4. März 2004 · Quelle: Berliner Zeitung

Bewährungsstrafen für Sprengstoff-Fanatiker

(Berlin­er Zeitung, Mar­tin Kles­mann) NEURUPPIN. Zwei junge Män­ner aus dem uck­er­märkischen Brüs­sow sind am Mittwoch vom Landgericht in Neu­rup­pin wegen ille­galen Sprengstoff- und Waf­fenbe­sitzes verurteilt wor­den. Der 25-jährige Mar­cel K. erhielt ein Jahr und neun Monate, der 24-jährige Steven Z. ein Jahr Haft auf Bewährung. Der Staat­san­walt hat­te Haft­strafen von zwei Jahren und sechs Monat­en beziehungsweise einem Jahr gefordert, die Vertei­di­gung hat­te sich für Bewährungsstrafen aus­ge­sprochen.

Anfang Sep­tem­ber waren Mar­cel K. und Steven Z. festgenom­men wor­den. Sie sollen einen Großteil des Sprengstoffs besorgt haben, mit dem eine Münch­n­er Ter­ror­gruppe um den Neon­azi Mar­tin Wiese ange­blich einen Anschlag auf die Baustelle des Jüdis­chen Kul­turzen­trums in München verüben wollte.

Die bei­den Män­ner sollen am 3. Mai 2003 im Gren­zge­bi­et zu Polen eine alte Panz­er­faust­granate aus dem Zweit­en Weltkrieg aufge­spürt und aus­ge­graben haben. Den darin befind­lichen Sprengstoff — ein Kilo­gramm ein­er Mis­chung aus TNT und Hex­o­gen — soll der Neon­azi-Anführer Mar­tin Wiese, der wegen der Geburt­stags­feier eines alten Kumpans ohne­hin im uck­er­märkischen Brüs­sow war, ent­nom­men und nach München gebracht haben.

Braune Armee Frak­tion?

Das bay­erische LKA hat den Sprengstoff Anfang Sep­tem­ber bei ein­er Großrazz­ia gegen die Neon­azi-Gruppe sichergestellt. Manche, wie der bay­erische Innen­min­is­ter Gün­ter Beck­stein (CSU), hat­ten damals gar von ein­er “Braunen Armee Frak­tion” ger­aunt, die sich — anders als die Rote Armee Frak­tion der 70er- und 80er-Jahre — nun nicht aus Linksradikalen, son­dern aus Recht­sex­trem­is­ten rekru­tiere.

Dem arbeit­slosen Tis­chler Mar­cel K. wird darüber hin­aus vorge­wor­fen, mehrere Pis­tolen, weit­eren Sprengstoff und scharfe Muni­tion besessen zu haben. Die Muni­tion soll er im pol­nis­chen Stet­tin erwor­ben haben. Nach ihrer Fes­t­nahme in der Uck­er­mark waren Mar­cel K. und Steven Z. nach Bay­ern gebracht wor­den. Dort wur­den sie von Beamten des bay­erischen Lan­deskrim­i­nalamtes und später auch von Juris­ten der Bun­de­san­waltschaft aus Karl­sruhe wochen­lang ver­nom­men.

Gen­er­al­bun­de­san­walt Kay Nehm warf den bei­den Uck­er­märk­ern zunächst Mit­glied­schaft in ein­er ter­ror­is­tis­chen Vere­ini­gung vor. Im Novem­ber aber tren­nte die Bun­de­san­waltschaft das Ver­fahren gegen die bei­den notorischen Waf­fen­samm­ler aus der Uck­er­mark ab und über­gab den Fall an die Staat­san­waltschaft Neu­rup­pin. “Es gab keine Ver­dacht­slage, dass sie zum harten Kern der Gruppe gehörten”, sagte Frauke-Katrin Scheuten, die Sprecherin der Bun­de­san­waltschaft. Die bei­den Män­ner waren der Polizei bere­its seit Jahren bekan­nt. Steven Z. hat­te 1998 seinen linken Unter­arm ver­loren, als ein explo­sives Gemisch, mit dem er hantierte, sich entzün­dete. Mar­cel K. hat­te auch Kon­takt zur recht­sradikalen NPD. “Ich war in die rechte Szene hineingewach­sen”, sagte er am Mittwoch vor Gericht.

Der Brüs­sow­er Ort­steil Menkin, wo Mar­cel mit seinen Eltern wohnte, gilt als ein Tre­ff­punkt der recht­en Szene. Im Gasthof des 200-See­len-Ortes waren in der Ver­gan­gen­heit wieder­holt Neon­azi-Bands aufge­treten.

Ken­nen gel­ernt haben sich die bei­den Waf­fen­nar­ren aus der Uck­er­mark und der mut­maßliche Recht­ster­ror­ist Wiese Anfang Mai 2003 bei der Geburt­stags­feier von Andreas J., der in einem Bret­ter­ver­schlag hin­ter dem einzi­gen Plat­ten­bau-Wohn­haus von Menkin seinen 37. Geburt­stag begoss. Andreas J. war im Sep­tem­ber eben­falls festgenom­men wor­den, wurde aber nach weni­gen Tagen gegen Aufla­gen auf freien Fuß geset­zt. In Ermit­tlerkreisen weist heißt es, Andreas J. habe umfassende Aus­sagen gemacht.

Gegen ins­ge­samt 14 Per­so­n­en ermit­telt der Gen­er­al­bun­de­san­walt wegen Mit­glied­schaft in ein­er ter­ror­is­tis­chen Vere­ini­gung, Fünf Män­ner sitzen deshalb noch in Haft.

Verbindung nach München

(Berlin­er Zeitung) Die Hand­langer: Vor Gericht standen am Mittwoch Mar­cel K. (25) und Steven Z. (24) aus Brüs­sow (Uck­er­mark). Sie waren am 10. Sep­tem­ber 2003 bei ein­er groß angelegten Polizeiak­tion gegen die Münch­n­er Neon­azi-Gruppe um Mar­tin Wiese festgenom­men wor­den. Bis auf eine kurze Unter­brechung saßen bei­de seit­dem in U‑Haft.

Noch eine Fes­t­nahme: Der 37-jährige Andreas J. war bere­its am 9. Sep­tem­ber in Brüs­sow ver­haftet wor­den. Er ken­nt Mar­tin Wiese gut, ist mit ihm in Pase­walk aufgewach­sen. Bere­its wenige Tage nach sein­er Ver­haf­tung kam J. unter Aufla­gen wieder frei.Der Gen­er­al­bun­de­san­walt wirft ihm aber weit­er Mit­glied­schaft in ein­er ter­ror­is­tis­chen Vere­ini­gung vor.

Der Kro­nzeuge: Ermit­tler bestäti­gen, dass Andreas J. bei seinen Vernehmungen umfan­gre­iche Aus­sagen gemacht hat. Er kön­nte zu ein­er Art Kro­nzeuge im Ver­fahren gegen Wiese und seine Gruppe wer­den. Der Gen­er­al­bun­de­san­walt ermit­telt gegen ins­ge­samt 14 Per­so­n­en wegen Mit­glied­schaft in ein­er ter­ror­is­tis­chen Vere­ini­gung. Fünf sitzen noch in Haft.

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