29. Oktober 2009 · Quelle: Inforiot

Auf sie mit Idyll!

Ein Interview mit Wiglaf Droste über Schatten und Licht im Land Brandenburg

INFORIOT Wiglaf Droste, Jahrgang 1961, ist Autor und Sänger. In seinen satirischen Tex­ten schimpft er über vieles und etwas sel­tener lobt er auch. Meis­tens hat er recht. Von März bis Juli diesen Jahres war Droste Stadtschreiber in Rheins­berg. Der Großstädter – lange Zeit Berlin, jet­zt Leipzig – lebte also einige Monate im kleinen Bran­den­burg. Wir haben uns bei ihm erkundigt, wie das war.

Von Wiglaf Droste erschienen zulet­zt „Im Sparadies der Friseure“ (mit sprachkri­tis­chen Tex­ten) sowie „Auf sie mit Idyll! Rheins­berg­er Bogen“ (über die Zeit in Rheins­berg).

Sie haben vor ein paar Jahren mal geschrieben: „Für Bran­den­burg gibt es nicht den ger­ing­sten Grund; Bran­den­burg existiert, weil irgen­det­was wohl um Berlin herum­liegen muss.“ Nun waren Sie Stadtschreiber in Rheins­berg. Was ist da schiefge­gan­gen?

Schiefge­gan­gen ist nichts, ganz im Gegen­teil. Ich habe die Per­spek­tive gewech­selt; ich fuhr nicht mehr durch Bran­den­burg hin­durch, ich war dort. Und kon­nte also genau hin­se­hen. Sie zitieren aus mein­er Geschichte „Das gelbe Grauen“, die ich vor etwa sechs Jahren schrieb, als ich noch in Berlin lebte. Aus dem Blick­winkel des Rheins­berg-Bewohn­ers auf Zeit sieht dann plöt­zlich der Berlin­er ziem­lich selt­sam aus. Ich habe das in der Geschichte „Wenn der Berlin­er kommt…“ beschrieben. (Siehe let­zte Frage)

Wie kam es zur Stadtschreiberei in Rheins­berg? Wie war es?

Peter Böthig, seit 1993 Leit­er des Kurt Tuchol­sky-Muse­ums, lud mich schon vor eini­gen Jahren ein, Rheins­berg­er Stadtschreiber zu wer­den; damals hat­te ich nicht die Zeit, aber beim zweit­en Anlauf klappte es, von März bis Juli 2009 war ich dort. Und kon­nte ein klitzek­leines Biss­chen mithelfen, die „Bombodrom“-Pläne der Bun­deswehr alt ausse­hen zu lassen. Yip­pieh!

Rheins­berg ist doch ein Dorf, in das die Busse voller Senior­in­nen und Senioren nur wegen des wack­e­li­gen Schloss­es von Friedrich II. kom­men. Andere und anderes, Tuchol­sky zum Beispiel, ist kaum zu sehen und noch weniger zu spüren. Oder?

Senior­in­nen und Senioren“ entstammt dem wat­ti­gen, vernebel­nden Ver­laut­barungs­vok­ab­u­lar; reden wir doch wahrheits­gemäß über alte Leute. Die sind allerd­ings reich­lich zu Gast in Rheins­berg, oft reise­busweise und geri­atrie­far­ben ange­zo­gen, in dieser spez­fis­chen Mis­chung aus beige, grau und grün­lich, die vom Her­an­na­hen des Todes kün­det. Andere tauchen in der Form des bik­enden Fit­ness­rent­ners in entsprechend unwürdig bunter Klam­ot­tage im Städtchen auf. Sich mit der Geschichte Friedrichs in Rheins­berg zu beschäfti­gen, lohnt aber; ohne Preußen und Friedrichs Aggres­sion­spoli­tik sind auch die weit­eren deutschen Katas­tro­phen nicht begrei­flich. Das Tuchol­sky-Muse­um wird tat­säch­lich von weniger Leuten besucht; dafür aber von solchen, die ihrem Geist etwas Gutes tun wollen und nicht Nippes aus dem Andenken­laden suchen.

Ein Lesetipp bitte: Was soll­ten wir alle von Tuchol­sky gele­sen haben?

Mit „wir alle“ weiß ich nichts anz­u­fan­gen; empfehlen kann ich Tuchol­skys Schriften von 1919 bis 1931, da war er auf der Höhe sein­er Kun­st und sein­er Kampfkraft. Seine Briefe zu lesen, die er schrieb, nach­dem er in seinen eige­nen Worten „ein aufge­hörter Schrift­steller“ war, finde ich bis heute indiskret und über­grif­fig – eben etwas für Lit­er­atur­wis­senschaftler und Jour­nal­is­ten.

Geht man in Bran­den­burg zur Schule, wird man beständig mit Fontane gequält. Was hal­ten Sie von dem?

