18. August 2003 · Quelle: Frankfurter Rundschau

Auch die rechten Schläger lieben warme Nächte

Im Schnitt wer­den täglich min­destens zwei Men­schen Opfer von Angrif­f­en

Wenn es draußen warm wird, wenn die Jugendlichen sich im Freien zum Saufen
tre­f­fen und durch Skin­head-Musik auf­putschen, dann entwick­eln sich jene
grup­pen­dy­namis­chen Prozesse, aus denen her­aus sich rechte Gewalt entwick­elt.
“Immer im Som­mer eskaliert die rechte Gewalt”, so der Berlin­er Poli­tologe
Hajo Funke, im Som­mer tre­ffe man sich auf Volks­festen oder am Bag­gersee und
habe dann die ganze, warme Nacht noch vor sich. Zahlen bele­gen dies, in den
Monat­en Mai bis August ist die Wahrschein­lichkeit, Opfer rechter Gewalt zu
wer­den, wesentlich höher als in der kalten Jahreszeit. Im Win­ter 1999/2000
etwa gab es nur halb so viel Gewalt­tat­en wie im nach­fol­gen­den Som­mer, im
Jahr darauf genau­so.

Vor drei Jahren riefen Poli­tik­er, Intellek­tuelle und Kün­stler den “Auf­s­tand
der Anständi­gen” aus, weil sich Mel­dun­gen über recht­sex­treme und
frem­den­feindliche Straftat­en häuften. Die öffentliche Empörung darüber ist
abgek­lun­gen, in den Medi­en wird kaum noch berichtet, von der poli­tis­chen
Agen­da ist das Prob­lem ver­schwun­den. Dabei hat rechte Gewalt seit­dem kaum an
Brisanz ver­loren. 15 951 recht­sex­trem­istis­che Straftat­en, davon 998
Gewalt­tat­en, zählte das Bun­deskrim­i­nalamt im Jahr 2000, dem Jahr der
öffentlichen Empörung. Im Jahr 2002 waren es 10 902 Straftat­en und 772
Gewalt­tat­en.

Auch wenn die Zahlen nicht unmit­tel­bar ver­gle­ich­bar sind, weil in der
Zwis­chen­zeit die Erhe­bungsmeth­o­d­en verän­dert wur­den, zeigt sich doch:
Täglich wer­den in Deutsch­land im Durch­schnitt zwei Men­schen Opfer rechter
Gewalt. Die Dunkelz­if­fer ist groß. Im ver­gan­genen Jahr reg­istri­erte die
Polizei beispiel­sweise in Bran­den­burg 81 recht­sex­treme Gewalt­tat­en, der
Pots­damer Vere­in Opfer­per­spek­tive, der seit 1998 Opfer rechter Gewalt
unter­stützt, doku­men­tiert hinge­gen 121 Angriffe, 50 Prozent mehr.

Für den Poli­tolo­gen Funke wird immer deut­lich­er, dass Poli­tik und
Gesellschaft vor drei Jahren ein “ober­fläch­lich­es Stro­hfeuer” ent­facht
hät­ten, ohne über die tat­säch­lichen Ursachen zu disku­tieren. Die
aus­län­der­feindliche und gewalt­bere­ite All­t­agskul­tur sei nicht aufge­brochen
wor­den, so Funke, “der Schwel­brand wurde nicht eingedämmt”.

Auch in diesem Jahr geht die Gewaltwelle weit­er. Nach Angaben des
Bun­desin­nen­min­is­teri­ums gab es im ersten Hal­b­jahr diesen Jahres 245 rechts
motivierte Gewalt­tat­en, wobei hier es sich hier­bei nur um eine vor­läu­fige
Sta­tis­tik han­delt, die erfahrungs­gemäß durch Nach­mel­dun­gen und Kor­rek­turen
noch erhe­blich ansteigen wird.

Ein Todes­opfer rechter Gewalt hat es in diesem Jahr bere­its gegeben. Am 27.
Jan­u­ar starb in Erfurt der 48-jährige Hart­mut Balzke nach ein­er
Auseinan­der­set­zung zwis­chen Punks und polizeibekan­nten Recht­en. Balzke hat­te
seinen Sohn zwei Tage zuvor zu ein­er Punker-Par­ty begleit­et. Dort wurde er,
als er mit Punks auf der Straße stand, über­raschend von ein­er größeren
Gruppe Recht­sex­tremer ange­grif­f­en. Zeu­gen fan­den Hart­mut Balzke und einen
26-jähri­gen Punk blutüber­strömt und mit schw­eren Kopfver­let­zun­gen auf der
Straße. Die Obduk­tion ergab, dass die tödlichen Ver­let­zun­gen Folge eines
Sturzes waren.

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