2. Februar 2016 · Quelle: Antifaschistisches Pressearchiv Potsdam

blick.zurück – Rechter Terror in Potsdam oder “nur” eine Nationale Bewegung?

Die Nationale Bewegung – eine neonazistische Gruppierung. Ein Rückblick auf ihre Anschläge vor sechzehn Jahren

symbolbild-nationalebewegungMin­destens vierzehn Anschläge und Pro­pa­gan­daak­tio­nen inner­halb eines Jahres. Bekenner_innenschreiben mit, auf den Nation­al­sozial­is­mus bezo­ge­nen, hergeleit­eten his­torischen Datierun­gen. Men­schen­ver­ach­t­ende Dro­hun­gen und Anschläge gegenüber der Jüdis­chen Gemeinde, der Kam­pagne gegen Wehrpflicht, Haus­pro­jek­ten, Imbis­sen und kul­turellen Anti-Neon­azi-Ver­anstal­tun­gen – und keine der Täter_innen wur­den bish­er ermit­telt.
Wie kann das sein?
Nach der Beobach­tung der Ermit­tlun­gen im Kom­plex des Nation­al­sozial­is­tis­ch­er Unter­grundNSU – muss die Frage gestellt wer­den, ob nicht auch an dieser Stelle, in der Aufar­beitung und Ermit­tlung gegen die Nationale Bewe­gung, Infor­ma­tio­nen durch staatliche Behör­den zurück­ge­hal­ten und ver­tuscht wur­den.
Spätestens heute, fün­fzehn Jahre nach dem let­zten bekan­nten Anschlä­gen der Nationale Bewe­gung am 30. Jan­u­ar 2001, ist es an der Zeit, eine Aufar­beitung der Ereignisse um die selb­st ernan­nte neon­azis­tisch-mil­i­tante Grup­pierung Nationale Bewe­gung zu forcieren. Einen Anfang wollen wir mit diesem Text machen. Weil die Infor­ma­tion­slage über die Nationale Bewe­gung und das sie umgebende neon­azis­tis­che Umfeld unein­deutig und teils wider­sprüch­lich ist, kön­nen wir keine Gewähr für die hier dargestell­ten Infor­ma­tio­nen übernehmen. Der Artikel fußt auf Recherchen in den Archiv­en des Antifaschis­tis­chen Pressearchiv Pots­dam (APAP) und des Antifaschis­tis­chen Pressearchiv und Bil­dungszen­trum Berlin (APABIZ).

Gewolltes Ver­sagen staatlich­er Behör­den? – Von “Einzeltätern” und V-Per­so­n­en

Über einen Zeitraum von elf Monat­en wur­den die Anschläge der Nationale Bewe­gung seit­ens staatlich­er Behör­den und Medi­en­land­schaft nicht ernst genom­men. Es wurde stattdessen von “Einzeltätern” und “Einzeltat­en” berichtet und zu ein­er Verknüp­fung mit anderen Tat­en, Ereignis­sen und Struk­turen kam es nicht.
Nach­dem im Okto­ber 2000 ein Artikel im Mag­a­zin Spiegel zur Nationale Bewe­gung veröf­fentlicht wurde, reagiert das Innen­min­is­teri­um mit der Aus­sage, dass es keinen recht­en Ter­ror gäbe. Die Reak­tion seit­ens der Behör­den war also ein Abwiegeln und Beschwichti­gen. Als weit­ere Erk­lärung wurde vom dama­li­gen Press­esprech­er des Innen­min­is­teri­ums Heiko Hom­burg angegeben, dass “der in den Schreiben benutzte Begriff Nationale Bewe­gung […] ein all­ge­mein­er Begriff” sei. Den im Artikel des Spiegel angestell­ten Ver­gle­ich mit der RAF, wusste das bran­den­bur­gis­che Innen­min­is­teri­um mit den Worten “Wenn es eine rechte Ter­ror­gruppe gäbe, wüssten wir es.” abzulehnen. Der dama­lige Chef der Abteilung für Ver­fas­sungss­chutz im Innen­min­is­teri­um Hein­er Wegesin set­zte dem noch die Kro­ne auf. Dass im Som­mer 2000 in mehreren Haus­durch­suchun­gen bei Neon­azis in Pots­dam und Bran­den­burg Waf­fen und Muni­tion gefun­den wur­den, ver­harm­loste er, denn “die soll­ten gegen die Antifa benutzt wer­den und nicht gegen Insti­tu­tio­nen des Staates. ‚Das wäre dann organ­isiert­er rechter Ter­ror’”. Diese Berichte aus dem Okto­ber 2000 wer­den durch gle­ichzeit­ige War­nun­gen des Lan­deskrim­i­nalamt Berlin, das expliz­it “Ansätze von Recht­ster­ror­is­mus in der Haupt­stadt” sieht, ad absur­dum geführt. Als ob eine neon­azis­tis­che Szene auss­chließlich inner­halb der jew­eili­gen Lan­des­gren­zen agiert.

