31. März 2012 · Quelle: Kein Kiez für Nazis

Antifa-Tour ins Grüne

Bericht von der Kundgebung am 25. März in Potsdam-Grube aus der Sicht Berliner Antifas

Bericht von der Kundgebe­nung bei der „Hausver­wal­tung“ des Berlin­er Thor Steinar Ladens „Töns­berg“

Am Son­ntag den 25.03.2012 fand in Grube, einem Dorf in der Nähe von Pots­dam, eine antifaschis­tis­che Kundge­bung mit ca. 60 gut gelaun­ten Teil­nehmern gegen den Naziladen „Töns­berg“ in Berlin-Weißensee statt, der Artikel der recht­en Bek­lei­dungs­fir­ma „Thor Steinar“ vertreibt. Die im strahlen­den Son­nen­schein stat­tfind­ende Kundge­bung unter dem Mot­to „Keine Geschäfte mit Neon­azis“ war ein Ver­such der Antifaschist_Innen, Kon­takt mit dem bis dahin nicht zu erre­ichen­den und in Grube wohn­haften Ver­mi­eters des Geschäfts, Klaus Rosen­thal, aufzunehmen und zudem das Prob­lem rechter Struk­turen und Gewalt nicht nur in Berlin, son­dern auch im Umland, wo Nazis lei­der noch recht unbe­hel­ligt ihre Gesin­nung ver­bre­it­en kön­nen, aufzuzeigen.

Dass Nazistruk­turen beson­ders auch in der Periph­erie Bran­den­burgs ein Prob­lem sind, das kaum auf Wider­stand stößt, wurde dann auch prompt am Son­ntag deut­lich. Uner­wartet hat­ten sich etwa 30 Neon­azis aus dem Spek­trum der Anti-Antifa Pots­dam zu ein­er nicht angemelde­ten Gegenkundge­bung, der auf einen Antrag auf „Eil­ver­samm­lung“ hin von der Polizei stattgegeben wurde, einge­fun­den. Allerd­ings mussten die Nazis ihre Kundge­bung unter dem Mot­to „Gegen linke Gewalt“ fernab der Haupt­straße hin­ter der antifaschis­tis­chen Kundge­bung abhal­ten, was ihre Außen­wirkung erhe­blich min­imierte. So wurde ihnen offen­sichtlich etwas der Wind aus den Segeln genom­men, denn der auf ihrem Trans­par­ent prangen­den Auf­forderung „Auf­muck­en gegen Links“ kamen sie nicht nach, son­dern standen stattdessen stumm und mit grim­mi­gen Mienen auf dem bran­den­bur­gis­chen Feld. Auch die mit­ge­bracht­en Reich­skriegs­flaggen wur­den eher halb­herzig geschwenkt. Im Vor­feld hat­ten die Nazis allerd­ings in aller Frühe Gal­gen und Ban­ner mit Dro­hun­gen für die angereis­ten Antifaschist_Innen aufge­hängt und den Weg vom Bahn­hof Pots­dam-Golm zum Ort mit Aufk­le­bern zugepflastert und mit recht­en Parolen beschmiert, welche von den Teil­nehmern bei einem guten gelaun­ten Spazier­gang zurück zum Bahn­hof ent­fer­nt und über­malt wur­den, nach­dem so einige Schreibfehler der Nazis wie „Anti-Anti­va“ für Lach­er gesorgt hat­ten. Das Erscheinen der Nazis an diesem Son­nta­gnach­mit­tag in dem kleinen Ort, ihr Auftreten und auch die Art und Weise, in der sie den Antifaschist_Innen dro­hen woll­ten, zeigt allerd­ings deut­lich, dass rechte Struk­turen im Umland ein schw­er­wiegen­des Prob­lem sind, das sich unbe­hel­ligt aus­bre­it­en kann und von den Bürg­ern toleriert und akzep­tiert wird. Rechte Gesin­nun­gen, Pro­pa­gan­da und Struk­turen stoßen in diesen ländlichen Gegen­den auf kaum Wider­stand und Gegen­struk­turen, son­dern kön­nen sich ungestört ent­fal­ten. Dass die Nazis an diesem Nach­mit­tag auf­taucht­en und die Gegend mit rechter Pro­pa­gan­da verun­stal­teten, lag nicht in erster Lin­ie am Erscheinen der Antifaschist_Innen, son­dern daran, dass sie vor Ort in großer Zahl präsent sind und im Berlin­er Umland sowieso ver­mehrt ihre Gesin­nung nach außen tra­gen. Sie begreifen es als ihren Raum, in dem Antifaschist_Innen nichts zu suchen haben. Es ist somit wichtig, antifaschis­tis­che Aktio­nen wie die vom 25.03. auch dahin zu tra­gen, wo Nazis sich noch zuhause fühlen kön­nen!

