9. August 2002 · Quelle: Summercamp Pressecrew

Arbeit, Geschlecht und Migration: Für befreite Verhältnisse!

Aufruf zur Buend­nis­demon­stra­tion zum Abschluss des Crossover Sum­mer Camps am 10. August 2002 in Cottbus
12 Uhr, vor der Stadthalle, Berlin­er Platz, Stadtmitte
Das Schw­er­punk­t­the­ma dieser Demon­stra­tion ist der Zusam­men­hang von Arbeit, Geschlecht und Migration. 

Im gesellschaftlichen Main­stream, aber auch in vie­len linken Stroe­mu­ngen, wird “Arbeit” als etwas Wesen­haftes, Uni­verselles dargestellt, das ange­blich in allen Gesellschaften und zu allen Zeit­en mehr oder weniger das Gle­iche war bzw ist. 

Tat­saech­lich ist das, was meist “Arbeit” genan­nt wird — die for­male Lohnar­beit -, eine his­torisch spez­i­fis­che kap­i­tal­is­tis­che Form men­schlich­er Taetigkeit. Das wird vom vorherrschen­den Diskurs verleugnet. 

Indem die bezahlte, for­male “Arbeit” in den Mit­telpunkt der Aufmerk­samkeit gestellt wird, wird aber auch die Exis­tenz viel­er ander­er For­men von Taetigkeit und ander­er Arten von Aus­beu­tung ver­draengt. For­men von Taetigkeit — unbezahlte Hausar­beit beispiel­sweise — und Arten der Aus­beu­tung — z. B. die Aus­beu­tung weib­lich­er “Gefuehlsar­beit” — die fuer den Zusam­men­halt und das Weit­erbeste­hen der Gesellschaft ganz essen­tiell, aber gesellschaflich “unsicht­bar” sind. 

Die tra­di­tionell linke Aufteilung men­schlich­er Taetigkeit­en in “Pro­duk­tion” und “Repro­duk­tion” wirkt an diesem “Unsicht­bar­ma­chen” mit, indem sie die soge­nan­nte Repro­duk­tion als unpoli­tisch, pri­vat und geschicht­s­los erscheinen laesst. 

Unter den Begriff der Repro­duk­tion wer­den ver­schieden­ste Taetigkeit­en gefasst: vom Kinderkriegen (der “biol­o­gis­chen Repro­duk­tion”) ueber Kinder­erziehung, die Pflege von Alten, “Behin­derten” und Kranken, Kochen, Putzen und andere Hausar­beit­en bis zum Troesten, Bestaeti­gen und Zuho­eren (“emo­tionale Repro­duk­tion” ). All diese Taetigkeit­en haben eine Geschichte — die nicht ein­fach in Abhaengigkeit von Ver­aen­derung in der “Pro­duk­tion­sweise” ver­laeuft — und sind Gegen­stand von poli­tis­chen Kaempfen. 

“Arbeit” ist nicht — wie viele linke Stroe­mu­ngen geglaubt haben und noch glauben — der emanzi­pa­torische Gegen­pol zum Kap­i­tal. Son­dern eine spez­i­fisch kap­i­tal­is­tis­che Form, men­schlich­es Tun zwang­haft, aus­beu­ter­isch und ent­fremdet zu organisieren. 

Das klarzustellen ist im inter­na­tionalen Kon­text wichtig, und in Deutsch­land ist Kri­tik am Arbeitswahn noch ein­mal beson­ders wichtig. 

Wir befind­en uns in einem Land, in dem im Namen der Arbeit Mil­lio­nen von Men­schen ver­nichtet wur­den. Nat­uer­lich nicht nur im Namen der Arbeit, aber auch im Namen der Arbeit: der ehrlichen, sauberen, deutschen Arbeit. Dass “Arbeit macht frei” ueber dem Tor eines der wichtig­sten Konzen­tra­tionslager der Nazis stand, ist kein Zufall. 

“Die Juden” ste­hen im mod­er­nen Anti­semitismus fuer eine machtvolle, unfass­bare inter­na­tionale Ver­schwoerung, sie reprae­sen­tieren fuer den Anti­semiten die abstrak­te Ver­nun­ft, das abstrak­te Recht, das Geld- und Finanzkap­i­tal. In der Nazi­ide­olo­gie waren die Juden als Par­a­siten und Schmarotzer am Volk­sko­er­p­er der Gegen­pol zur konkreten, das heisst guten, sauberen, deutschen… Arbeit. 