Nach­dem allerd­ings die Nationale Bewe­gung einen Bran­dan­schlag auf die jüdis­che Trauer­halle in der Nacht vom 7. auf den 8. Jan­u­ar 2001 verübte, war eine Bedro­hung durch die neon­azis­tis­che Grup­pierung urplöt­zlich für Behör­den und Presse offen­sichtlich. Im Zuge des Auf­schreis über den Bran­dan­schlag über­nahm sog­ar die Gen­er­al­bun­de­san­waltschaft die Ermit­tlun­gen.
Wenige Wochen später, am 7. Feb­ru­ar 2001, kommt es dann auch tat­säch­lich zu Haus­durch­suchun­gen in Tel­tow-Fläming und Pots­dam, bei denen die Woh­nun­gen von 19 Verdächti­gen im Alter zwis­chen 16 und 31 Jahren durch­sucht wor­den sein sollen.
Die Geschehnisse um diese Durch­suchun­gen sind dubios.
Weil ein Neon­azi, der als “V-Per­son” tätig war, einem anderen Neon­azi, der eben­falls als Infor­mant für stat­tliche Behör­den tätig war, den Zeit­punkt der geplanten Durch­suchung in einem Tele­fonat preis­gab und davor warnte, wurde der Ter­min durch die ermit­tel­nden Behör­den 10 Tage vorver­legt – sie sollte eigentlich am 17. Feb­ru­ar stat­tfind­en.
Gefun­den wurde bei der Polizeiak­tion, trotz War­nung inner­halb der neon­azis­tis­chen Szene, zwar mehrere Stich- und Schlag­waf­fen, Hand­feuer­waf­fen, Muni­tion sowie divers­es Pro­pa­gan­da­ma­te­r­i­al, nur Hin­weise auf die Nationale Bewe­gung kon­nten offen­bar rechtzeit­ig durch die Neon­azis beseit­igt wer­den.
Dass es zu dieser pein­lichen Ermit­tlungspanne kam, wurde in der Öffentlichkeit erst zwei Jahre später bekan­nt. Weil das bran­den­bur­gis­che LKA das rel­e­vante Tele­fonat zwis­chen den “V-Per­so­n­en” abhörte, kamen sie dem Geheimnisver­rat durch Chris­t­ian K. auf die Spur und kon­nten so die Woh­nungs­durch­suchun­gen vorver­legen – wieder ein­mal war der Ver­fas­sungss­chutz für ver­patzte Ermit­tlun­gen ver­ant­wortlich. Wahrschein­lich wollte dieser sich vor den möglicher­weise im Zuge erfol­gre­ich­er staat­san­waltschaftlich­er Ermit­tlun­gen aufgedeck­ten Verbindun­gen und Ver­ant­wortlichkeit­en der Struk­turen der Nationale Bewe­gung schützen. Möglicher­weise stand sog­ar eine Ent­tar­nung ein­er “V-Per­son” des Ver­fas­sungss­chutzes, die im Umfeld oder inner­halb der Nationale Bewe­gung agierte, bevor – genü­gend Grund für den Geheim­di­enst die Ermit­tlun­gen mut­maßlich zu sabotieren.

