14. September 2004 · Quelle: TAZ

Ansichten einer Engagierten

Elf Jahre lang war Uta Leich­sen­ring die engagierte Polizeipräsi­dentin
von Eber­swalde — bis sie von Innen­min­is­ter Schön­bohm (CDU) abgesägt
wurde. Nun tritt sie für die Grü­nen im Land­tagswahlkampf an — auch wenn
sie per­sön­lich keine Chance hat

(TAZ, Juliane Gringer) Uta Leich­sen­ring ist zurück. Die Bürg­er von Eber­swalde kön­nen sie auf
Plakat­en an den Straßen sehen und im Hof ein­er Kneipe tre­f­fen, wo sie an
diesem Tag erk­lärt, wieso Bran­den­burg “Grün” braucht. Leich­sen­ring tritt
für Bünd­nis 90/Die Grü­nen als Eber­swalder Direk­tkan­di­datin zur
Land­tagswahl an. In Eber­swalde, wo sie sich als Polizeipräsi­den­ten elf
Jahre lang engagiert gegen Recht­sradikalis­mus ein­set­zte. Bis
Innen­min­is­ter Jörg Schön­bohm (CDU) sie absägte. Heute kämpft sie hier
wieder — um Wäh­ler.

Die 54-Jährige wirkt zurück­hal­tend, vor allem neben der selb­st­be­wussten
Renate Künast. Die Ver­brauch­er­schutzmin­is­terin ist zum Wahlkampf nach
Eber­swalde gereist und disku­tiert mit fast poltern­der Stimme ins Mikro.
Leich­sen­ring spricht ruhiger, lässt sich nicht unter­brechen, begrün­det
und erk­lärt ihre Ansicht­en. Dabei schaut sie die ganze Zeit über ins Weite.

Uta Leich­sen­ring hat immer noch viel vor — auch wenn sie das kaum als
Land­tagsab­ge­ord­nete durch­set­zen wird. Auf dem Pots­damer Parteitag Anfang
April hat­te sie keinen Platz auf der Lan­desliste bekom­men, und Grüne
Direk­tkan­di­dat­en haben kaum eine Chance. Das ist Leich­sen­ring bewusst.
“Aber ich möchte ein­fach, dass es Bünd­nis 90/Die Grü­nen in den Land­tag
schaf­fen”, erk­lärt sie. “Denn Bran­den­burg braucht diese
unter­schiedlichen Stim­men. Und wenn ich antrete, dann zeige ich auch
vollen Ein­satz.” Sie habe die Partei schon immer unter­stützt, auch wenn
sie selb­st bis heute partei­los ist. Zudem ist es für sie ein Schritt
zurück in die öffentlichkeit: “Es ist natür­lich auch ein schönes Gefühl,
zu sehen, dass mich die Men­schen in Eber­swalde nicht vergessen haben”.

Dort hat­te sie sich als Polizeipräsi­dentin in offe­nen Briefen an
Erst­wäh­ler gewandt oder die Bevölkerung zu mehr Zivil­courage aufgerufen:
“Schüt­teln Sie die Angst ab!” Nach Über­fällen auf Jugendliche in
Bran­den­burg bot sie Schü­ler­grup­pen, die ins Bun­des­land reis­ten, erhöht­en
Polizeis­chutz an. Sie lief bei Demos mit und suchte immer das Gespräch
mit den Bürg­ern. Die Präven­tion von Straftat­en war eines ihrer
wichtig­sten Pro­gramm­punk­te. Genau­so scheute sie sich nicht davor, bei
Vor­wür­fen gegen Beamte kon­se­quent zu han­deln. Als 1994 zehn Polizis­ten
auf der Bernauer Wache Viet­name­sen mis­shan­delt und gedemütigt haben
soll­ten, ließ sie sie trotz inter­nen Drucks sus­pendieren.

Auch als Frau in einem so hohen Amt erfuhr sie viel Lob. Die Medi­en
geizten nicht mit Attribut­en, die man gemein­hin vor allem erfol­gre­ichen
männlichen Kol­le­gen zuschreibt. Zäh sei sie, die kleine Per­son.
Behar­rlich, engagiert, mutig. Res­o­lut und unnachgiebig. Gewürdigt wurde
ihre Arbeit mit mehreren Ausze­ich­nun­gen, unter anderem 2001 mit dem
Preis “für das uner­schrock­ene Wort”.

Ander­er­seits heißt es, sie habe als Polizeipräsi­dentin ihre Posi­tion
über­schätzt, Autoritäten nicht akzep­tiert. Sie habe nicht begrif­f­en,
dass sie in ein­er Hier­ar­chie stand, die es zu respek­tieren gilt. “Das
ist Unsinn”, sagt sie. “Eine Hier­ar­chie muss es geben, deswe­gen
akzep­tiere ich sie. Und schließlich ver­bi­etet sie keine
unter­schiedlichen Mei­n­un­gen, son­dern bedeutet für mich, dass disku­tiert
wird.” Dass das als aufmüp­fig emp­fun­den wurde, damit könne sie leben.

Auch per­sön­liche Rechthaberei wird ihr vorge­wor­fen. “Getrof­fene
Entschei­dun­gen habe ich immer respek­tiert, bin sehr loy­al”, sagt
Leich­sen­ring und ver­weist auf ihr Gerechtigkeit­sempfind­en, das für sie
immer Antrieb gewe­sen ist, sich zu engagieren. Dieses
Gerechtigkeit­sempfind­en bescheinigte ihr schon einst die Klassen­lehrerin
früher im Schulzeug­nis. “Ich füh­le das heute noch so ähn­lich wie damals,
wie ein empörtes Kind”, beschreibt sie lächel­nd. Ehrlichkeit sei
außer­dem ihr ober­stes Gebot, fügt sie an. “Die Leute ver­tra­gen das.”

