24. Februar 2005 · Quelle: LR

Auf Suche nach Spuren von Herzberger Juden


Die Schülerzeitung “Philli′s Paper reloaded” stiftet Gedenk­tafel für die
Fam­i­lie Schlesinger

(LR, 14.2.) Im Jahre 1914 siedelte der jüdis­che Kauf­mann Leopold Schlesinger mit sein­er
Fam­i­lie aus dem Anhaltischen voller Hoff­nung nach Herzberg. Sein­erzeit war
er der einzig­ste Tex­tilka­uf­mann in der Stadt. Bere­its im Jahre 1920 kon­nte
er eine große Investi­tion täti­gen: Er kaufte das Geschäft­shaus in der
Tor­gauer Straße 2 in unmit­tel­bar­er Nähe des Mark­tes. Die Kau­fleute
Schlesinger waren beliebt in der Stadt, auch weil sie auch in Krisen­zeit­en
keine Wucher­preise nah­men.

Eine schwere Zäsur stellte der 1. April 1933 dar. An diesem Tag insze­nierten
die Nazis unter einem absur­den Vor­wand einen Boykott gegen jüdis­che
Geschäfte und Ein­rich­tun­gen in ganz Deutsch­land. Der Erfolg über­raschte die
Nazis selb­st. Wie in ganz Deutsch­land kauften auch in Herzberg nur wenige
Bürg­er in jüdis­chen Geschäften ein. Dieses Ereig­nis war für die Schlesingers
der Beginn ein­er Odyssee, die Anfang 1943 mit dem gewalt­samen Tod der
Eheleute Sel­ma und Leopold Schlesinger im KZ There­sien­stadt endete.

Auf die Spuren­suche begeben

Im Herb­st 2003 begab sich ein Grund­kurs Poli­tis­che Bil­dung (Klasse 11) auf
die Suche nach den Spuren der Schlesingers. Die Schüler nah­men an einem
entsprechen­den Wet­tbe­werb der Bun­deszen­trale für Poli­tis­che Bil­dung teil.
Der Grund­kurs split­tete sich in ver­schiedene Arbeits­grup­pen auf. So
erforschte eine Gruppe im Archiv des Land­kreis­es den dama­li­gen Zeit­geist und
kam zu dem schock­ieren­den Ergeb­nis, dass die Men­schen im dama­li­gen Kreis
Schweinitz über­aus empfänglich für die Ide­olo­gie des Nation­al­sozial­is­mus
waren. Im “Schweinitzer Kreis­blatt” , im “Stadt- und Land­boten Schlieben”
und in den Heimatkalen­dern wurde — auch vor dem Hin­ter­grund der dama­li­gen
Not — die Sehn­sucht nach einem Führer artikuliert.

Hel­mut Knuppe half

Die wesentlich­sten Infor­ma­tio­nen über die Schlesingers selb­st erhiel­ten die
Schüler vom Herzberg­er Ortschro­nis­ten Hel­mut Knuppe und in einem Gespräch
mit ein­er ehe­ma­li­gen Mitar­bei­t­erin des Amtes für offene Ver­mö­gens­fra­gen.
Gle­icher­maßen prob­lema­tisch und ernüchternd erwies sich das Befra­gen von
Zeitzeu­gen. Am Rande sahen sich die Teil­nehmer den Film “Schindlers Liste”
an. Den Abschluss der Pro­jek­tar­beit bildete eine Exkur­sion in das ehe­ma­lige
Ver­nich­tungslager Auschwitz.

Im Resümee der Wet­tbe­werb­sar­beit heißt es: Das Schick­sal der jüdis­chen
Fam­i­lie Schlesinger rief nicht nur bei uns Mit­gliedern der Pro­jek­t­gruppe
Erschrock­en­heit und Entset­zen her­vor. Auch Zeitzeu­gen, die wir zu dem The­ma
befragten, reagierten sehr emo­tion­al, nicht sel­ten aber ver­schlossen. Die
Gründe für diese Ver­schlossen­heit blieben uns jedoch unbekan­nt und lassen
Raum für Speku­la­tio­nen offen:

Viele Mit­glieder der älteren Gen­er­a­tion haben ver­mut­lich die Geschehnisse in
der Zeit des “Drit­ten Reich­es” ver­drängt oder möcht­en ein­fach nicht mehr
daran erin­nert wer­den. Manche wollen sich wahrschein­lich ihren Lebens­abend
nicht verder­ben und sehen es daher nicht ein, sich noch unnötig zu belas­ten.
Einige behal­ten auch die Wahrheit für sich, um die noch leben­den Nach­fahren
der Opfer sowie der Täter nicht den Schmähun­gen der Öffentlichkeit
auszuset­zen.

Obwohl es im Laufe des Pro­jek­tes zu eini­gen Tur­bu­len­zen kam, kon­nte die
Pro­jek­t­gruppe einen Erfolg ein­fahren: Die Bun­deszen­trale für Poli­tis­che
Bil­dung zeich­nete Anfang 2004 jedes Mit­glied der Gruppe mit einem dig­i­tal­en
Mul­ti­me­dia-Lexikon aus. Ein Aspekt des Pro­jek­tes ist jedoch bish­er noch
nicht ver­wirk­licht: Bestandteil der Arbeit war ein Entwurf ein­er
Gedenk­tafel.

Die Tafel selb­st finanzieren

Im 8. Mai 2005 gedenkt ganz Deutsch­land des Kriegsendes. Das
Philipp-Melanchthon-Gym­na­si­um Herzberg möchte sich an der städtis­chen Ehrung
beteili­gen. “Philli′s Paper reloaded” , die erst Anfang 2004 reak­tivierte
Schülerzeitung der Schule, will die Gedenk­tafel mit den ersten selb­st
erwirtschafteten Gewin­nen finanzieren und damit ein Zeichen gegen die
Aus­gren­zung von Min­der­heit­en und gegen die Frem­den­feindlichkeit set­zen (die
RUNDSCHAU berichtete). Zuvor sind allerd­ings noch viele Genehmi­gun­gen
einzu­holen, unter anderem die der in Israel leben­den Ange­höri­gen.

Freya Kliers Mah­nung

Damit wer­den die Herzberg­er Melanchthon-Gym­nasi­as­ten dem gerecht, was die
Bürg­er­recht­lerin Freya Kli­er vor Jahren bei ihrem Besuch an der Schule als
“11. Gebot” for­mulierte: “Du sollst dich erin­nern!” .

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