Der von Chris­t­ian K. gewarnte Spitzel war Sven Sch., ehe­ma­liger “Sek­tions­führer” von Blood & Hon­our Bran­den­burg, in den Medi­en oft­mals auch als Pots­damer Kad­er stil­isiert.
Nach­dem Blood & Hon­our am 14. Sep­tem­ber 2000 deutsch­landweit ver­boten wurde, führten ver­schiedene Polizeibehör­den Haus­durch­suchun­gen im gesamten Bun­des­ge­bi­et zur Durch­set­zung des Ver­bots durch.
Sch. etablierte daraufhin das Neon­azi-Musik­la­bel Hate­sounds-Records, um ein­er­seits neue Ver­trieb­swege für neon­azis­tis­che Musik zu etablieren als auch eine Ver­net­zung von Recht­sRock-Struk­turen zu sich­ern und auszubauen. Unter anderem kon­nte Sch. bekan­nte neon­azis­tis­che Bands, wie die Vor­bilder des NS-Hate­core Blue Eyed Dev­ils aus den USA, bei sich vertreiben und sich durch ihre Wer­bear­beit in der Neon­az­imusik­szene etablieren. Das alte Blood & Hon­our-Post­fach in Werder/Havel blieb, nur der Name und das Logo änderten sich. Den­noch markierte Sch. die CD-Book­lets seines neuen Labels mit der Abkürzung BHBBBlood & Hon­our Bran­den­burg.

Die Nationale Bewe­gung als Pro­dukt eines neon­azis­tisch-mil­i­tan­ten Milieus

Als die selb­st ernan­nte Nationale Bewe­gung ihre Anschläge verübte, hüll­ten sich Poli­tik und Medi­en­land­schaft in selb­st verord­netes Schweigen oder übten sich in Ver­harm­lo­sung. Das Ver­schweigen (neo)nazistischer Aktiv­itäten gehört, mal mehr mal weniger, zur Geschichte der Bun­desre­pub­lik. Im poli­tis­chen Kli­ma der 1990er und frühen 2000er Jahre wur­den aus Angst um den deutschen Stan­dort entsprechende Struk­turen und Protagonist_innen ignori­ert und geleugnet, im schlimm­sten Fall wiederum aber auch durch staatliche Struk­turen und Behör­den unter­stützt und aufge­baut. Zwar wur­den allzu offen neon­azis­tis­che Grup­pierun­gen, wie beispiel­sweise Blood & Hon­our mitunter auch mit Repres­sion belegt, ein über­greifend­es kon­se­quentes Vorge­hen gegen ras­sis­tis­che und neon­azis­tis­che Struk­turen war allerd­ings zu keinem Zeit­punkt Real­ität. Während also Grup­pierun­gen wie Thüringis­ch­er Heimatschutz oder Ku-Klux-Klan Deutsch­land durch staatliche Struk­turen aufge­baut wur­den, kon­nte sich eine organ­isierte und gewalt­tätige Neon­azi-Szene organ­isieren und Anschläge pla­nen. Im Jahr 2000 wird Blood & Hon­our Deutsch­land ver­boten – im sel­ben Jahr verübt das NSU-Net­zw­erk seinen ersten bekan­nten Mord.

In den Jahren zuvor kon­nten sich in Königs Wuster­hausen, Pots­dam und anderen bran­den­bur­gis­chen Orten bere­its eine größere Neon­azi-Szene etablieren und fes­ti­gen.
Dabei war es in Pots­dam eine Mis­chszene aus neon­azis­tis­chen Skin­heads, ein­er gut organ­isierten und starken Recht­sRock-Szene sowie Rock­er-Struk­turen und Rotlicht-Milieu, die auf viel­er­lei Organ­i­sa­tions­for­men und Gewal­ter­fahrun­gen zurück­greifen kon­nte.