Im Bran­den­burg­er Innen­min­is­teri­um vertrug man ihre Art offen­bar nicht.
Seit 1999 wird es von Jörg Schön­bohm (CDU) geleit­et. Der will zwar bis
heute nichts von per­sön­lichen Dif­feren­zen mit Leich­sen­ring wis­sen. Doch
der Zwist der bei­den war stets ein offenes Geheim­nis. Mehrmals ging ihr
Name mit neg­a­tiv­en Schlagzeilen durch die Boule­vard­presse. “Es sind
gezielt Kam­pag­nen gegen mich insze­niert wor­den”, ist Leich­sen­ring überzeugt.

Der Innen­min­is­ter reformierte Anfang 2001 die Lan­despolizei, von sechs
Prä­si­di­en blieben zwei — in Pots­dam und Frank­furt (Oder). Für deren
Präsi­den­ten­stellen hat­te er Leich­sen­ring nicht auf der Liste. Sie bekam
den Posten der Lan­des­beauf­tragten für das Hand­lungskonzept “Tol­er­antes
Bran­den­burg” zugeteilt.

“Das war ein Ali­bi-Job ohne Funk­tion und Kom­pe­ten­zen, die Hülle für eine
Ver­wal­tungstätigkeit”, beklagte sie im Nach­hinein. “Das kon­nte ich
vorher nicht abse­hen, hat­te zwar ein ungutes Gefühl, aber gehofft, dass
sich Unstim­migkeit­en regeln ließen. Heute ärg­ere ich mich, dass ich mich
darauf ein­ge­lassen habe.”

Nach weni­gen Wochen meldete sie sich krank und kam nicht wieder zurück,
bis sie ein halbes Jahr später kündigte. “Ich hat­te Bluthochdruck, aber
habe das lange vor mir hergeschoben”, erk­lärt sie die lange Pause. “In
dieser Sit­u­a­tion schlu­gen die gesund­heitlichen Prob­leme dann erst
richtig zu.” Doch dieser Abgang aus der öffentlichkeit will nach wie vor
nicht zu ihr passen.

“Das The­ma des Konzepts, der Ein­satz gegen Frem­den­feindlichkeit,
Recht­sex­trem­is­mus und Gewalt, war mir wichtig”, sagt sie. Das Gefühl,
dort nichts bewe­gen zu kön­nen, sei ihr zuwider gewe­sen. “Und dass ger­ade
das Innen­min­is­teri­um vorschlug, mich dort einzuset­zen, ist beze­ich­nend.
Nach mir wurde der Posten auch sofort einge­stampft.”

Den­noch hält sie sich zurück, wenn man sie auf das The­ma Schön­bohm
anspricht. Sie trage nichts nach, sagt sie. Auf Anfein­dun­gen eben­falls
mit bösen Worten zu reagieren, sei nicht ihre Art. “Das kann ich ein­fach
nicht. Ich habe nie zurück­geschla­gen”, meint sie.

Ihr Leben ist sei­ther das Leben “nach dem Amt” gewor­den. In den
ver­gan­genen zwei Jahren war es ruhig um die gebür­tige Pots­damerin. Sie
set­zte ihre Engage­ments in mehreren Stiftun­gen und Vere­inen naht­los
fort. Doch das genügt ihr nicht. Die studierte ökonomin sucht nun auch
wieder nach ein­er neuen beru­flichen Basis. Die ehre­namtlichen Auf­gaben
wie ihr Vor­sitz beim Bran­den­bur­gis­chen Vere­in für Weltof­fen­heit und
Men­schen­würde kön­nen nicht Lebens­grund­lage sein. Leich­sen­ring sucht
einen neuen “Wirkungskreis”. “Die gesellschaftlichen und sozialen
Prob­leme ver­schär­fen sich doch immer mehr”, meint sie. “Ger­ade deshalb
muss man auf kom­mu­naler Ebene anset­zen. Jed­er soll sich beteili­gen.”

Den Antritt bei einem aus­sicht­s­los scheinen­den Wahlkampf, den Rück­zug
aus einem Amt, das ihr ihrer Ansicht nach zu wenig Stimme gab — Uta
Leich­sen­ring erk­lärt diese Entschei­dun­gen in ihrem Leben auch mit ihrer
DDR-Ver­gan­gen­heit, in der sie als Bürg­er­recht­lerin aktiv war.
“Jahrzehn­te­lang gab es für mich wenig Möglichkeit­en, mich zu
engagieren”, sagt sie. “Ich habe es als Befreiung emp­fun­den, das nun zu
dür­fen. Ich kann es aussprechen, wenn ich etwas zu sagen habe.”

Im Land­tag kön­nte sie wieder Jörg Schön­bohm ansprechen. Doch sie will
nicht ins Par­la­ment, um dort per­sön­lichen Groll abzu­laden. “Man muss
immer wieder auf ein­er sach­lichen Ebene zusam­men­find­en, egal was

passiert ist”, erk­lärt Leich­sen­ring. Ohne Kom­pro­miss­fähigkeit könne man
schließlich keine Poli­tik machen — nicht mal in einem aus­sicht­slosen
Wahlkampf.

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