In der Schule „Effi Briest“ lesen zu müssen, fand ich auch mau. Aber dass die alte Stinkepfeife Gün­ter Grass ihn „Fonty“ nan­nte, hat Fontane nicht ver­di­ent. Er ver­strömt zwar einen gehörig behäbi­gen Groß­vater­groove; wenn Sie aber ver­gle­ichend Stifter lesen, kommt Ihnen Fontane ger­adezu ras­ant vor.

Wenn Sie bish­er über Bran­den­burg schrieben, schimpften Sie meis­tens und lobten höch­stens die niedlichen Störche. So ähn­lich machen wir das auch. Gibt es eigentlich auch etwas Pos­i­tives? Haben Sie Neues ent­deckt während der Zeit in Rheins­berg?

Es zählt nicht zu den Pflicht­en des Dichters, „das Pos­i­tive“ zu sehen oder es her­beizuschreiben. Die Wirk­lichkeit als Rheins­berg­er Stadtschreiber erwies sich als über­raschend; vor allem die Tage an und in den Seen, die aus­gedehn­ten Fahrradaus­flüge durch die Wälder, aber auch die Couragiertheit und Gewitztheit des Rheins­berg­er Enten­volkes – das alles war mir neu. Es war gut, und es tat gut.

Neben Ihnen gibt es noch einen anderen West­deutschen, der in Bran­den­burg zu tun hat und Sprachkri­tik übt, näm­lich den ehe­ma­li­gen Innen­min­is­ter Jörg Schön­bohm. Was hal­ten Sie von dessen Analyse: Über­all PC-Ver­bote und Zen­sur, nicht ein­mal „Neger“ darf man mehr sagen?

Was erwarten Sie denn son­st von einem deutschen Gen­er­al? Es sind heutzu­tage asoziale Flegel wie Jörg Schön­bohm, Oliv­er Pocher oder Gui­do West­er­welle, die sich damit brüsten, „nicht poli­tisch kor­rekt“ zu sein. Wer es zum Indiz der Frei­heit verk­lärt, „Neger“ sagen zu dür­fen, der hat nicht Frei­heit im Sinn, son­dern im Gegen­teil Feigheit: Der will nicht nur tak­t­los sein, wehtun und her­ab­set­zen, son­dern das auch noch ungeah­n­det tun dür­fen, als han­dele es sich um ein Grund- und Men­schen­recht.

Es gibt ein neues Buch von Ihnen. Was ste­ht da drin?

Ich kön­nte diese Frage als Indiz ein­er gewis­sen Unvor­bere­it­eth­eit Ihrer­seits ver­ste­hen, aber sei’s drum: Die let­zte Pub­lika­tion ist der „Rheins­berg­er Bogen“, der eben­da ent­stand. Und darin find­et sich, neben anderem, die fol­gende Geschichte, die Ihre erste Frage beant­wortet und auch ein geeignetes Schluss­wort ist. Voilà:

Wenn der Berlin­er kommt…

Am Woch­enende und an kirch­lichen Feierta­gen über­fällt den Berlin­er der Wun­sch, ein Men­sch zu sein. Zwar hat er vor lauter Wichtigkeit vergessen, was das ist und wie das geht, aber er nimmt es sich tüchtig vor und organ­isiert es mit der ihm eige­nen Bedeut­samkeit. Mis­ter Hyde möchte wieder Dok­tor Jekyll wer­den; zwar bleibt er immer Mis­ter Hyde, egal wie humanoid er sich auch verklei­det, schminkt oder gibt, aber das weiß er nicht, ignori­ert es also fro­hge­mut, wirft sich in Freizeitschale, klemmt sich Mausi unter den Arm und knat­tert los.

Sein Ziel ist das, was er ganz selb­stver­ständlich als „Umland“

beze­ich­net; die Her­ablas­sung, die in diesem Wort steckt, ist ihm zwar nicht bewusst, aber dur­chaus so gemeint. Schließlich ist Berlin der Mit­telpunkt der Welt, um den alles andere eben herum­liegt und nur darauf wartet, mit dem Geschenk eines Besuchs beglückt zu wer­den. Wenn ein Berlin­er eine Vorstel­lung davon hätte, dass die von ihm als Rest betra­chtete übrige Men­schheit ihre eige­nen und von ihm ganz unab­hängi­gen Ziele ver­fol­gen kön­nte, dann wäre das schon sehr viel.

Der Berlin­er hat von nichts eine Ahnung, das aber laut und vernehm­lich. Er muss auch nichts wis­sen; er ist ja schon da, das genügt ihm voll­ständig und sollte auch jedem anderen ein hin­re­ichen­der Grund zur Freude sein. Und so taucht er im Städtchen auf, gern in großer Schau­macherkarre oder auch auf dem heftig pött-pöt­tern­den Motor­rad, jeden­falls so, dass man ihn optisch und akustisch wahrnehmen muss, ob man das nun möchte oder nicht. Hat er sein Sieht-mich-auch-jeder?-Vehikel abgestellt, walzt er in Zweier- oder in Vier­rerrei­he übers Trot­toir wie ein gemäch­lich­es Bre­it­wandgesäß, lässt nie­man­den passieren und hat demon­stra­tiv jede Menge Zeit.