Die gesellschaftlichen Ver­haelt­nisse haben sich gewan­delt, aber es gibt bedeu­tende Kon­ti­nu­itaeten zur NS-Ver­gan­gen­heit. Zum Beispiel was den pos­i­tiv­en Bezug auf “Arbeit” betrifft. 

Wir leben zwar in ein­er post-faschis­tis­chen, aber eben auch in ein­er post-faschis­tis­chen Gesellschaft. 

Kap­i­tal­is­tis­che gesellschaftliche Ver­haelt­nisse sind nicht geschlecht­sneu­tral, son­dern mit patri­ar­chalen gesellschaftlichen Struk­turen unau­floes­bar ver­bun­den. Es kann keine Aufhe­bung der kap­i­tal­is­tis­chen Ver­haelt­nisse ohne die Aufhe­bung patri­ar­chaler Ver­haelt­nisse geben — z.B. weil die Aus­beu­tung unbezahlter Erziehungs- und Hausar­beit von Frauen eine wichtige Grund­lage kap­i­tal­is­tis­ch­er Ver­w­er­tung darstellt; weil es patri­ar­chale Struk­turen sind, die Frauen nahelegt, aus Kindern im Erziehung­sprozess mark­t­fae­hige Indi­viduen zu machen (und so das kap­i­tal­is­tis­che Sys­tem repro­duzieren); weil patri­ar­chale Struk­turen dafuer sor­gen, dass Frauen Maen­ner fort­laufend emo­tion­al repro­duzieren, (und damit ihr Funk­tion­ieren im kap­i­tal­is­tis­chen Konkur­ren­zkampf absichern)… 

Und umgekehrt, denn patri­ar­chale Ver­haelt­nisse existieren zwar schon bedeu­tend laenger als kap­i­tal­is­tis­che, das mod­erne “west­liche” Patri­ar­chat ist aber ein durch und durch kap­i­tal­is­tis­ches. Das laesst sich an der Sexin­dus­trie verdeut­lichen, in der die patri­ar­chale Verd­inglichung weib­lich­er Koer­p­er eine spez­i­fisch kap­i­tal­is­tis­che Form annimmt. Oder an der neuen Maennlichkeit der im Entste­hen begrif­f­e­nen transna­tionalen Eliten, zu deren Kernbe­stand der Erfolg in der kap­i­tal­is­tis­chen Konkur­renz gehoert. 

Damit soll nicht behauptet wer­den, patri­ar­chale Struk­turen seien immer funk­tion­al fuer den Kap­i­tal­is­mus, genau­sowenig, dass kap­i­tal­is­tis­che Ver­haelt­nisse immer patri­ar­chale Struk­turen sta­bil­isieren wuer­den. Wider­sprueche existieren sowohl inner­halb als auch zwis­chen ver­schiede­nen Macht- und Herrschaftsverhaeltnissen. 

Wir denken, es macht nicht so viel Sinn, sich “das Patri­ar­chat” als getren­ntes “Sys­tem”, das neben dem anderen “Sys­tem” Kap­i­tal­is­mus existiert und mit ihm inter­agiert vorzustellen. Schlauer waers, Gesellschaft eher als ein wider­spruech­lich­es Ensem­ble von gesellschaftlichen Ver­haelt­nis­sen zu denken, die zugle­ich patri­ar­chal, ras­sis­tisch, kap­i­tal­is­tisch und noch einiges anderes sind. 

In den let­zten Jahren gab es in Prag, Seat­tle, Gen­ua zum ersten Mal seit vie­len Jahren wieder eine nen­nenswerte Mobil­isierung von Leuten im Zeichen radikaler, antikap­i­tal­is­tis­ch­er Forderun­gen. Das laesst hof­fen, unter­stre­icht aber unser­er Ansicht nach ger­ade die Notwendigkeit, inner­halb der “Glob­al­isierung von unten” die Verkuerzun­gen der ver­schiede­nen linken Ide­olo­gien, die hier kur­sieren, zu kri­tisieren und zur Entwick­lung ein­er emanzi­pa­torischen The­o­rie und Prax­is inner­halb der neu entste­hen­den Bewe­gungsansaet­ze beizu­tra­gen, die den Kom­plex­i­taeten der glob­alen Macht- und Herrschaftsver­haelt­nisse und unser­er Ver­strick­theit in sie gerecht wird. 