Ins­beson­dere die starke Pots­damer Recht­sRock-Szene mit Bandzusam­men­schlüssen unter dem Label PSP, Prois­sen Skin­heads Pots­dam, mit den Bands Freak Selec­tion, Unbend­ing Boot­boys und Prois­senheads und Protagonist_innen wie Uwe Men­zel und Chris­t­ian W., wirk­ten im gesamten Bun­des­ge­bi­et und hat­ten so auch inner- und außer­halb der Pots­damer Neon­azi-Szene eine enorme Rel­e­vanz.
Chris­t­ian W. mietete, bis zum Auf­fliegen des Ortes, im Stadt­teil Born­im für eine der wichtig­sten und bekan­ntesten inter­na­tionalen Neon­az­ibands „Landser“ einen Prober­aum. Mit ihnen probte auch Uwe Men­zels Band “Prois­senheads”.
Mitte der 1990er erwuchs diese Band, vor allem auch durch die Möglichkeit, im Rah­men der „akzep­tieren­den Jugen­dar­beit“ unter der Ver­ant­wor­tung des heuti­gen Ober­bürg­er­meis­ter Pots­dams Jann Jakobs, einen Prober­aum in einem städtis­chen Jugend­club zu nutzen, zu ein­er inter­na­tion­al agieren­den Gruppe. Diese und weit­ere bedeu­tende Neon­azi-Bands waren und sind bis heute durch einen aktiv­en Pro­tag­o­nis­ten gelenkt – Uwe Men­zel ist in der dama­li­gen und heuti­gen Recht­sRock-Szene eine organ­isatorische Größe.
Men­zel macht dabei kein Geheim­nis aus seinem Beken­nt­nis zur Men­schen­ver­ach­tung und trägt diese bis heute in ver­schiede­nen Band­pro­jek­ten, wie z.B. “Burn Down” oder “Aryan Broth­er­hood”, aus.

Ende der 1990er Jahre pflegten Prois­senheads gute Kon­tak­te nach Königs Wuster­hausen zum Umfeld von Unit­ed Skins, darunter Neon­azi-Kad­er Carsten Szczepan­s­ki, der zu dieser Zeit bere­its für den Ver­fas­sungss­chutz tätig war. Szczepan­s­ki, alias Piat­to, wurde später durch seine Unter­stützungsar­beit für den NSU bekan­nt. Ins­beson­dere der Kon­takt zwis­chen Men­zel und Szczepan­s­ki soll ein sehr enger und ver­trauter Kon­takt gewe­sen sein. Men­zel war in dieser Zeit auch bei Recht­sRock-Konz­erten in Chem­nitz, eines der Rück­zugs­ge­bi­ete des NSU, zuge­gen.
Diese befre­un­de­ten Neon­azikreise besucht­en sich bei gemein­samen Fußball­turnieren oder verabre­de­ten sich zu poli­tis­chen Ver­anstal­tun­gen. Das gezielte (gewalt­tätige) Vorge­hen gegen Ander­s­denk­ende, meist Antifaschist_innen, wie beim Über­fall auf die anti-preußis­chen und anti-mil­i­taris­tis­chen Proteste gegen den Vere­in Lange Kerls 1998 und ein ver­suchter Angriff auf das Büro der Kam­pagne gegen Wehrpflicht, zeigt, wie sich diese Szene organ­isierte und koor­dinierte. Bere­its im Vor­feld erhiel­ten Mit­glieder der Kam­pagne gegen Wehrpflicht tele­fonis­che Mord­dro­hun­gen. Die Tele­fonate übte das Prois­senheads-Mit­glied Ilja Sch. aus. Bei ein­er Durch­suchung sein­er Woh­nung wurde daraufhin u.a. die Grün­dungserk­lärung ein­er Anti-Antifa Aktion Pots­dam gefun­den.

