20. April 2005 · Quelle: MAZ

Bilder gehen nicht aus dem Kopf

BAD WILSNACK Die Ereignisse der ver­gan­genen Tage wer­den nicht so schnell
verblassen. Der Besuch der ein­sti­gen Häftlinge aus dem KZ-Außen­lager Glöwen
in der Prig­nitz und die Teil­nahme an Ver­anstal­tun­gen anlässlich der
Befreiung des KZ in Sach­sen­hausen haben sowohl bei Lehrern als auch Schülern
der Gesamtschule Bad Wilsnack einen bleiben­den Ein­druck hin­ter­lassen.

“Die Bilder gehen mir nicht mehr aus dem Kopf”, bekräftigte gestern Hel­ga
Enders. Sie war am Son­ntag gemein­sam mit Ulla Seegers, Schullei­t­erin Gisela
Hauck und ein­er weit­eren Kol­le­gin Gast beim zen­tralen Fes­takt an der
Gedenkstätte Sach­sen­hausen gewe­sen und hat­te die Feier­lichkeit­en Seite an
Seite mit ein­sti­gen Häftlin­gen des KZ-Außen­lagers Glöwen ver­fol­gt, die
bere­its im Sep­tem­ber ver­gan­genen Jahres in der Kurstadt zu Besuch waren.
“Viele hat­ten Trä­nen in den Augen”, berichtete die Lehrerin.

Ulla Seeger, die die Geschichte der bei Glöwen gefan­gen gehal­te­nen Juden mit
ihren Schülern erforschte, wird die Begeg­nung mit den Opfern auch nicht so
schnell vergessen. Sie zeigte sich über­rascht, wie offen und
fre­und­schaftlich die Gäste aus Israel auf­trat­en, als sie am Mon­tag zur
Enthül­lung der Gedenk­tafel in der Prig­nitz weil­ten. “Ich hat­te den Ein­druck,
sie haben sich wirk­lich über den Gedenkstein, den wir geset­zt haben,
gefreut”, sagte die Lehrerin. Nach der offiziellen Zer­e­monie an diesem
Mah­n­mal hat­te sie Gele­gen­heit, mit der Frau des bere­its ver­stor­be­nen
Grün­ders der “Jew­ish Sur­vivor Asso­ci­a­tion” zu sprechen, in der die
Über­leben­den des Nazi-Ter­rors organ­isiert sind.

Die Schü­lerin Christin Mau­r­er wiederum unter­hielt sich mit Men­achem
Mil­shtein, der im Alter von 21 Jahren vom KZ-Sach­sen­hausen ins Außen­lager
Glöwen gebracht wurde. “Es fiel ihm wohl sehr schw­er, an den Ort des
Schreck­ens zurück zu kehren”, berichtete sie. Der Sohn habe zudem erzählt,
dass sein Vater zunächst nicht in der Lage gewe­sen sei, über seine
Erleb­nisse in der NS-Zeit zu reden. Vor zwölf Jahren habe er zum ersten Mal
darüber gesprochen. Noch heute ver­fol­gten ihn Alp­träume, die ihn nachts aus
dem Schlaf fahren ließen.

Unter den Gästen aus Israel befand sich auch Ester Zil­ber­stein. Sie ist die
einzige weib­liche Über­lebende, die zwis­chen 1945 und 1945 im Beutelager
“Roland” gefan­gen gehal­ten wurde. Wie Hel­ga Enders im Gespräch mit ihr
erfuhr, war sie zu diesem Zeit­punkt 15 Jahre alt. Sie musste im Lager
schwere Arbeit ver­richt­en: Gräben für Kabel ver­legen und mit dem
Press­luftham­mer alten Beton auf­stem­men. Als einzige Nahrung bekam sie damals
Wasser­rüben­suppe mit einem Stück Brot gere­icht.

Um das Tre­f­fen mit den ein­sti­gen Häftlin­gen am 60. Jahrestag entsprechend zu
würdi­gen, will die Schule dazu eine Ausstel­lung vor­bere­it­en und gemein­sam
mit dem Poli­tolo­gen Thomas Irmer eine Broschüre her­aus­geben. Leichter
zugänglich wird dem­nächst auch der Erfahrungs­bericht des Über­leben­den Abram
Lanc­man sein. Englis­chlehrer der Wilsnack­er Schule haben “The Tor­rent of
Fate” inzwis­chen ins Deutsche über­set­zt. Schüler und andere Inter­essen­ten
sollen ein Exem­plar erhal­ten.

Sorge bere­it­ete dem Wilsnack­er Kol­legium lange Zeit, was aus dem Gedenkstein
wird, wenn die Gesamtschule nach den Som­mer­fe­rien endgültig ihre Pforten
schließt. “Wir sind mit Orts­bürg­er­meis­ter Fritz Olboeter übere­in gekom­men,
dass sich die Gemeinde Nit­zow kün­ftig um die Pflege küm­mern wird”, sagte
Ulla Seeger.

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