Ein Antikap­i­tal­is­mus ohne radikale Staatskri­tik, ohne Kri­tik an Fortschritts­glauben und “Entwick­lung”, ohne Arbeit­skri­tik ist schlim­mer als nut­z­los. Er oeffnet autori­taeren Entwick­lun­gen und Buend­nis­sen mit Faschis­ten — z.B. in Gestalt rot-brauner Buend­nisse “gegen Glob­al­isierung” oder “nationaler Antworten auf die soziale Frage” — Tuer und Tor. 

Eben­so wichtig ist, festzuhal­ten, dass ein nicht-fem­i­nis­tis­ch­er Antikap­i­tal­is­mus auf ein­er falschen Kap­i­tal­is­mu­s­analyse beruht und daher nicht in der Lage sein wird, die kap­i­tal­is­tis­chen Ver­haelt­nisse zu ueberwinden. 

Und ein Antikap­i­tal­is­mus, der anti­ras­sis­tis­che Kaempfe zum Neben­wider­spruch deklar­i­ert, geho­ert auch auf den Muell­haufen der Geschichte! 

Erin­nern wir uns: In der Sow­je­tu­nion fuehrte ein um Staatskri­tik, Arbeit­skri­tik usw, — von Patri­ar­chatskri­tik mal ganz zu schweigen -, verkuerzter Antikap­i­tal­is­mus in eine bru­tale Entwick­lungs­dik­tatur, die an den ras­sis­tis­chen und patri­ar­chalen Unter­drueck­ungsver­haelt­nis­sen, an der Form der Arbeit, an der Form der Tech­nik, an der Verd­inglichung men­schlich­er Beziehun­gen, an oekonomis­ch­er und emo­tionaler Aus­beu­tung usw nichts Grund­saet­zlich­es geaen­dert hat. Die sozial­is­tis­che Idee wurde durch den Pseu­dosozial­is­mus sow­jetis­ch­er, chi­ne­sis­ch­er und ander­er Prae­gung weltweit in Ver­ruf gebracht, zum Schaden link­er Poli­tik ueberhaupt. 

Der Wert kap­i­tal­is­tis­ch­er Arbeit wird durch patri­ar­chale und ras­sis­tis­che gesellschaftliche Beziehun­gen bes­timmt. Abge­se­hen davon, dass Frauen weltweit schlechter bezahlt wer­den als Maen­ner, ist “Arbeit”- im Sinne von gesellschaftlich notwendi­gen Taetigkeit­en, — eben nicht nur bezahlte Lohnarbeit. 

Wie gesagt, die unbezahlte Arbeit von Frauen ist essen­tiell aber wird unsicht­bar gemacht. Oekonomis­che Aus­beu­tung geht Hand in Hand mit emo­tionaler Aus­beu­tung von Frauen in oef­fentlichen und pri­vat­en Sit­u­a­tio­nen. Die Aus­beu­tung “sex­ueller Arbeit” ist nicht nur geschlechtsspez­i­fisch son­dern auch het­ero­sex­is­tisch. Mit “sex­ueller Arbeit” meinen wir die Art und Weise, wie per­soen­liche Fae­higkeit­en und Emotion
en in den Arbeit­sprozess einge­bun­den wer­den, z.B. bes­timmte Weisen der Selb­st­darstel­lung in Klei­dung und Ver­hal­ten, wie eine Per­son Gespraeche fuehrt, aggres­siv auftritt oder ruhig bleibt, usw. Sex­uelle Arbeit in einem zwang­shetero­sex­uell und zweigeschlechtlich organ­isierten kap­i­tal­is­tis­chen Sys­tem bedeutet den Zwang, Geschlecht und Het­ero­sex­u­al­i­taet ein­deutig darstellen zu muessen. 

Wir wollen, dass Arten von Arbeit und Typen von Aus­beu­tung, die auch in der Linken verdeckt und an den Rand gedraengt wur­den — von ent­garantierten Arbeitsver­haelt­nis­sen ueber unbezahlte Hausar­beit durch Frauen der Mehrheits­ge­sellschaft, schlecht bezahlte Hausar­beit durch (oft ille­gal­isierte) Migran­tinnen, ver­schiedene For­men von Sexar­beit, bis zur Gefuehlsar­beit in ver­schiede­nen Arten von Beziehun­gen -, gesellschaftlich sicht­bar­er werden. 