Auch Waf­fen­funde bei Haus­durch­suchun­gen im Som­mer 2000 zeigten, wie sehr sich das neon­azis­tis­che Milieu in ihren Hand­lun­gen radikalisierte. Neben den üblichen (neo)nazistischen Pro­pa­gan­da­ma­te­ri­alien wur­den vor allem scharfe Pis­tolen, eine Maschi­nen­pis­tole, jew­eils dazuge­hörige Muni­tion sowie ver­schiedene Schlag- und Hieb­waf­fen gefun­den.
Ein paar der Durch­suchun­gen fan­den statt, weil sich Pots­damer Neon­azis offen­bar verabre­det hat­ten, eine Demon­stra­tion der Haus­be­set­zer_in­nen-Szene am 9. Juli 2000, die unter dem Mot­to “Die Stadt sind wir alle – Für freie Lebens- und Kul­tur­räume!!” stand, anzu­greifen.
Über das Jahr verteilt bedro­ht­en oder attack­ierten Neon­azis in Pots­dam min­destens 25 mal Men­schen aus ras­sis­tis­chen oder anti­semi­tis­chen Grün­den oder weil sie “poli­tis­che Geg­n­er” waren.
Im Som­mer 2000 wur­den auch bei Uwe Men­zel Schuss­waf­fen sowie dazu passende Muni­tion sichergestellt. Diese Waf­fen lagerte er zeitweise bei Carsten Szczepan­s­ki. Weit­er­hin waren Tino W. aus Pots­dam, Ron­ny M. aus Zossen, Ker­stin B. aus Königs Wuster­hausen und Chris­t­ian W. aus Pots­dam involviert. Im Jahr 2002 wurde Men­zel u.a. mit Tino W. und Carsten Szczepan­s­ki vor dem Pots­damer Amts­gericht wegen Waf­fenbe­sitz verurteilt.
Die Anschläge der Nationale Bewe­gung waren zu dieser Zeit, inner­halb der beschriebe­nen neon­azis­tis­chen Struk­turen Pots­dams, Bran­den­burgs und Berlins, keine “Einzelfälle”.
Vor den Aktiv­itäten der Nationale Bewe­gung waren die NRZ – die Nation­al Rev­o­lu­tionäre Zellen – im Gebi­et von Königs Wuster­hausen aktiv und baut­en Rohrbomben. Nach 2001 verübte die selb­ster­nan­nte Grup­pierung Com­bat 18 in Berlin Sprengstof­fan­schläge auf jüdis­che Fried­höfe. Auch in Meck­len­burg-Vor­pom­mern führten Neon­azis ab 2002 Anschläge durch, die in der Vorge­hensweise eine Ähn­lichkeit zur Nationalen Bewe­gung aufwiesen.

Dif­fuse Ahnun­gen

Das Muster der Anschläge unter­schei­den sich sicher­lich in der Vorge­hensweise von denen des NSU, allerd­ings ist die Moti­va­tion gle­ich — gezielt Men­schen, Orte, Grup­pen anzu­greifen, die nicht in ein men­schen­ver­ach­t­en­des, neon­azis­tis­ches, anti­semi­tis­ches, ras­sis­tis­ches Welt­bild passen. Adres­sat ist dabei nicht der Staat und seine Struk­turen son­dern Jüd_innen, Türk_innen, Men­schen mit soge­nan­ntem Migra­tionsh­in­ter­grund, bzw. nach einem deutsch-weißem ras­sis­tis­chen Welt­bild als solche gele­sene, sowie Antifaschist_innen. Ziel ist es bei ihnen Angst und Ein­schüchterung zu ver­bre­it­en.
Sven Sch., Uwe Men­zel, Chris­t­ian W. – diese Namen tauchen auch im Zusam­men­hang des NSU-Kom­plex und in den Ver­hören der ver­schiede­nen Zeug_innen im dazuge­höri­gen Straf­prozess in München auf. Immer wieder, ob als Besuch­er auf Konz­erten, bei denen auch das bish­er bekan­nte direk­te Umfeld des NSU anwe­send war, oder auch als gute Fre­unde von direk­ten Unterstützer_innen, wie dem Sprengstof­fliefer­an­ten Thomas Starke, oder dem Waf­fen­liefer­an­ten und V-Per­son Carsten Szczepan­s­ki, sind Pots­damer Neon­azis in einem Kreis der Unter­stützen­den des NSU präsent.
Mit Sicher­heit, wenn sie nicht gar direkt beteiligt waren, wusste und weiß dieses Umfeld und die Struk­turen von Blood & Hon­our Bran­den­burg – Sven Sch., Dirk H., Ste­fan R., Uwe Men­zel, Ilja Sch. – auch, welche Struk­turen und Per­so­n­en für die Anschläge der Nationale Bewe­gung ver­ant­wortlich waren. Waf­fenbe­sitz, Dro­hun­gen und Über­griffe auf Ein­rich­tun­gen und Per­so­n­en und eine entsprechende ide­ol­o­gis­che Aus­rich­tung waren kon­tinuier­lich in diesem Per­so­n­enkreis beobacht­bar.
Damit ein­her ging auch immer eine Stil­isierung der eige­nen Aktiv­itäten, um Anerken­nung und Glo­ri­fika­tion inner­halb der neon­azis­tis­chen Szene zu erlan­gen. Die eigene Insze­nierung als “Skin­head-Elite” sollte Nachah­mer pro­duzieren – ein Ansatz, der sich auch im Beken­nervideo des NSU-Net­zw­erkes nachvol­lziehen lässt.

