfind­en sollte.

Und erst im Som­mer dieses Jahres wurde ein afrodeutsch­er Jugendlich­er von Neon­azis in Hoy­er­swer­da ver­schleppt, in einem Wald­stück bei Berns­dorf zusam­menge­treten und schließlich ver­let­zt liegen gelassen. Auch beim diesjähri­gen Stadt­fest kam es zu Het­z­jag­den auf Aus­län­der. Für die Mitar­bei­t­erIn­nen des Pro­jek­tes »Amal Sach­sen — Hil­fe für Betrof­fene rechter Gewalt« stellt die Region Hoy­er­swer­da einen Arbeitss­chw­er­punkt dar. Auch nach Ansicht von artos hat, im Wider­spruch zu offiziellen Darstel­lun­gen, Hoy­er­swer­da nach wie vor eine gut organ­isierte recht­sex­treme Szene.

Schon am 9. Novem­ber wollte die Inter­es­sen­ge­mein­schaft Wiedervere­ini­gung Gesamt­deutsch­land mit ihrem greisen Vor­sitzen­den Georg Palet­ta in Hoy­er­swer­da demon­stri­eren. Nach ange­blichem Druck des Ver­fas­sungss­chutzes und wegen seines akuten Her­zlei­dens sagte Palet­ta nach eige­nen Angaben die Demon­stra­tion ab. Daraufhin wollte die Lausitzer Arbeit­slos­enini­tia­tive i.G. (Lai) eine Ersatzdemon­stra­tion am 9. Novem­ber in Hoy­er­swer­da durch­führen. Als Anmelder fungierte Enri­co Kehring aus Niesky. Er ist der Anführer der örtlichen Kam­er­ad­schaft Schle­sis­che Jungs und ein Intimus des stel­lvertre­tenden säch­sis­chen NPD-Vor­sitzen­den Klaus Men­zel. Die Schle­sis­chen Jungs gel­ten als mil­i­tant und gewalt­tätig. Erst kür­zlich wur­den zwei Mit­glieder wegen bru­taler Angriffe auf ver­meintliche Linke verurteilt.

Aber auch zu dieser Demon­stra­tion kam es nicht. Die Stadt hat­te sich vorgenom­men, sie am Jahrestag der Reich­s­pogrom­nacht nicht zuzu­lassen. Selb­st eine antifaschis­tis­che Gegen­demon­stra­tion wollte der Ober­bürg­er­meis­ter Bräh­mig not­falls unter­stützen. Damit wolle er »ein deut­lich­es Zeichen set­zen, dass sich Hoy­er­swer­da in den let­zten zehn Jahren geän­dert hat und rechte Aufmärsche nicht toleriert«.

Örtliche Antifaschis­ten sind jedoch nicht der Mei­n­ung, dass sich wirk­lich etwas geän­dert habe. Das Engage­ment des Ober­bürg­er­meis­ters sehen sie weniger in sein­er antifaschis­tis­chen Gesin­nung begrün­det, son­dern in der vielfach geäußerten Angst um das Image und den Ruf der Stadt. So kom­men­tierte die Säch­sis­che Zeitung: »Gäbe es irgendwelche Vor­fälle, würde die Stadt zweifel­los wieder in den Focus der über­re­gionalen Medi­en ger­at­en (“Hoy­er­swer­da, da war doch was?”).«

Diese Angst herrschte auch schon im ver­gan­genen Jahr. Die Ver­anstal­tun­gen zum zehn­ten Jahrestag der Pogrome hät­ten fast nicht stattge­fun­den. Erst als die Opfer­per­spek­tive Ost­sach­sen und die Jusos Sach­sen eine »Gedenkwoche« planten, wurde die Stadt aktiv und organ­isierte selb­st einige Ver­anstal­tun­gen. Eine kri­tis­che Auseinan­der­set­zung mit der eige­nen Geschichte hat es in Hoy­er­swer­da bis heute nicht gegeben.

Und auch wenn es nicht zum Fack­el­marsch am 17. Novem­ber kom­men sollte, ist die näch­ste Ver­anstal­tung der regionalen Neon­aziszene bere­its geplant. Anfang Dezem­ber wollen sich in Berns­dorf wieder organ­isierte Neon­azis tre­f­fen, um gemein­sam ihres toten Kam­er­aden Matthias Förster zu gedenken.

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