25. November 2002 · Quelle: Märkische Allgemeine

Belzig: Das Gedenken für einen ermordeten Asylbewerber und der tägliche Rassismus

BELZIG — Belaid Bay­lal war ein lebendi­ger, kraftvoller Men­sch, couragiert, voller Ide­ale und kaum zu brechen. Den­noch wurde er zer­brochen. Aus­gerech­net dort, wo er sich sich­er wäh­nte, geschützt vor Folter und Ver­fol­gung, Verurteilung oder gar Tötung. Sein Berlin­er Anwalt Mar­tin Robert las anlässlich eines von der Belziger Jugend-Antifa-Gruppe organ­isierten Forums im Jugend­freizeitzen­trum Pogo aus auto­bi­ografis­chen Aufze­ich­nun­gen, die ihm sein Man­dant für sein Asyl­rechtsver­fahren zur Ver­fü­gung gestellt hat­te.

 

Der marokkanis­che Gew­erkschafter, Mit­glied der Partei für Fortschritt und Sozial­is­mus, hat­te in den 80er-Jahren in sein­er nordafrikanis­chen Heimat für die Ein­heit von Arbeit­ern und Bauern, gegen feu­dale Arbeitsver­hält­nisse und die kor­rupte Ver­wal­tung gekämpft, hat­te Streiks organ­isiert und war dafür mehrfach in Haft genom­men und gefoltert wor­den. Schließlich gelang ihm eine mehrjährige Flucht über Alge­rien und Libyen.

 

Als blind­er Pas­sagi­er kommt er 1991 nach Deutsch­land und wird ins Belziger Asyl­be­wer­ber­heim eingewiesen. In ein­er Belziger Gast­stätte, in der er abends mit einem Fre­und ein Bier trinken will, ereilt ihn sein Schick­sal. Rechte Jugendliche schla­gen und treten auf ihn ein, Bay­lal trägt schwere Dar­mver­let­zun­gen davon, deren Verwach­sun­gen mehrfach Dar­mver­schlüsse aus­lösen und Not­op­er­a­tio­nen erfordern. Im Novem­ber 2000 kommt nach einem erneuten Dar­mver­schluss jede ärztliche Hil­fe zu spät (MAZ berichtete).

 

Die bei­den Täter waren nach dem Über­griff zu ein­er fünf­monati­gen Bewährungsstrafe bzw. zu Arbeitsstun­den und ein­er Geld­buße verurteilt wor­den. “Das war Anfang der 90er, als rechte Jugendliche als ver­wirrte und per­spek­tivlose Einzeltäter gal­ten”, sagt die Berlin­er Jour­nal­istin Heike Kleffn­er, die den Tod Belaid Bay­lals im Rah­men ein­er Doku­men­ta­tion über Opfer ras­sis­tisch motiviert­er Über­griffe recher­chierte und das Pogo-Forum am Don­ner­stagabend mod­erierte.

 

Darin ging es vor allem um den Stein, dessen Errich­tung heute Abend auch Gegen­stand ein­er Debat­te im Belziger Haup­tausss­chuss sein wird. Ent­täuscht darüber, dass die im “Fläming-Echo” abge­druck­te Geschichte Belaid Bay­lals ohne Nach­hall geblieben war, hat­te die Jugend-Antifa-Gruppe im April die Auf­stel­lung eines Gedenksteins angeregt. Er soll neben dem vorhan­de­nen Stein an der Post ste­hen und nicht nur mah­nende Erin­nerung sein.

 

Als “Stein des Anstoßes” soll er auch neue Auseinan­der­set­zun­gen über die alltägliche, bürg­er­liche Form des Ras­sis­mus ermöglichen, die beispiel­sweise der eben­falls im Podi­um vertretene Kameruner Jean-Marce Banoho in bösen Blick­en und Bemerkun­gen auf der Straße erfährt oder deretwe­gen er sich wie viele Ander­s­far­bige nachts nicht allein auf die Straße traut. “Aber wie soll man in der Belziger Bevölkerung Inter­esse für einen Toten weck­en, wenn es nicht ein­mal eine Brücke zu den leben­den 200 Asyl­be­wer­bern in der Stadt gibt”, fragte ein Zuhör­er. Nie­mand der Anwe­senden hat­te Belaid Bay­lal per­sön­lich gekan­nt, obwohl er fast ein Jahrzehnt in Belzig lebte. Mit dem Stein und der damit ver­bun­de­nen Lebens­geschichte, so sagt sein Anwalt, kön­nte Bay­lal eine späte Men­schw­er­dung erfahren.

 

Und auch die Stadt selb­st habe den Stein nötig, so die ein­hel­lige Mei­n­ung im Audi­to­ri­um. Als Eingeständ­nis und Sig­nal der Nicht­dul­dung jed­we­den Ras­sis­mus. Denn, so ging aus etlichen Schilderun­gen der Diskus­sion­steil­nehmer her­vor, es bah­nen sich neue Span­nun­gen in Belzig an. So wurde von Aus­fällen gegen Spä­taussiedler im Klinken­grund und über neue Tre­ff­punk­te rechter Jugendlich­er in der Alt­stadt berichtet. Mar­tin Kun­ze aus der Stadtver­wal­tung notierte sich die laut gewor­de­nen Vor­würfe wegen städtis­ch­er Untätigkeit und Sprachlosigkeit. Er war es, der 1997 das Belziger Forum gegen Recht­sex­trem­is­mus und Gewalt ini­ti­iert hat­te. Es sehe ganz so aus, so der Beige­ord­nete, als ob es ein­er neuen Runde bedarf.

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