Bei der Betra­ch­tung der zu dieser Zeit hochfre­quenten Geheim­di­enst- und Spitzel-Aktiv­itäten (Carsten Szczepan­s­ki, Chris­t­ian K., Sven Sch., Toni Stadler) in der Bran­den­burg­er Neon­aziszene, fällt es schw­er sich vorzustellen, dass die staatlichen Behör­den nicht wussten und wis­sen, wer diese und andere Anschläge geplant und durchge­führt hat.
Da die öffentlich zugänglichen Quellen über die Nationale Bewe­gung weitest­ge­hend erschöpft und neue Erken­nt­nisse durch Journalist_innen sel­ten sind und weit­er­hin eine gesellschaftliche, geschweige denn poli­tisch-staatliche, Auseinan­der­set­zung über die Rolle der staatlichen Behör­den in der causa Nationale Bewe­gung in weit­er Ferne scheint, wenn sie über­haupt gewollt ist, bedarf es ein­er vehe­menten Forderung nach Aufk­lärung.
Dieser Artikel kann lediglich einige grobe Verbindun­gen aufzeigen, die im neon­azis­tis­chen Milieu der 1990er und 2000er Jahre bestanden. Dif­fuse Ahnun­gen über per­son­elle und struk­turelle Zusam­men­hänge sowie das Nachvol­lziehen frag­würdi­ger Kor­re­la­tio­nen von staatlichen Aktiv­itäten und neon­azis­tis­chen Reak­tio­nen, und umgekehrt, stellen sich nach ein­er Recherche in den zugänglichen (Presse-)Berichten und anderen Quellen schnell ein. Eine Aufdeck­ung des Milieus, das die Aktiv­itäten des NSU, der Nationale Bewe­gung und ander­er neon­azis­tisch-mil­i­tan­ter Struk­turen möglich gemacht hat, ist dabei jedoch nur durch die Offen­le­gung aller geheim­di­en­stlich­er Doku­mente möglich.
Dass staatliche Behör­den daran kein Inter­esse haben, wurde spätestens 2005 klar – die Ermit­tlun­gen gegen fün­fzehn mut­maßliche Mit­glieder der Nationale Bewe­gung wur­den ohne jegliche Ergeb­nisse eingestellt.


