20. April 2005 · Quelle: MAZ

Aus dem Iran geflüchtet

STOLPE-SÜD Kein Bock, aufzuräu­men, nicht schon wieder abwaschen — wer ken­nt
das nicht. Die nor­malen All­t­agssor­gen eines ganz nor­malen Jugendlichen. Doch
wie sieht die Sache aus, wenn der nor­male Jugendliche ein aus­ländis­ch­er
Asyl­be­wer­ber ist?

Mon­tag­mor­gen, 6 Uhr. Der Weck­er klin­gelt. Der gebür­tige Iran­er Nima
Taimouri­an springt aus dem Bett. Schnell gewaschen, Früh­stück. Dann aufs Rad
und ab zur Albert-Schweitzer-Gesamtschule in Hen­nigs­dorf. Bio, Mathe,
Deutsch und zurück nach Hause. Soweit wenig außergewöhn­lich. Doch Nimas
Nach­hauseweg führt zum Asyl­be­wer­ber­heim Stolpe-Süd.

“Leute aus Afri­ka, Viet­nam, Indi­en, aus allen Natio­nen wohnen hier”, erzählt
der 19-Jährige. “Als ich da zum ersten Mal durchge­führt wurde, war das schon
komisch. So viele ver­schiedene Men­schen nebeneinan­der, das ken­nt man im Iran
nicht.”

Nimas Vater wurde poli­tisch ver­fol­gt

Bis 2001, in seinem 15. Leben­s­jahr, hat­te Nima im iranis­chen Karaj gelebt,
dort die Schule besucht, mit seinen jün­geren Geschwis­tern Nazn­er und Iman
nach­mit­tags Fußball gespielt. Sein Vater Mohammed diente bei der Armee. Doch
eines Tages wurde aus dem Offizier ein poli­tisch Ver­fol­gter. Wie es genau
dazu kam, will Nima lieber nicht erzählen. “Meinem Vater wurde die
Todesstrafe ange­dro­ht, wir mussten weg”, ver­rät er nur.

Sein Vater entsch­ied sich für Deutsch­land, da in Berlin schon ein Neffe
wohnte. “Nur mein Vater und ich kon­nten zuerst hier­her kom­men”, erzählt
Nima. Erst ein knappes Jahr später fol­gte seine Mut­ter Siroze mit Nimas
Geschwis­tern ins Flüchtling­sheim Eisen­hüt­ten­stadt, wo Nima und Mohammed
zuerst unterge­bracht wur­den. Nach drei Monat­en fol­gte die Ver­set­zung der
Fam­i­lie nach Stolpe-Süd.

Im hiesi­gen Asyl­be­wer­ber­heim teilt sich Nima ein kleines Zim­mer mit seinem
Vater. Seine Mut­ter und seine Geschwis­ter bewohnen einen Raum im gle­ichen
Flur. “Die Duschen und Küche müssen wir uns mit allen Heim­be­wohn­ern teilen.
Die Küche ist aber immer so dreck­ig: Bevor du dein Essen machst, hast du
schon gar keinen Hunger mehr”, schüt­telt Nima den Kopf.

Dabei ist der junge Iran­er auf die heim­interne Küche angewiesen. “Wir kochen
doch iranisch: Hüh­nchen, Gemüse und viel Reis. Schweine­fleisch verträgt mein
Magen nicht.” Kein Wun­der — Nima ist Moslem. Vier­mal täglich nimmt er sich
Zeit, um auf Per­sisch zu beten. “Meine Fre­undin hat mich beim ersten Mal
ganz schön komisch angeguckt und gefragt, was ich da mache”, erin­nert sich
Nima. “Heute ist das kein Prob­lem mehr.” Nimas Fre­undin heißt Ste­fanie. Sie
ist Hen­nigs­dor­ferin, 16 Jahre alt und besucht wie Nima die 10. Klasse der
Albert-Schweitzer-Gesamtschu-le. Doch der Weg zum glück­lichen Pärchen
gestal­tete sich schwierig. “Oh, meine Eltern waren sauer, als ich ihnen
erzählt habe, dass ich eine Fre­undin habe”, zieht der Iran­er die Augen­brauen
hoch. “Ich solle lieber für die Schule ler­nen, meinte meine Mut­ter. Erst
später hat sie gesagt, dass ich selb­st wis­sen müsse, was ich mache.”

Inzwis­chen sind Ste­fanie und Nima 15 Monate zusam­men. Ste­fanie besucht ihren
Fre­und regelmäßig im Asyl­be­wer­ber­heim. “Am Anfang wusste ich gar nicht, dass
er da wohnt”, erin­nert sie sich. “Die ersten Besuche waren auch selt­sam. Das
Heim, die Leute, alles war so unge­wohnt. Jet­zt ist das aber okay. In let­zter
Zeit hab ich sog­ar schon mit Nimas Vater gequatscht.” Keine
Selb­stver­ständlichkeit, denn Nimas Fam­i­lie übt noch fleißig an der deutschen
Sprache. “Bish­er muss ich die Briefe vom Sozialamt über­set­zen und
beant­worten”, grum­melt der Iran­er. “Selb­st zum Arzt muss ich meine Fam­i­lie
begleit­en.” Freizeitbeschäf­ti­gun­gen, auf die er gerne verzicht­en würde. Im
Gegen­satz zu seinem Fit­nesstrain­ing. “Vier­mal die Woche gehe ich dafür mit
einem Fre­und aus dem Heim ins Con­ny Island. Das kostet für uns nur fünf Euro
im Monat.”

Nima achtet auf seine Finanzen. Arbeit­en darf er als Asyl­be­wer­ber nicht. 40
Euro Bargeld bekommt er monatlich vom Sozialamt zugeteilt. Dazu erhält Nima
Wertgutscheine, die nur für Nahrungsmit­tel aus­gegeben wer­den dür­fen.
Angenom­men wer­den die Gutscheine nur bei den großen Han­dels­ket­ten. Auch
Rück­geld bekommt Nima bei so einem Einkauf nicht. “Wenn ich Brötchen holen
möchte, muss ich für meinen Fünf-Euro-Gutschein auch Brötchen für fünf Euro
kaufen oder das Rest­geld der Kassiererin schenken.”

Nicht das einzige Prob­lem, denn: “Die Leute in Hen­nigs­dorf kamen mir am
Anfang so kalt vor.” Auch mit Recht­sex­tremen ist er schon aneinan­der
ger­at­en. “Die kan­nten schon meinen Namen, da hat­te ich sie noch nie
gese­hen”, so Nima. “Die meis­ten Men­schen hier sind aber nett.”

Die Abschiebung wäre das Schlimm­ste

Bleibt die tägliche Angst, wieder abgeschoben zu wer­den. “Das wäre das
Schlimm­ste. Wir wollen und kön­nen doch gar nicht mehr in den Iran zurück.
Dann wäre das Leben eigentlich vor­bei”, sagt Nima ernst. “Bei jedem Brief,
der kommt, hast du Angst, dass er die Abschiebung bedeutet.”

Und wenn in einem Schreiben das erhoffte Asyl gewährt wird? “Dann würde ich
nach Berlin oder Frank­furt ziehen, eine Aus­bil­dung zum Hotelfach­mann
begin­nen”, kehrt ein Lächeln in das Gesicht des jun­gen Iran­ers zurück.
“Ein­fach lock­er lassen und keine Briefe vom Sozialamt mehr bekom­men.”

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