Eine Antifa-Sprech­er_in aus Pots­dam ver­las, passend zur Naziprob­lematik im Pots­damer Umland einen Rede­beitrag, der neon­azis­tis­che Über­griffe und Pro­pa­gan­da-Aktio­nen im ländlichen Raum the­ma­tisierte. Die Haupt-Aufmerk­samkeit der Kundge­bung lag jedoch auf dem The­ma “Thor Steinar”-Laden in Weißensee, was let­zten Endes auch dafür sorgte, dass die bran­den­burg­er Kam­er­aden unbeachtet umher­standen und noch vor Beendi­gung der Kundge­bung lust­los das Feld räumten.

Das Dorf als Schau­platz eines Kon­flik­ts, der eigentlich nach Berlin gehört” über­schrieb die MAZ den Artikel zum Antifa-Protest in Pots­dam-Grube (01). Die Schlagzeile bringt rel­a­tiv gut die größ­ten­teils gle­ichgültige Stim­mung der Gru­ber Einwohner_Innen auf den Punkt, hat aber einen Wahrheits­ge­halt, den wir teilen. Denn der Kon­flikt um den “Thor Steinar”-Laden “Töns­berg” ist tat­säch­lich ein Kon­flikt in und aus Berlin. Haupt­prob­lem war bish­er allerd­ings die igno­rante Hal­tung des Ver­mi­eters des “Thor Steinar”-Ladens gegenüber der Prob­lematik.

Klaus Rosen­thal, Eigen­tümer der Immo­bilie in der Berlin­er Allee 11, ver­mi­etete wissentlich an die Fir­ma “Thor Steinar”. Wed­er schriftliche Anfra­gen des Bezirk­samtes, Anrufe lokaler Partei-Vertreter_In­nen, noch Beratungsange­bote der Mobilen Beratung gegen Rechts (MBR) oder Proteste des “Kein Kiez für Nazis”-Bündnisses vor dem Laden ver­an­lassten Rosen­thal zu ein­er Reak­tion. Die lokalen Akteure im Berlin­er Nor­dosten, die sich seit Ende let­zten Jahres gegen das rechte Ladengeschäft in Weißensee engagieren, werten dies als blanke Igno­ranz gegenüber dem Prob­lem, mit dem sie sich vor Ort kon­fron­tiert sehen. Seit der Eröff­nung des Ladens gesellt sich zu dem eh schon vorhan­de­nen recht­en Kien­tel in Weißensee, noch die Kund­schaft des Geschäfts. Auch im Straßen­bild des Bezirks taucht die Marke seit Okto­ber 2011 ver­mehrt wieder auf. “Thor Steinar” stärkt damit das iden­titäre Selb­st­wert­ge­fühl der lokalen Neon­azis, die auch gern mal ihnen unlieb­same Per­so­n­en zusam­men­schla­gen.

Einzig greif­bare Möglichkeit mit dem Ver­mi­eter in Kon­takt zu kom­men oder zumin­destens einen für ihn wahrnehm­baren Protest zu ini­ti­ieren, war let­zten Endes die Kundge­bung in Pots­dam-Grube. Nach län­ger­er Diskus­sion und eini­gen Verän­derun­gen der Aus­gangslage in Grube wurde sich dafür entsch­ieden, an der Aktion fest zu hal­ten, da bish­er alle anderen Möglichkeit­en aus­geschöft wur­den.