Die (bekan­nten) Aktiv­itäten der Nationale Bewe­gung:
01.01.2000 – Neon­azis ver­schick­en einen Dro­hbrief an ein Mit­glied der Kam­pagne gegen Wehrpflicht. Darin dro­hen sie, “die Stadt Pots­dam von roten Lumpen, allen voran Ihre Per­son, zu befreien.”.
30.01. – An ein­er Brücke an der Auto­bahn 115 stellen Neon­azis eine mit einem Hak­enkreuz bemalte Holztafel auf.
23./24.02. – Neon­azis stellen auf dem jüdis­chen Fried­hof in der Puschk­i­nallee ein Holzkreuz mit einem Hak­enkreuz sowie ein­er Auf­schrift für den Nation­al­sozial­is­ten Horst Wes­sel auf. Im Anschluss ruft ein­er der Täter_innen beim Radiosender “Radio Eins” an und bezichtigt sich und die Nationale Bewe­gung der Tat.
21./22.03. – An ein­er Eisen­bahn­brücke hän­gen Neon­azis ein mit einem Hak­enkreuz und dem Schriftzug “21.03.1933”, in Bezug auf den soge­nan­nten Tag von Pots­dam, bemal­tem Tuch auf. Die Neon­azis hin­ter­lassen ein Bekenner_innenschreiben.
28.03. – Neon­azis ver­schick­en einen Dro­hbrief an ein Mit­glied der Kam­pagne gegen Wehrpflicht. Sie dro­hen “prak­tis­che Maß­nah­men im Sinne des Wohles unseres deutschen Volkes” auf ihren vorheri­gen Dro­hbrief fol­gen zu lassen.
21.04. – An einem Baugerüst am Lerchen­steig brin­gen Neon­azis eine Hak­enkreuz­fahne an und hin­ter­lassen ein Bekenner_innenschreiben. Anlass ist das Geburts­da­tum Adolf Hitlers. Eine weit­ere Fahne mit nazis­tis­chen Inhal­ten brin­gen sie außer­dem nur wenig ent­fer­nt, an der Bun­desstraße 273, an.
08.05. – Anlässlich des “Tag des Sieges” brin­gen Neon­azis in Mahlow ein hölz­ernes Hak­enkreuz am Obelisken auf dem sow­jetis­chen Ehren­fried­hof an. Sie hin­ter­lassen ein Bekenner_innenschreiben in dem sie an die “gefal­l­enen deutschen Kam­er­aden im 2. Befreiungskrieg” erin­nern wollen.
01.09. – Zwis­chen Ende August und Anfang Sep­tem­ber, mut­maßlich in der Nacht zum 1. Sep­tem­ber, beschmieren Neon­azis einen sow­jetis­chen Ehren­fried­hof in Glasow, Ort­steil von Mal­ow, mit Hak­enkreuzen, dem Wort “Mörder” sowie “Juden” und “Kom­mu­nis­ten”. Mehrere Grab­steine wer­den mit schwarz­er Farbe beschmiert. Laut Bekenner_innenschreiben wollen die Neon­azis “es nicht dulden, daß rus­sis­chen Mördern, Kriegsver­brech­ern und Verge­waltigern mit solchen Ehren­malen in unserem Land gedacht wird.”
19./20.09. – Neon­azis beschmieren die Vil­la Gren­zen­los, in der einige Tage zuvor die jüdis­che Volk­shochschule eröffnete, mit der anti­semi­tis­chen Parole “Juden raus” sowie Nazi-Sym­bo­l­iken. Sie hin­ter­lassen außer­dem ein Trans­par­ent mit einem durchgestrich­enen David­stern und ein Bekenner_innenschreiben.
21.09. – Neon­azis set­zen einen Imbis­s­wa­gen in Stahns­dorf in Brand, der daraufhin kom­plett aus­bren­nt. Im hin­ter­lasse­nen Bekenner_innenschreiben fordern sie “Kauft nicht bei Türken!!”
28.12. – In Treb­bin set­zen Neon­azis einen Imbis­s­wa­gen in Brand, der eben­falls kom­plett aus­bren­nt. Die Täter_innen hin­ter­lassen ein Bekenner_innenschreiben, in dem sie u.a. gegen eine “unar­ische Über­bevölkerung” het­zen.
08.01.2001 – Neon­azis set­zen die Trauer­halle des jüdis­chen Fried­hofs in Pots­dam in Brand. Beim Feuer, das glück­licher­weise von alleine erlöscht, wird das Ein­gangsportal sowie ein Teil der Fas­sade und des Innen­raums zer­stört. Die Täter_innen hin­ter­lassen ein Bekenner_innenschreiben und fordern “Kampf dem Juden­tum”.
15.01. – In einem Paket, adressiert an ein Wohn­heim für Jüd_innen, mit ver­dor­ben­em Schweine­fleisch und beiliegen­dem Bekenner_innenschreiben dro­hen Neon­azis: “Heute geht noch Schweine­fleisch auf den Trans­port! Mor­gen werdet ihr es wieder sein!”.
30.01. – In einem Brief dro­hen Neon­azis eine Ver­anstal­tung von Ser­dar Somuncus Lesung von “Mein Kampf” im Hans-Otto-The­ater anzu­greifen und “das Blut der­er [fließen zu lassen], welche meinen, sich mit der Teil­nahme an der Ver­anstal­tung gegen den größten deutschen Kan­zler schmück­en zu kön­nen.” – am 30. Jan­u­ar 1933 wurde Adolf Hitler zum Reich­skan­zler ernan­nt. Die Lesung find­et den­noch, unter ver­schärften Sicher­heits­be­din­gun­gen, statt.

