2. Juni 2004 · Quelle: MAZ

Ausreiseverbot für Hooligans

(MAZ, 28.5.) POTSDAM Dutzende Bran­den­burg­er Fußball­fans, die als gewalt­bere­it reg­istri­ert
sind, bekom­men in diesen Tagen Besuch von der Polizei. Damit soll ver­hin­dert
wer­den, dass deutsche Hooli­gans während der Fußball- Europameis­ter­schaft in
Por­tu­gal ran­dalieren. Bei der Welt­meis­ter­schaft 1998 war der franzö­sis­che
Gen­darm Daniel Niv­el von deutschen Hooli­gans fast zu Tode geprügelt wor­den.

Den zir­ka 100 Fans wird in so genan­nten Gefährder­ansprachen erk­lärt, dass
sie bei ein­er Reise zur EM genau beobachtet wer­den und beim kle­in­sten
Anze­ichen aus dem Verkehr gezo­gen wer­den. Allein im Raum Cot­tbus wer­den rund
40 polizeibekan­nte Fans aufge­sucht, in Pots­dam 13. Eine “ver­fes­tigte
Hooli­gan-Szene” existiert laut Innen­min­is­teri­um im Land nicht.

Die Berlin­er Polizei hat 47 “Gefährder” im Blick. Sieben haupt­städtis­che
Hooli­gans haben zudem Meldeau­fla­gen erhal­ten. Sie müssen sich während der EM
vom 12. Juni bis 4. Juli täglich auf der Polizei­wache melden, son­st dro­hen
Zwangs­geld und ‑haft. Gegen sechs von ihnen wur­den “Pass­beschränkun­gen”,
also ein Aus­rei­se­ver­bot, aus­ge­sprochen. Sie gel­ten in Polizeikreisen als
“aktiv mit dem Zeug zum Rädels­führer”. Min­destens vier Bran­den­burg­er Row­dys
dieses Kalibers erwartet wahrschein­lich Ähn­lich­es. Sie sind in Berlin aktiv
und an die Behör­den ihrer Wohnorte gemeldet wor­den. Zwei von ihnen sind
Hertha BSC, zwei dem 1. FC Union zuzuord­nen.

Poten­zielle Gewalt­täter ste­hen auch in Por­tu­gal unter Beobach­tung der
deutschen Behör­den. Zwanzig “szenekundi­ge Beamte” wer­den an Flughäfen,
Bahn­höfen und während der Spiele der deutschen Mannschaft präsent sein, um
den por­tugiesis­chen Kol­le­gen Tipps geben zu kön­nen. Eigene Befug­nisse haben
sie jedoch nicht. Unter ihnen ist der Berlin­er Polizeikom­mis­sar Arne Sieg
(36). Bran­den­burg entsendet keine eige­nen Polizis­ten. Für die Zeit der
Europameis­ter­schaft hat Por­tu­gal das Schen­gen-Abkom­men aus­ge­set­zt und damit
die Gren­zkon­trollen auch für EU-Bürg­er wieder einge­führt. Fan­beauf­tragte
kri­tisieren unter­dessen die Spe­icherung von bun­desweit 4600 Fans in der
Datei “Gewalt­täter Sport” als willkür­lich und über­zo­gen.

Über­raschung an der Gren­ze

Fan­beauf­tragter von Babels­berg 03 kri­tisiert Sam­mel­wut der Polizei

(MAZ, 28.5., Jan Stern­berg) POTSDAM/COTTBUS Wahrschein­lich ste­he er selb­st in der Datei “Gewalt­täter
Sport”, erzählt Gre­gor Voehs, der Fan­be­treuer von Babels­berg 03. In Chem­nitz
wurde der 42-jährige Sozialar­beit­er beschuldigt, Pyrotech­nik ins Sta­dion
schmuggeln zu wollen. Obwohl der Ver­dacht aus­geräumt wer­den kon­nte, lan­de­ten
seine Per­son­alien in der Daten­bank, die von der “Zen­tralen
Infor­ma­tion­sstelle Sport” (ZIS) beim Düs­sel­dor­fer Lan­deskrim­i­nalamt (LKA)
geführt wird. Zir­ka 4600 Per­so­n­en sind dort reg­istri­ert, rund 100 kom­men aus
Bran­den­burg, 700 aus Berlin.

