16. Dezember 2002 · Quelle: Märkische Allgemeine

An der “Viadrina” untersuchen Sozialforscher die Wirkung staatlichen Drucks auf rechte Gruppen

FRANKFURT (ODER) — Kann man rechte Schläger ein­schüchtern, wenn man etwa vor dem Bahn­hof eine Videokam­era auf­stellt? Wer­den Sym­pa­thisan­ten bekehrt, wenn man ein Ver­bot gegen die NPD ausspricht? Solche Fra­gen beschäfti­gen den an der Frank­furter Viad­ri­na täti­gen Sozial­forsch­er Michael Minken­berg schon lange. Der Her­aus­ge­ber des Ban­des “Neue Radikale Rechte im Ver­gle­ich” möchte sich nicht mehr mit rein­er Ursachen­forschung beg­nü­gen. “Mich inter­essiert mehr die Frage: Wie geht die Gesellschaft mit dem Phänomen Rechts und rechter Gewalt um?”, sagt er.

 

Als ihm der Sozial­forsch­er Wil­helm Heit­mey­er von der Uni­ver­sität Biele­feld am Rande ein­er Tagung im Som­mer 2001 anbot, in einem Ver­bund­pro­jekt über Desin­te­gra­tionsprozesse in mod­er­nen Gesellschaften mitzuar­beit­en, ergriff Minken­berg die Gele­gen­heit beim Schopfe. Seit Sep­tem­ber fördert nun das Bun­des­bil­dungsmin­is­teri­um seine Forschungs­gruppe über die Wirkung von Repres­sion auf recht­sradikale Grup­pen. Minken­bergs Pro­jekt ist eines von 17 in dem vom Biele­felder Heit­mey­er geleit­eten Ver­bund über die “Stärkung von Inte­gra­tionspoten­zialen ein­er mod­er­nen Gesellschaft”.

 

“Unsere Arbeit­shy­pothese ist klar”, erk­lärt Minken­berg: “Staatliche Repres­sion wie Parteien­ver­bot oder erhöhte Polizeipräsenz führt in der Regel zu ide­ol­o­gis­chen und organ­isatorischen Ver­här­tun­gen.” Zwar kön­nten am Rande des recht­en Spek­trums Mitläufer abgeschreckt wer­den, doch der harte Kern werde bei steigen­dem Druck meis­tens noch mehr radikalisiert. So hät­ten sich Mit­glieder der in den 90er Jahren ver­bote­nen Nationalen Offen­sive zum Teil wieder in Kam­er­ad­schaften organ­isiert, wo sie wieder gewalt­tätig wur­den. Bish­er gebe es aber nur Fall­beispiele und keine sys­tem­a­tis­che Forschung. Allerd­ings hat Fried­helm Nei­d­hardt für linke Grup­pen seine These von der “S‑Kurve” vorgelegt. Sie beschreibt linke Aktiv­itäten und Gewalt in Abhängigkeit von staatlich­er Repres­sion als liegen­des S. Zu Beginn schreckt der Druck ab. Wird er stärk­er, kommt es zu Gegen­reak­tio­nen, die schließlich in Radikalis­men enden. Erst wenn der Staat so stark wird, dass von Frei­heit keine Rede mehr sein kann, wird die Gewalt zurückge­drängt. “Wir haben dies bewusst als Hypothese geset­zt”, sagt Minken­berg, “sind aber für jedes Ergeb­nis offen.”

 

Zur Forschung gehöre auch die Unter­suchung existieren­der Grup­pen in deutschen Städten mit sozialen Bren­npunk­ten. “Wir ver­suchen, beste­hende Kon­tak­te zu benutzen.” Minken­bergs Mitar­beit­er, der Anti­semitismus­forsch­er Rain­er Erb, hat bere­its früher Gespräche mit Mit­gliedern über ihre Beweg­gründe geführt. Feste Frage­bö­gen gebe es nicht, wohl aber einige Grund­fra­gen, etwa die, ob Polizeitak­tiken inner­halb rechter Grup­pen disku­tiert wür­den und wie sie auf jene reagierten. Erste Ergeb­nisse glaubt Minken­berg schon in einem Jahr vor­legen zu kön­nen. Diese sollen auch prak­tis­che Fol­gen haben: “Wir wollen Work­shops für Polizis­ten und Sozialar­beit­er organ­isieren.” Minken­berg kön­nte sich vorstellen, dass die Studie später in einen Län­derver­gle­ich mün­det. Inter­es­sant fände er den Umgang mit Ras­sis­mus in Frankre­ich: “Auch dort gibt es eine Ver­bots­diskus­sion.”

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