Am 7. Feb­ru­ar 2001 kommt es zu mehreren Woh­nungs­durch­suchun­gen bei Neon­azis in Pots­dam und Tel­tow-Fläming. Unter dem Namen Nationale Bewe­gung find­en daraufhin keine Pro­pa­gan­daak­tio­nen oder Anschläge mehr statt. Zu ähn­lichen Aktio­nen kommt es im Jahr 2001 den­noch.
In der Nacht zum 15. sowie zum 17. August hän­gen Neon­azis Trans­par­ente anlässlich des 14. Todestages von Hitler-Stel­lvertreter Rudolf Hess Am Stern an der Nuthe-Schnell­straße sowie an ein­er Auto­bahn­brücke der A115 in der Nähe von Drewitz auf. In der Nacht zum 17. August verkleben Neon­azis im Stadt­teil Am Stern außer­dem Plakate und Stick­er mit Bezug auf Rudolf Hess.


Lesenswerte Artikel und Pub­lika­tio­nen zum The­ma:
»Delik­t­serie« oder Vorstufe zum Recht­ster­ror­is­mus? – Antifaschis­tis­ches Infoblatt, Nr. 93 (Win­ter 2011)
https://www.antifainfoblatt.de/artikel/%C2%BBdeliktserie%C2%AB-oder-vorstufe…
Recht­sex­trem­istis­che Struk­turen in Pots­dam – antifaschis­tis­che aktion pots­dam (aapo), 2001
Ter­ror-Struk­turen – Heike Kleffn­er bei “Blick nach Rechts”, 22. Feb­ru­ar 2001
Kaum eingeschränk­te Aktiv­itäten – Inter­view mit Bernd Wag­n­er von Heike Kleffn­er, TAZ 22. Feb­ru­ar 2001
www.taz.de/1/archiv/?dig=2001/02/12/a0208

One Reply to “blick.zurück – Rechter Terror in Potsdam oder “nur” eine Nationale Bewegung?”

  1. Hinzu kommt, dass man sich hierzu­lande gegenüber anerkan­nten Pro­jek­ten gegen Recht­sex­trem­is­mus quer-stellt!
    Man fühlt sich wie im Lande der “Drei Affen”: Nichts sehen — nichts hören — nichts sagen!
    Mit anderen Worten: Nichts wahr haben wollen und klein- oder schön reden!
    NSU — ist all­ge­gen­wär­tig und das staatliche Ver­sagen eben­so!
    In Berlin-Zehlen­dorf gab es vorige Woche eine ziem­lich mas­sive Kle­beak­tion u.a. mit Stick­ern der 2012 ver­bote­nen “Spreelichter” (“Die Demokrat­en brin­gen uns den Volk­stod” ) und andere!
    Was nützt denn ein Organ­i­sa­tionsver­bot, wenn dies nicht überwacht wird ?
    Ich bin “Patin” ein­er SOR — Schule in Nieder­sach­sen seit 2012, die mich jedoch voll­ständig ignori­ert !
    Ist dies der Sinn der Sache ?

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