Aehn­lich wie die Kat­e­gorie “Arbeit­erk­lasse” in der Geschichte der sozial­is­tis­chen (also der anar­chis­tis­chen, raetekom­mu­nis­tis­chen, lenin­is­tis­chen, u.a.) Bewe­gun­gen, hat die Idee eines ein­heitlichen Kollek­tiv­sub­jek­ts “Frau” in den fem­i­nis­tis­chen Bewe­gun­gen dazu beige­tra­gen, wichtige Inter­essen­sun­ter­schiede und Dom­i­nanzver­haelt­nisse zu ver­schleiern. Diese Idee wurde ins­beson­dere von Schwarzen Fem­i­nistin­nen bzw Fem­i­nistin­nen aus dem “glob­alen Sue­den” scharf kri­tisiert und wird heute von kein­er (pro)feministischen Stroe­mu­ng, die wir ernst nehmen koen­nen, noch aufrechterhalten. 

p>Globale Buend­nisse von Frauen koen­nen nur ueber wichtige Dif­feren­zen hin­weg kon­stru­ierte Ein­heit­en sein; dieser Kon­struk­tion­sprozess ist keine ein­fache Angelege­heit; und Geschlecht muss nicht immer und fuer alle Frauen (was immer “Frau” genau heis­sen mag) der pri­maere Ansatz fuer poli­tis­che Organ­isierung sein. 

Genau­so wie Arbei­t­erIn­nenkaempfe gegen das Kap­i­tal und fuer die Rechte von Arbei­t­erIn­nen gefuehrt wer­den muessen, aber auch per­spek­tivisch ueber par­tiku­lare Klass­en­in­ter­essen hin­ausweisen soll­ten, wen­den sich radikale fem­i­nis­tis­che Kaempfe gegen die Unter­drueck­ung und Abw­er­tung von Frauen, kri­tisieren aber darue­ber­hin­aus auch die beste­hen­den, gelebten Weib­lichkeit­sen­twuerfe als patri­ar­chale Kon­struk­tio­nen. Und radikale anti­ras­sis­tis­che Kaempfe wer­den zwar zuerst ein­mal fuer die Rechte ras­sis­tisch unter­drueck­ter und aus­ge­gren­zter Leute, per­spek­tivisch aber gegen die Ein­teilung von Leuten in soge­nan­nte “Rassen” ueber­haupt gefuehrt. 

Nat­uer­lich stellt sich hier die Frage, wie ein poli­tis­ch­er Bezug auf solche Kollek­tiv­sub­jek­te (oft auch “Iden­ti­taeten” genan­nt) (“Arbei­t­erIn­nen”, “Frauen”, “Schwarze”) angesichts der Tat­sache, dass Men­schen ja immer in viele Macht- und Herrschaftsver­haelt­nisse gle­ichzeit­ig einge­bun­den sind und ihre Iden­ti­taet mul­ti­pel ist (noch dazu kann sie wider­spruech­lich sein, sich von Sit­u­a­tion zu Sit­u­a­tion aen­dern und in ver­schiede­nen Kon­tex­ten unter­schiedlich inter­pretiert wer­den…), sin­nvoller­weise ausse­hen kann. 

Eine kurze Antwort auf diese Frage haben wir nicht. Sie the­o­retisch zu behan­deln, und zu begin­nen, sie prak­tisch zu beant­worten ist ein Haup­tan­liegen unseres Projekts. 

Ein zen­traler Punkt fuer eine pro­fem­i­nis­tisch-antikap­i­tal­is­tisch-anti­ras­sis­tis­che… und ueber­haupt crossover Poli­tik, muesste, wie wir vorhin schon angedeutet haben, die Frage der Verteilung und Organ­i­sa­tion der soge­nan­nten Repro­duk­tion­sar­beit sein: Hausar­beit, sich um Kinder, alte Leute, kranke Leute kuem­mern, Putzen usw. Darue­ber­hin­aus muss es nat­uer­lich um die Abschaf­fung kap­i­tal­is­tis­ch­er / patri­ar­chaler / ras­sis­tis­ch­er Aus­beu­tung und die Infragestel­lung der beste­hen­den Organ­i­sa­tion gesellschaftlich notwendi­ger Taetigkeit­en ueber­haupt gehen. 