Greif­bar­er Anhalt­spunkt blieb und bleibt darum der “Sitz” der „Immo Haus GmbH“ in der Gruben­er Wublitzs­traße, über deren Postan­schrift und Tele­fon­num­mer bish­er die Kom­mu­nika­tion der Mieter_innen der Berlin­er Allee 11 mit ihrem Ver­mi­eter Her­rn Rosen­thal liefen.

In Grube wurde mehr die angekündigte Kundge­bung am 25. März als Prob­lem gese­hen, als die Tat­sache, dass Klaus Rosen­thal an Rechte ver­mi­etet. In der Woche vor der Kundge­bung lief beim Ver­samm­lungsan­melder das Tele­fon heiß. Immer wieder wurde ver­sichert, dass die Antifa nicht das Dorf nieder­bren­nen wolle.

Der Orts­beirat von Pots­dam-Grube ließ ver­laut­bar­ern, dass Grube „kein­er­lei Ver­ständ­nis für faschis­tis­che Ten­den­zen“ habe, auch nicht für Läden wie den “Töns­berg”. Allerd­ings müssten notwendi­ge poli­tis­che Auseinan­der­set­zun­gen mit rechtsstaatlichen Mit­teln geführt wer­den. „Dazu gehören wed­er Straßen­schlacht­en, noch Aktio­nen, die die Pri­vat­sphäre berühren“, hieß es in ein­er Erk­lärung des Orts­beirates vom 20. März. (02)

“Wir empfehlen zu dem genan­nten Zeit­punkt den weit­eren Bere­ich um die Wublitzs­traße 13 zu mei­den.” (03) ließ sich der örtlichen Webpräsenz des Ortes ent­nehmen. Der Auf­forderung leis­tete die Mehrheit der Gruben­er folge. Anwohner_Innen lugten hin­ter ihren Gar­di­nen her­vor oder beäugten die Antifa-Kundge­bung skep­tisch. Auch gegenüber der MAZ zeigten sich die meis­ten Gruben­er nicht son­der­lich gesprächs­bere­it: „die sollen uns in Ruhe lassen“ (04). Wesentlich sol­i­darisch­er ver­hiel­ten sich die Autofahrer_innen, die das Anliegen der Kundge­bung während des Vor­beifahrens durch laut­starkes Hupen unter­stützten.

Die Rede­beiträge waren nicht kon­fronta­tiv, die Musik angemessen (1, 2, 3, usw.) und die Kundge­bung ver­lief vol­lkom­men prob­lem­los. Da die Straßen­schlacht­en nun doch aus­blieben (es wäre wohl – gemessen an der Größe von Grube – auch ein sehr kurzweiliges “Vergnü­gen” gwor­den), gab es de fac­to nichts worüber men­sch sich hätte aufre­gen kön­nen — außer vielle­icht drei mit­ge­brachte Garten­zw­erge. “Car­o­la Wal­ter, die als einzige vom Orts­beirat gekom­men war, ärg­erte sich vor allem über drei Garten­zw­erge, die für „nichts hören, nichts sehen, nichts sagen“ standen und von den Linken an die Haupt­straße gepflanzt wur­den. Das sei „eine völ­lig über­flüs­sige und deplatzierte Pro­voka­tion“, sagte sie.” (05).

In Rede­beiträ­gen und im Vor­feld wurde immer wieder verischert, dass die Kundge­bung sich nicht gegen Grube richtet, son­dern ein Appell an Her­rn Rosen­thal sei. In Rede­beiträ­gen wurde, auf Grund der Tat­sache, dass Klaus Rosen­thal an diesem Son­ntag nicht zu Haus war (Urlaub in Südostasien), an die Gru­ber appel­liert, mit Her­rn Rosen­thal das Gespräch aufzunehmen, da wir den Ver­mi­eter des “Thor Steinar”-Ladens n
och sel­tener zu Geis­cht bekom­men, als dessen Nach­barn.

