24. Januar 2005 · Quelle: PNN

An erster Stelle steht das Gespräch”

Monique Tin­ney ist neue Aus­län­der­seel­sorg­erin des evan­ge­lis­chen Kirchenkreis­es und betreut Asyl­suchende im Abschiebegewahrsam.

Rund 450 Flüchtlinge und Asyl­suchende leben derzeit in Pots­dam. Seit Anfang der 90er Jahre hat der evan­ge­lis­che Kirchenkreis Pots­dam sich den Schutz- und Hil­fe­suchen­den mit dem Ange­bot von Seel­sorge angenom­men, zunächst ehre­namtlich. Vor knapp achtein­halb Jahren wurde eine halbe Stelle und seit dem 1.Januar dieses Jahres eine 60-prozentige Pfarrstelle ein­gerichtet. Mit dem Jahreswech­sel über­nahm Monique Tin­ney die Auf­gaben als Aus­län­der­seel­sorg­erin vor Ort. Zudem begann sie als erste Seel­sorg­erin der Lan­deskirche Berlin, Bran­den­burg und schle­sis­che Ober­lausitz ihren Dienst im Abschiebege­wahrsam Eisen­hüt­ten­stadt. Über Per­spek­tiv­en ihrer Arbeit sprach Ulrike Strube mit der Gemeindepädagogin. 


Die Begeg­nung mit aus­ländis­chen Men­schen ist Ihnen seit vie­len Jahren ver­traut, etwa durch ihr ehre­namtlich­es Engage­ment im Bere­ich der Mäd­chenar­beit, wo sie mit ihrem Pro­jekt “Fremde Fre­undin” Begeg­nun­gen zwis­chen aus­ländis­chen und deutschen Mäd­chen schaf­fen. Das Gespräch und das gemein­same Erleben bilden auch den Schw­er­punkt ihrer Arbeit.

Ja, daher möchte ich die Aus­län­der­ar­beit in ein­er Kirchenge­meinde ansiedeln. Derzeit bin ich noch am suchen. Ich stelle mir vor, dass langfristig ein Kon­takt zwis­chen den aus­ländis­chen Men­schen und den Gemein­degliedern wach­sen kön­nte. In der Gemeinde würde ich gern mein Büro beziehen. In das dor­tige kirch­liche Leben möchte ich mich beispiel­sweise mit Predig­di­en­sten ein­brin­gen. Durch meine Tätigkeit in der Gemeinde am Stern habe ich erfahren, dass viele Men­schen neugierig auf die hier Hil­fe­suchen­den, das Fremde sind. Lei­der gibt es viele Vorurteile. Vielle­icht kön­nte ganz prak­tisch beim gemein­samen Kochen von bosnis­chen, afghanis­chen, afrikanis­chen und deutschen Speisen eine kuli­nar­ische Brücke gebaut werden. 


Im Mit­telpunkt Ihrer Arbeit ste­ht die Seelsorge.

Das Gespräch ist wichtig. Den Men­schen zuhören. An zwei Tagen in der Woche werde ich im Über­gang­sheim im Lerchen­steig sein. Jew­eils einen Tag habe ich für die Men­schen, die in Woh­nun­gen leben und die Men­schen, die im Abschiebege­wahrsam in Eisen­hüt­ten­stadt aushar­ren, einge­plant. Natür­lich werde ich mich auch in Net­zw­erken für die Rechte und Bedürfnisse der Asyl­suchen­den und Flüchtlinge ein­set­zen. Doch an erster Stelle ste­ht das Gespräch. 


In Pots­dam sind über die Jahre feste Struk­turen gewach­sen, beispiel­sweise der Aus­län­derge­spräch­skreis. Anders im Eisen­hüt­ten­stadt. Hin­ter Stachel­draht warten Men­schen auf ihre Abschiebung. Die Ein­rich­tung wird von einem pri­vat­en Sicher­heits­di­enst kon­trol­liert, da sie im Gegen­satz zum Gefäng­nis nicht der Jus­tiz unter­stellt ist. In der Hau­sor­d­nung wird ein Geistlich­er als Begleit­er für die jew­eilige Reli­gion zugesichert. Auf Anfrage erhal­ten die Insassen den gewün­scht­en Beistand.

Ein­mal in der Woche kommt der Jesuit­en Flüchtlings­di­enst und ein­mal im Monat ein Imam aus Berlin. Gemein­sam mit der Aus­län­der­be­hörde und der Anstalt­sleitung müssen wir ins Gespräch kom­men, uns über den All­t­ag und die beson­dere Sit­u­a­tion aus­tauschen. Die Lebens­be­din­gun­gen müssen sich dort verbessern. Vorurteile, die Ursache für Aggres­sion und Gewalt sind, müssen abge­baut werden. 


Wie wollen Sie den All­t­ag der Men­schen dort konkret bereichern?

Schön wäre es, wenn die Frauen und Män­ner Zeitun­gen in ihrer jew­eili­gen Mut­ter­sprache lesen kön­nten. Dafür werde ich ver­suchen Spender zu find­en. Eine andere Idee würde ich gern aus dem Strafvol­lzug übernehmen und ins Rollen brin­gen, wo Wei­h­nacht­en Päckchen für die Inhaftierten gepackt wer­den, um ihnen eine kleine Freude zu bereiten. 


Was wün­schen Sie sich für Ihre Arbeit?

Mögen trotz begren­zter finanzieller Spiel­räume die Arbeit für die Aus­län­der­seel­sorge ermöglicht bleiben sowie an Akzep­tanz gewin­nen. Denn Kirche sollte dort sein, wo sie gebraucht wird, beispiel­sweise bei Men­schen in großer Ungewis­sheit. Für die Tätigkeit in Eisen­hüt­ten­stadt wün­sche ich mir, dass die Men­schen im Abschiebege­wahrsam auch in der öffentlichkeit wahrgenom­men wer­den und dass die Arbeit, die ehren- und haup­tamtlich arbei­t­ende Schwest­ern und Brüder seit Jahren dort leis­ten, mehr Akzep­tanz sowohl in der Kirche und in der Anstalt bekom­men. Das die Arbeit keine Gefahr, son­dern eine Bere­icherung darstellt. 

Monique Tin­ney studierte in Pots­dam und Berlin Gemein­de­päd­a­gogik. Später war sie in der Aufer­ste­hungs­ge­meinde, für den öku­menis­chen Kirchen­tag Berlin und in der Kirchenge­meinde Am Stern tätig.

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