16. September 2005 · Quelle: Junge Welt

Bernauer Großbrand

(Junge Welt, 16.9.) In Bran­den­burg ist alles etwas anders. Der geol­o­gisch und men­tal prä­gende Sand­bo­den der Region ver­leit­et die Nachkom­men der preußis­chen Lan­desh­er­ren immer wieder zum Versenken großer volk­swirtschaftlich­er Werte in sel­bigem. Und was nicht versenkt wer­den kann, wie zum Beispiel ein überquel­len­der Müll­berg, wird dann eben ver­bran­nt oder ver­bren­nt – welch glück­liche Fügung für den vom Entzug der Betrieb­s­genehmi­gung bedro­ht­en Betreiber – von ganz alleine.

Bren­nen­der Plas­tik­müll pro­duziert Unmen­gen hochgiftiger und teil­weise kreb­ser­re­gen­der Sub­stanzen. Aber natür­lich nicht in Bran­den­burg, und schon gar nicht, wenn der Umwelt­min­is­ter Diet­mar Woid­ke (SPD) heißt. Alles halb so schlimm, und vor allem kein­er­lei Gren­zw­ertüber­schre­itun­gen, verkün­dete er seit Aus­bruch des Bran­des am Sonnabend beina­he stündlich. Doch was für Gren­zw­erte von welchen Stof­fen? Und wer hat über­haupt was gemessen? Das weiß Herr Woid­ke nicht. Und das Innen­min­is­teri­um Jörg Schön­bohms (CDU) auch nicht. Die wis­sen nur, daß das Umwelt­min­is­teri­um ein High-Tech-Meß­fahrzeug hat, welch­es aber nie­mand bedi­enen kann. Woid­ke weiß nichts von dem Fahrzeug und schiebt alles auf das Innen­min­is­teri­um, weil das für Katas­tro­phen­fälle zuständig sei. Das kon­tert mit der Bemerkung, daß das Ganze über­haupt keine Katas­tro­phe sei. Den­noch gibt es einen örtlichen Katas­tro­phen­stab in Barn­im. Der soll zwar ange­blich alles über die entwich­enen Stoffe wis­sen, sagt es aber nicht.

Inzwis­chen sind die Flam­men gelöscht, aber die Gifte sind immer noch da. Jet­zt sagt plöt­zlich auch Herr Woid­ke, daß es beispiel­sweise erhöhte Diox­in­werte gebe. Das könne doch gar nicht sein, meldet sich ein Herr Ulrich Gräfe, seines Zeichens Kreis­ab­fall­wirtschafts­dez­er­nent in Barn­im (Inter­netwer­bung: »Die Gesund­heitsstadt«) zu Wort. Und über­haupt werde man irgendwelche Werte erst in zwei Wochen veröf­fentlichen. Bis dahin soll­ten jedoch die örtlichen Kle­ingärt­ner ihr Obst gründlich waschen.

Und wenn sie nicht alle ins Gefäng­nis oder ins Irren­haus geschickt wer­den, dann belü­gen sie uns mor­gen weit­er.

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