Die Posi­tion­ierung des Orts­beirates, „gegen Demon­stra­tio­nen, die die poli­tis­che Auseinan­der­set­zung in die Pri­vat­sphäre tra­gen und die erfahrungs­gemäß fast immer zu gewalt­täti­gen Auseinan­der­set­zun­gen mit recht­en Sym­pa­thisan­ten führen“ (06) ignori­ert die prob­lema­tis­che Lage, in der wir uns befind­en. Schließlich ist es nicht die Schuld der Men­schen, die sich gegen den “Töns­berg” stark machen, dass der Ver­mi­eter wed­er das Gespräch geuscht hat, noch, dass er (s)einen Wohn­sitz als Postan­schrift für seine “Immo­bilien­fir­ma” nutzt. Wir sehen darum in unserem Besuch in Grube keine „neue Qual­ität“ (07) link­er Per­sön­lichkeitsver­let­zung, wie es in Pots­damer Polizeikreisen hieß, son­dern einzig pro­bates Mit­tel, unseren Protest bei den Ver­ant­wortlichen zum Aus­druck zu brin­gen.

In Anbe­tra­cht der Tat­sache, dass vor allem die “Kein Kiez für Nazis”-Kundgebung als eigentlich­es Prob­lem gese­hen wurde und nicht die missliche Lage, in der “wir” uns befind­en, müssen sich einige Gruben­er den Vor­wurf wohl oder übel gefall­en lassen, dass sie „nichts hören, nichts sehen, nichts sagen“.Ganz ohne Wirkung scheint der Protest in Pots­dam-Grube nicht gewe­sen zu sein. So wen­dete sich Herr Rosen­thal an das Bezirk­samt und machte die Bürg­er_in­nen-Ini­tia­tive bzw. das “Kein Kiez für Nazis”-Bündnis für die “Ver­schönerung” des Ladens, und damit auch ver­bun­den des Haus­es, ver­ant­wortlich. Die von ihm geforderte Stel­lung­nahme vom Bezirks­bürg­er­meis­ter Köhne blieb jedoch erfreulicher­weise aus. Weit­er­hin hat er nun doch ein Beratungs­ge­spräch von der MBR angenom­men. Wir sagen: “Es geht doch!” und begrüßen aus­drück­lich den Schritt seit­ens des Ver­mi­eters, sich nun doch mit dem etwas prob­lema­tis­chen Mieter seines Haus­es auseinan­derzuset­zen.

Wir hof­fen, dass die Gespräche kon­struk­tiv ver­laufen und sind auch gern bere­it, unsere Unter­stützung anzu­bi­eten. Denn auch wir wollen nicht noch ein­mal hier­her kom­men müssen.“ (08).Danke an alle die da waren. Grüße gehen raus an die [a] Antifaschis­tis­che Linke Pots­dam, die Antifa Unit­ed, Antifa West­havel­land, an Sol­id und die rev­o­lu­tionären Massen sowieso.

Es bleibt dabei: „Keine Geschäfte mit Neon­azis!“

Bünd­nis „Kein Kiez für Nazis!“ (April 2012)

Berichte, Bilder, PM’s:
Nok­talia: Fotos: “Kundge­bung in Grube”
[a] Antifaschis­tis­che Linke Pots­dam (AALP): PM “Keine Geschäfte mit Nazis!”
Antifa West­havel­land: Bilder/ Bericht “Antifaschis­tis­che Kundge­bung in Pots­dam-Grube”

Quellen:
01: MAZ, 26.03.2012, “Grube in Aufruhr“
02:
PNN, 21.03.2012, “Grube sorgt sich wegen Antifa-Demo“
03 Web­site der Ortschaft Grube, Stand 27.03.2012
04:
MAZ, 26.03.2012, “Grube in Aufruhr“
05:
MAZ, 26.03.2012, “Grube in Aufruhr“
06:
PNN, 21.03.2012, “Grube sorgt sich wegen Antifa-Demo“
07:
PNN, 09.03.2012, “Erste Probe für neuen Polize­ichef Antifa will in Grube demon­stri­eren“
08:
Kein Kiez für Nazis, 25.03.2012, Rede­beitrag: „Straßen­schlacht­en in Grube?“

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