Etwas Kon­tur­los­es, Matschiges, Sinnlos­es umwe­ht ihn; ohne sich eine

Form zu geben, würgt und wirscht er durch die Gegend und teilt der Welt in Kör­per­sprache mit: Ist es nicht her­rlich, dass ICH jet­zt frei habe? Mag sein – aber geht das die Welt irgen­det­was an? Und ist es nicht erstaunlich, wie brül­lend laut die ange­blich stumme Kör­per­sprache sein kann?

Dezente Zurück­hal­tung über­lässt der aus­flügel­nde Berlin­er anderen.

Er ist inzwis­chen im Lokal angekom­men und ver­langt Bedi­enung. Die ste­ht ihm zu, aber zack-zack. Ungläu­big und wider­willig muss der Vertreter der Aus­flugssorte Men­sch zur Ken­nt­nis nehmen, dass nicht allein er und die Seinen auf die sin­gulär außergewöhn­liche Idee ein­er Aus­fahrt kamen; viele, viele andere sind aus­ge­flo­gen, manche sog­ar schon vor ihm. Bekommt er jet­zt vielle­icht nicht sofort einen Platz und alles, worauf er ein Anrecht hat? Skan­dal? Ver­rat? Ja, auch – vor allem aber Frech­heit, jawohl: „Eine Frech­heit is dett!“

Mür­risch und kurz vor maulen ste­ht der aus­flugszielfix­ierte Berlin­er im Lokal und hüh­n­ert mit den Füßen. Beina­he schon hat er ein abschließend weg­w­er­fend­es „Also hier kannste ja ooch jar­nisch mehr hin­jehn!“ auf den Lip­pen, als er doch noch einen freien Tisch erspäht. Allerd­ings ste­ht dieser recht entle­gen halb um die Ecke, und die Rück­en­lehnen der Stüh­le sind gegen die Tis­chkan­ten gekippt. Über diese kleinen Zeichen sieht und geht der Aus­flü­gler großzügig hin­weg, eilt samt seinem Tross hinzu, rückt und ruck­elt sich das Gestühl osten­ta­tiv und aber­mals gut vernehm­lich zurecht, macht es

sich bequem und schaut mit erwartungsvoll gerun­de­tem Karpfen­mund zu

Kell­ner­in und Kell­ner.

Die allerd­ings haben gut zu tun, und ihre Wegschneisen liegen

abseits des Tis­ches, an dem Fam­i­lie Sitz­sack Platz genom­men hat. Die

Stim­mung am Tisch verdüstert sich; wie kann das sein? Wir sind schon zwei Minuten hier, und das Essen ste­ht noch nicht auf dem Tisch? Es wird nach Bedi­enung gewinkt, gerufen, mit den Fin­gern geschnipst und sog­ar gep­fif­f­en; auch diese groben Regelver­stöße bleiben fol­gen­los, in jed­er Hin­sicht. Nun macht der Aus­flugs­fam­i­lien­vor­stand die Angele­gen­heit zur Chef­sache, ste­ht auf, strafft sich, san­dalet­tet in einen weniger dezen­tral gele­ge­nen Bere­ich des Garten­lokals hinüber und stellt sich entschlossen und mutig ein­er Kell­ner­in in den Weg. Die, ein volles Tablett in den Hän­den, erk­lärt ihm den­noch geduldig, dass an jen­em Tisch lei­der nicht bedi­ent werde; zu diesem Zeichen habe sie ja auch die Stüh­le gegen den Tisch gelehnt.

Das Gesicht des Aus­flü­glers wird zur Bühne, auf der ein

faszinieren­des Schaus­piel sich ereignet: Zehn­telsekunde für Zehn­telsekunde kann man dabei zuse­hen, wie lange es dauert, bis der Groschen fällt. Als er durchgerutscht ist, klappt dem Aus­flü­gler der Mund auf. In wort­los­er Wut star­rt er die Kell­ner­in an, dreht sich um und macht seinem Klün­gel ein Handze­ichen, aufzuste­hen. Geräuschvoll rauscht die Truppe ab. Im Gesicht des Chefaus­flü­glers aber arbeit­et es. Seine Sprache kehrt in ihn zurück. Er dreht sich noch ein­mal um, schwillt zu voller Bedeu­tung an und entlässt den Inhalt seines Tri­umpha­torenkopfes in den Tag: „So kann ditt ja nüscht wern im Osten!“ – Nein, da muss erst ein­er wie er kom­men, bis alles so schön ist wie über­all.

Was ist der Unter­schied zwis­chen Ter­ror­is­ten und Touris­ten?

Ter­ror­is­ten haben Sym­pa­thisan­ten.

 

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