Die zweite Welle der Frauen­be­we­gung in den Metropolen­staat­en hat eine andere Verteilung der Repro­duk­tion­sar­beit gefordert. Dieser Angriff auf patri­ar­chale Priv­i­legien wurde im Grossen und Ganzen erfol­gre­ich zurueck­geschla­gen. Wie alle sozialen Bewe­gun­gen, die eine Nieder­lage erlei­den, wurde auch die fem­i­nis­tis­che Bewe­gung groessten­teils inte­gri­ert und ihr Impe­tus in eine Mod­ernisierung des Sys­tems umge­lenkt. Der soziale Auf­stieg ein­er bes­timmten Schicht meist weiss­er Frauen wird nun ermoeglicht indem soge­nan­nte Repro­duk­tion­sar­beit­en in die Ver­ant­wor­tung migrantis­ch­er, oft far­biger Frauen aus­ge­lagert wer­den. Diese Mod­ernisierung des patri­ar­chalen Kap­i­tal­is­mus baut also schon beste­hende Spal­tun­gen zwis­chen Frauen um und ver­tieft sie zum Teil noch. 

Ein damit zusam­me­haen­gen­der Aspekt der Mod­ernisierung des glob­alen patri­ar­chalen Kap­i­tal­is­mus ist die Entste­hung eines neuen inter­na­tionalen Migra­tionsregimes, die wir in den let­zten 15 Jahren erleben. Die glob­alen Eliten ver­suchen, den freien Verkehr von Kap­i­tal und Waren durchzuset­zen und gle­ichzeit­ig die Autonomie der Migra­tion einzuschraenken. Es gibt erste Entwuerfe fuer ein Gen­er­al Agree­ment on the Move­ment of Peo­ple (GAMP, ana­log dem GATT, dem Gen­er­al Agree­ment on Trade and Tar­iffs), die nichts Gutes ver­heis­sen, und Organ­i­sa­tio­nen wie die IOM (Inter­na­tion­al Organ­i­sa­tion for Migra­tion) und andere ver­suchen die inter­na­tionalen Migra­tionsstroeme unter Kon­trolle zu bekommen. 

Im Rah­men des €paeis­chen Inte­gra­tionsprozess­es entste­ht unter­dessen eine neuar­tige, supra­na­tionale Herrschaft­sor­d­nung. Die €paeis­che Migra­tionspoli­tik schafft einen nach dem Mod­ell konzen­trisch­er Kreise organ­isierten “Migra­tionsraum”. Es entwick­elt sich ein gestaffeltes Abschot­tungssys­tem, das zugle­ich ein selek­tives Ein­wan­derungssys­tem ist. Fuer die Zukun­ft ist ein Migra­tions­man­age­ment in Form flex­i­bler Ein­wan­derungsquoten und ‑kri­te­rien mit flankieren­den Kontroll‑, Inte­gra­tions- und Antidiskri­m­inierungs­mass­nah­men zu erwarten. 

Unter den rel­e­van­ten poli­tis­chen Akteuren in Deutsch­land beste­ht im Grunde Einigkeit ueber die Notwendigkeit, die Migra­tion nach oekonomis­chen Nuet­zlichkeit­skri­te­rien zu steuern. Der Stre­it um das Zuwan­derungs­ge­setz ist in erster Lin­ie eine Show und der Stre­it um das The­ma Migra­tion, der derzeit in den Medi­en insze­niert wird, dient haupt­saech­lich dazu, durch Mobil­isierung ras­sis­tis­ch­er Ressen­ti­ments Punk­te bei den Wahlen im Sep­tem­ber zu gewinnen. 

Das Zuwan­derungs­ge­setz wird durch die Abschaf­fung des Dul­dungssta­tus noch mehr Men­schen in die Ille­gal­i­taet treiben, das ist schein­bar auch so gewollt. 

Neben seinen katas­trophalen Auswirkun­gen auf die Sit­u­a­tion von Fluechtlin­gen ist das Zuwan­derungs­ge­setz beson­ders neg­a­tiv fuer migrantis­che Hausar­bei­t­erin­nen. Sie sollen offen­sichtlich weit­er ohne Rechte und damit extrem flex­i­bel zur Ver­fue­gung ste­hen, ihre Arbeit soll weit­er unsicht­bar gemacht und als unqual­i­fiziert abgestem­pelt werden. 

