14. April 2005 · Quelle: MAZ, TAZ

Baugrund für Garnisonkirche

(MAZ)POTSDAM Das Grund­stück für den Wieder­auf­bau der Gar­nisonkirche ste­ht zur
Ver­fü­gung. Pünk­tlich zur heuti­gen sym­bol­is­chen Grund­stein­le­gung (16 Uhr)
ver­melden die Stadt und die Immo­bilienge­sellschaft der Arag den Abschluss
ein­er Vere­in­barung zur unent­geltlichen Über­tra­gung von 900 Quadrat­metern an
den von der Stadt beauf­tragten Sanierungsträger Pots­dam. Ab 1. Jan­u­ar 2006
werde man bere­its über den ehe­ma­li­gen Sozial­trakt des Rechenzentrums
ver­fü­gen, in dem zurzeit ein Fahrrad­laden ist, teilte Sanierungsträgerchef
Erich Jesse gestern mit. Der Abriss des Gebäude­teils ist Voraus­set­zung für
die Errich­tung des 88 Meter hohen Kirchturms. 

Ober­bürg­er­meis­ter Jann Jakobs und Arag-Vertreter äußerten sich “erle­ichtert,
das zwis­chen­zeitlich kon­tro­verse Prob­lem für alle Seit­en zufriedenstellend
gelöst” zu haben. 

Als die Arag das Grund­stück von der Treu­hand erwarb, verpflichtete sich der
Ver­sicherungskonz­ern im Kaufver­trag, es für den Fall eines Wiederaufbaus
kosten­los abzugeben. Wirtschaftlich trag­bar ist dieser Schritt erst dank
Mitwirkung des Innen­min­is­teri­ums. Es hat den Ende 2007 auslaufenden
Mietver­trag seines Lan­desamtes für Daten­ver­ar­beitung mit dem
Grund­stück­seigen­tümer Arag so weit ver­längert, dass der Bau des
Kirchen­schiffs gewährleis­tet bleibt. 

Die Sanierungsziele der Stadt gehen über die Kirchen­fun­da­mente hin­aus bis
zur Rück­gewin­nung der Plan­tage. Mit der Arag ist vere­in­bart, dass ein
Kaufver­trag über weit­ere etwa 13 000 Quadrat­meter geschlossen wird. Mit der
Grund­stein­le­gung will die Förderge­sellschaft für den Wieder­auf­bau heute die
Spenden­samm­lung forcieren. Zu den ersten Unter­stützern zählt die Familie
Joop. Mod­edesign­er Wolf­gang Joop und seine Eltern Char­lotte und Gerhard
wollen zum Fes­takt kom­men. Die Eltern haben ihre an die
Tra­di­tion­s­ge­mein­schaft Pots­damer Glock­en­spiel (TPG) gezahlte Spende von gut
2000 Euro jet­zt zurück­ge­fordert, um sie der Förderge­mein­schaft zur Verfügung
zu stellen. Das bestätigte Char­lotte Joop gestern. “Als alte Potsdamer
wollen wir wenig­stens den Beginn des Auf­baus noch erleben”, sagte die
90-Jährige. “Wir waren oft in der Kirche, und um unsere wun­der­schöne Stadt
wur­den wir damals auf Schu­laus­flü­gen und auf Reisen über­all beneidet.” 

Nur die Träume wach­sen in den Himmel

Heute wird in Pots­dam der Grund­stein für den umstrit­te­nen Wieder­auf­bau der
Gar­nisonkirche gelegt. Bis­lang fehlt dafür aber noch das Geld

(TAZ)Auf einem Bürg­er­steig am Rande der Pots­damer Innen­stadt wird heute der
Grund­stein für die Gar­nisonkirche gelegt, jenes Hauptwerk des Preußischen
Barock, über dessen Wieder­auf­bau seit Jahren gestrit­ten wird. 