Wer aus dieser Gruppe eine Reise zur Fußball-Europameis­ter­schaft nach
Por­tu­gal plant, kön­nte an der Gren­ze Prob­leme bekom­men. Denn das
Schen­gen-Abkom­men ist während des Spek­takels aus­ge­set­zt, und in den
Com­put­ern der Gren­zschützer ste­hen auch die Dat­en aus der “Gewalt­täter
Sport”-Kartei. Ob dort Einge­tra­gene aus­reisen dür­fen, liegt im Ermessen der
Beamten. Fan­be­treuer wie Voehse oder Matthias Bet­tag, Sprech­er des
bun­desweit­en “Bünd­niss­es aktiv­er Fußball­fans”, befürcht­en, dass auch
friedliche Fans an ihrem Por­tu­gal-Trip gehin­dert wer­den.

Denn gespe­ichert wür­den Schlacht­en­bumm­ler auch wegen Bagatellde­lik­ten, so
Voehse. “Wenn sich jemand weigert, bei einem Polizeiein­satz vor dem Sta­dion
seine Per­son­alien anzugeben, ist er ganz schnell wegen Wider­stands gegen die
Staats­ge­walt dran.” Mitunter träfe der Bannstrahl des Geset­zes auch gän­zlich
Unbeteiligte. Als Babels­berg-Fans auf der Rück­fahrt von einem Auswärtsspiel
in Aue die Scheibe eines Wag­gons zertrüm­mert hat­ten, wurde der Zug von der
Polizei gestoppt. Bei der Aktion seien laut Voehse auch die Per­son­alien
unbeteiligter Reisender aufgenom­men wor­den. Auch sie kön­nten in der Datei
gelandet sein.

Die Polizei weist solche Vor­würfe zurück. “Wir spe­ich­ern nicht willkür­lich,
son­dern nach ein­er genauen Auf­stel­lung von Straftat­en”, sagt Frank Scheulen,
Sprech­er des Düs­sel­dor­fer LKA. Im Inter­net gibt die ZIS Ratschläge, die im
Einzelfall nicht immer ein­fach zu befol­gen sind: Fans soll­ten sich kein­er
Gruppe anschließen, von der sie annehmen, “dass sie Gewalt sucht oder dazu
bere­it ist”.

In Berlin gehe man “sehr sorgfältig” mit der “Gewalttäter”-Datei um, sagt
Iris Tap­pen­dorf, Lei­t­erin der Ermit­tlungs­gruppe “Hooli­gan” der
Haupt­stadt-Polizei. “Nicht jed­er, der auf­fäl­lig wird, kommt sofort in die
Datei”.

Gre­gor Voehse emp­fiehlt seinen Null­drei-Fans nun, vor ein­er Reise zur EM
unbe­d­ingt bei der ZIS in Düs­sel­dorf nachzufra­gen, ob sie in der Datei
gespe­ichert sind. Bei einem Tre­f­fer soll­ten sie ver­suchen, die Löschung der
Per­son­alien zu betreiben. Seinem Ratschlag gefol­gt ist indes noch nie­mand -
aus sim­plem Grund: Den meis­ten von Voehse betreuten jun­gen Babels­berg-Fans
fehlt schlicht das Geld für eine Por­tu­gal-Reise. Die märkische Unter­stützung
auf der Iberischen Hal­binsel scheint ohne­hin eher mager ausz­u­fall­en: Denn
auch Sven Graup­n­er vom Fan­pro­jekt des FC Energie Cot­tbus ken­nt unter seinen
Anhängern nur “um die zehn Mann, die die ganze Zeit unten bleiben wollen”.

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