Wir wen­den uns gegen eine Arbeit­steilung, die Migran­tInnen Arbeit nach sex­is­tis­chen und ras­sis­tis­chen Kri­te­rien zuteilt, und die Taetigkeit von Hausar­bei­t­erin­nen an der unter­sten Stufe gesellschaftlich­er Anerken­nung ansiedelt. 

Beson­ders ver­logen find­en wir, dass in let­zter Zeit in Europa zunehmend Aktio­nen gegen ille­gal­isierte Sexar­bei­t­erIn­nen (Polizeirazz­ien mit darauf­fol­gen­den Abschiebun­gen) unter dem Vor­wand “Men­schen­han­del zu bekaempfen” durchge­fuehrt wer­den. Hier wer­den Teile eines fem­i­nis­tis­chen Diskurs­es (ueber Frauen­han­del) zur Recht­fer­ti­gung ein­er ras­sis­tis­chen Poli­tik benutzt. 

Der Begriff Frauen­han­del darf nicht miss­braucht wer­den, um Migra­tionskon­troll­strate­gien und Repres­sio­nen gegen ille­gal­isierte Sexar­bei­t­erin­nen zu rechtfertigen. 

Die wichtig­ste Voraus­set­zung, Frauen­han­del tat­saech­lich zu bekaempfen, waere es, die Rechte von Frauen zu staerken und sie oekonomisch bess­er zu stellen. 

Aus dem bish­er gesagten sollte klar gewor­den sein, dass wir nicht an eine reformistis­che Verbesserung des beste­hen­den Sys­tems glauben, son­dern dass wir der Mei­n­ung sind, dass die fun­da­men­tale Umwaelzung aller gesellschaftlichen Beziehun­gen in einem lang­wieri­gen Prozess der sozialen Trans­for­ma­tion (hin zu einem niemals abgeschlosse­nen Pro­jekt ein­er Gesellschaft ohne Herrschaft) die einzige wirk­liche Loe­sung darstellt. 

Das bedeutet jedoch nicht, dass es keinen Sinn macht, konkrete Forderun­gen zu stellen — solange das langfristige Ziel nicht aus den Augen ver­loren und nicht zu viel Ener
gie in irgendwelche Insti­tu­tio­nen oder Parteien gesteckt wird, die bess­er fuer den Auf­bau tat­saech­lich­er sozialer Bewe­gung ver­wen­det wer­den koennte. 

Nun also einige Forderun­gen zu den in diesem Aufruf ange­sproch­enen The­men­bere­ichen, die uns sin­nvoll erscheinen: 


Wir fordern: 

Hausar­beit als gesellschaftlich rel­e­vante Arbeit anzuerken­nen und sicht­bar zu machen. 

Ein Ende sex­is­tis­ch­er und ras­sis­tis­ch­er Zuschrei­bun­gen — auf dem Arbeits­markt, und darue­ber­hin­aus in Bezug auf alle gesellschaflich notwendi­gen Taetigkeit­en, auch die, die nicht als Ware gehan­delt werden. 

Arbeits- und Men­schen­rechte muessen fuer alle gel­ten und unab­haengig vom Aufen­thaltssta­tus ein­klag­bar sein. 

Zugang zu Gesund­heitsver­sorgung, Bil­dungsmoeglichkeit­en und sozialen Ein­rich­tun­gen fuer alle. 

Die Anerken­nung geschlechts- und sex­u­al­i­taetsspez­i­fis­ch­er Fluchtgruende. 

Ein Aufen­thalt­srecht fuer alle Immi­gran­tinnen unab­haengig von der Ehe. 

Verbesserun­gen in der rechtlichen Sit­u­a­tion ille­gal­isiert­er SexarbeiterInnen. 

Ein­klag­barkeit ent­gan­genen Lohns auch fuer ille­gal­isierte ArbeiterInnen. 

Gle­ich­er Lohn fuer gle­iche Arbeit! 

Abschaf­fung der Residenzpflicht! 

Ein Recht auf Legalisierung! 

Entschaedi­gungszahlun­gen fuer die Ver­brechen des deutschen Kolo­nial­is­mus (z.B. im ehe­ma­li­gen Deutsch-Suedwestafrika). 

Entschaedi­gungszahlun­gen fuer die Mith­il­fe deutsch­er Unternehmen bei der Sta­bil­isierung des ras­sis­tis­chen Aparthei­dregimes in Suedafrika. 

Sofor­tige Entschaedi­gung aller Zwangsar­bei­t­erIn­nen des NS-Regimes.

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