20. Dezember 2005 · Quelle: Junge Welt

»Aurich wäre angenehm!«

Pots­dam -Rund um das Nauen­er Tor in Pots­dam hat­ten sich am gestri­gen Dien­stag auf­fäl­lig viele Polizis­ten mit und ohne Uni­form grup­piert. Das lag daran, daß vor der 1. Strafkam­mer im Landgericht ein Prozeß begann, der großes öffentlich­es Inter­esse her­vorgerufen hat. Angeklagt sind Oliv­er Oe. (22), Michael G. (22), Mar­cus Sch. (32), Daniel Ko. (22), Oliv­er Ka. (22) und Mar­cell Sch. (23). Die Staat­san­waltschaft wirft den sechs jun­gen Neon­azis ver­sucht­en Mord und gefährliche Kör­per­ver­let­zung vor.

Die sechs Angeklagten waren am 3. Juli 2005 gegen halb zwei nachts zusam­men mit weit­eren Kumpa­nen nach ein­er Par­ty im Buga-Park mit der Straßen­bahn Lin­ie 92 in Rich­tung Haupt­bahn­hof unter­wegs, als sie in der Friedrich-Ebert-Straße auf Höhe Bran­den­burg­er Straße den 25jährigen Christoph Bl. als »Linken« erkan­nten, der zusam­men mit dem 24jährigen Tamàs Bi. von ein­er Ver­anstal­tung im »Waschhaus« kam. Nach den Ermit­tlun­gen der Staat­san­waltschaft zog Oliv­er Ka. die Not­bremse der Tram. Die Horde sprang aus der Bahn und bildete einen Kreis um ihre Opfer. Ein Mäd­chen, das noch im jugendlichen Alter ist und sich deshalb mit anderen jugendlichen Tätern in einem geson­derten Prozeß ver­ant­worten muß, soll Christoph Bl. eine hal­b­volle Bier­flasche auf den Kopf geschla­gen haben, worauf der zu Boden stürzte. Abwech­sel­nd sollen die etwa 15 Neon­azis dann auf ihn eingeschla­gen und ‑getreten haben, auf den Kopf und auf den Kör­p­er. Dabei stießen sie Dro­hun­gen aus; Oliv­er Oe. soll gerufen haben: »Scheiß Zecke, ich mach dich alle, ich mach dich platt!«

Tamás Bi. wagte die Frage: »Was soll das?«, woraufhin auch er gegen eine Wand gedrängt und zu Boden geschla­gen wurde. Die Peiniger sollen ihn so lange mit Bier­flaschen geschla­gen haben, bis diese zer­brachen. Zudem wur­den ihm mit einem abge­broch­enen Flaschen­hals mehrere, bis zu vier Zen­time­ter lange Schnitte im Gesicht zuge­fügt. Nach der Gewal­torgie gab ein­er der Neon­azis den Befehl »Abmarsch«, worauf die Gruppe geschlossen abrück­te und ihre Opfer ihrem Schick­sal über­ließ.

Bei ihrem Angriff sollen die Angeklagten den Tod von Bl. und Bi. zumin­d­est bil­li­gend in Kauf genom­men haben. Christoph Bl., der während des Tat­geschehens kurzzeit­ig bewußt­los gewe­sen sein soll, hat eine Gehirn­er­schüt­terung und mul­ti­ple Hämatome erlit­ten. Er war mehrere Wochen in ärztlich­er Behand­lung. Die Wun­den von Tamás Bi. mußten genäht wer­den, er lag drei Tage im Kranken­haus.

Soweit etwa der Tatver­lauf, wie ihn Staat­san­walt Peter Petersen in der Klageschrift schilderte. Zuvor hat­ten die Vertei­di­ger mit ein­er Rei­he von Anträ­gen ver­sucht, den Prozeß zu ver­hin­dern bzw. zu verzögern. Der absur­deste Antrag war, den Prozeß an einem anderen Ort außer­halb von Bran­den­burg weit­erzuführen, weil in Pots­dam die Öffentlichkeit gegen die Angeklagten vor­ein­genom­men sei. Nach der Frage des Vor­sitzen­den Richters, Dr. Frank Tie­mann, wo denn der geeignet­ste Ort sei, antwortete der Antrag­steller: »Aurich wäre angenehm«.

Zeu­gen und Beobachter kön­nten diesem Wun­sch vielle­icht sog­ar zus­tim­men. Denn die neubraunen Hor­den kön­nten dort in Ost­fries­land sicher­lich nicht die Zuschauer­ho­heit errin­gen wie in Pots­dam, wo sie gestern die spär­lichen 22 Pub­likum­splätze beherrscht­en. Und vielle­icht gibt es in Aurich auch mehr als acht Plätze für die Presse.

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