“Endlich haben wir eine Lösung gefun­den, die alle Beteiligten an einen Tisch
bringt”, freut sich Hans-Peter Rein­heimer, Vor­sitzen­der der
Förderge­sellschaft für den Auf­bau der Gar­nisonkirche. Er hat vor über einem
Jahr den “Ruf aus Pots­dam” ini­ti­iert, um nach Vor­bild der Dresdner
Frauenkirche die Spenden­mil­lio­nen für das Pro­jekt zu schef­feln. 65 Millionen
Euro wer­den benötigt — “kon­ser­v­a­tiv geschätzt”, sagt Rein­heimer. Eingenommen
hat er bis­lang kaum etwas: Zu zer­strit­ten waren die Beteiligten, zu unsicher
war die Grund­stücks­frage, zu unbes­timmt die Funk­tion des geplanten Gebäudes,
um an potente Geldge­ber her­antreten zu kön­nen. Den­noch soll die Kirche 2017
stehen. 

Auf ein Nutzungskonzept hat sich die Kreis­syn­ode der evan­ge­lis­chen Kirche am
ver­gan­genen Woch­enende immer­hin geeinigt: Entste­hen sollen eine “offene
Stadtkirche ohne eigene Gemeinde und ein internationales
Ver­söh­nungszen­trum”, erk­lärt Stadtkirchenp­far­rer Markus Schütte das Konzept,
das durch die Auf­nahme in die Inter­na­tionale Nagelkreuzge­mein­schaft von
Coven­try betont wird. Ihr Sym­bol, das Nagelkreuz, soll in den Kirchenneubau
einziehen. 

Auch die Grund­stücks­frage scheint sich zu klären: Der Eigen­tümer wird der
Stadt die benötigten 900 Quadrat­meter unent­geltlich über­tra­gen. Schon im
näch­sten Jahr soll ein Teil des Plat­ten­baus, in dem sich heute ein
Fahrrad­laden befind­et, dem Kirchen­neubau weichen. 

Doch von Einigkeit ist das Pro­jekt Gar­nisonkirche noch immer weit entfernt.
Anfang der Woche verkün­dete die recht­slastige Traditionsgemeinschaft
Pots­damer Glock­en­spiel (TPG) ihren endgülti­gen Ausstieg. 6,7 Mil­lio­nen Euro
hat ihr Vor­sitzen­der, der Bon­ner Max Klaar, nach eige­nen Angaben seit 1990
für den Wieder­auf­bau gesam­melt. Doch die TPG, die von der evangelischen
Kirche ver­langte, wed­er Seg­nun­gen von Homo­sex­uellen noch Beratung von
Wehr­di­en­stver­weigern anzu­bi­eten, war gegen das Nutzungskonzept. “Für einen
Poli­tik­tem­pel für Geschicht­sun­ter­richt aus Sicht der evan­ge­lis­chen Kirche
des 21. Jahrhun­derts” habe er kein Geld akquiri­ert, so Klaar. Am Montag
ver­schick­te er Briefe an seine Spender, die nun selb­st über ihre Gelder
entschei­den sollen. 

Auch die Kri­tik­er von links, etwa die Pots­damer Kam­pagne gegen Wehrpflicht,
bekämpfen den Neubau weit­er. “Sen­ti­men­tal­is­mus” und
“Geschicht­srel­a­tivierung” nen­nt ihn Kam­pag­nen­mit­glied Falk Richter. Die neue
Elite Pots­dams wieder­hole das Ver­hal­ten der SED, das Erbe der Vorgänger zu
vernichten. 

Die Mehrheit der Pots­damer betra­chtet den Willen zum Kirch­bau bislang
allerd­ings eher mit Desin­ter­esse. “Bran­den­burg­er sind keine Sach­sen”, sagt
Rein­heimer, “die brauchen etwas, um aus sich her­auszukom­men.” Es sei daher
wichtig, die Kirche sicht­bar zu machen. 

So wer­den heute Promi­nenz aus Poli­tik und Kirche, Min­is­ter­präsi­dent Mathias
Platzeck (SPD), Innen­min­is­ter Jörg Schön­bohm (CDU) und der Berlin­er Bischof
Wolf­gang Huber, trotz aller Widrigkeit­en mit dem Bau begin­nen, wenn auch nur
sym­bol­isch. Das kün­ftige Ver­söh­nungszen­trum hat also schon jet­zt viel zu
tun, vor allem mit sich selbst.

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