6. September 2003 · Quelle: Tagesspiegel

Brandanschlag in Hennigsdorf: Vorwürfe gegen die Polizei

Hennigsdorf/Potsdam. Nach dem Bran­dan­schlag auf ein türkisches Restau­rant in
Hen­nigs­dorf gerät die Polizei in die Kri­tik. Der Betreiber des Lokals “Yala”
wirft Beamten der Hen­nigs­dor­fer Wache vor, sie hät­ten seine Hin­weise auf
Dro­hun­gen des Neon­azis Karsten G. nicht beachtet. Der Recht­sex­trem­ist hat­te,
wie berichtet, am Mittwochabend zwei bere­its lodernde Brand­flaschen gegen
die Gast­stätte gewor­fen. Die Dop­pelscheiben hiel­ten jedoch stand, das
Per­son­al und die Gäste kamen mit dem Schreck­en davon. Bere­its am Nach­mit­tag
war Karsten G. mit dem Betreiber, dem Deutschtürken Burhan Aydin, aneinan­der
ger­at­en. Der Neon­azi habe sich mit ihm geschla­gen und gedro­ht, “ich töte
alle Türken”, sagte Aydin gestern dem Tagesspiegel. Er habe den zu Hil­fe
gerufe­nen Beamten der Hen­nigs­dor­fer Wache von der Todes­dro­hung berichtet,
“doch die Polizei hat mich nicht ernst genom­men”. Der leicht ver­let­zte
Karsten G. wurde von einem Kranken­wa­gen abge­holt — und kam gegen 20 Uhr mit
den Brand­flaschen zurück.

Der Pots­damer Polizeipräsi­dent Bruno Küp­per fuhr gestern nach Hen­nigs­dorf,
um den Vor­fall zu unter­suchen. Zuvor sagte Küp­per dem Tagesspiegel, die
Beamten seien bere­its befragt wor­den. Küp­per teilte auch die Antworten mit:
“Sie haben von Dro­hun­gen nichts mit­bekom­men.” Die Polizis­ten müssten sich
aber auch in der Form von dien­stlichen Erk­lärun­gen schriftlich äußern.

Einen weit­eren Vor­wurf hält Küp­per für wider­legt. Laut Aydin kamen die
Polizis­ten am Nach­mit­tag sehr spät, obwohl die Wache nur wenige hun­dert
Meter ent­fer­nt sei. “Ich habe sog­ar jeman­den zur Wache geschickt, damit sich
die Beamten beeilen”, sagte Aydin. Küp­per ver­wies jedoch auf
Ein­satzpro­tokolle, nach denen die Polizis­ten am Nach­mit­tag und abends nach
dem Bran­dan­schlag “bin­nen Minuten” am Tatort gewe­sen seien.

Unter­dessen hat die Polizei eine Son­derkom­mis­sion gebildet, um die Tat
aufzuk­lären. Karsten G. ist flüchtig. Das Amts­gericht Oranien­burg erließ
Haft­be­fehl wegen ver­sucht­en Mordes und ver­suchter schw­er­er Brand­s­tiftung.
Laut Küp­per wird das Lan­deskrim­i­nalamt ver­mut­lich Zielfah­n­der ein­set­zen, um
den Neon­azi zu ergreifen.

Der 26-Jährige, in Berlin gemeldet, hat bere­its eine “Kar­riere” in der
recht­en Szene hin­ter sich. Karsten G. war Anführer der “Kam­er­ad­schaft
Ober­hav­el”, die 1997 vom dama­li­gen Innen­min­is­ter Alwin Ziel (SPD) ver­boten
wurde. Dann trat G. als “Schatzmeis­ter” des Neon­azi-Vere­ins “Die Nationalen”
auf, der sich 1998 auflöste. Bei den Attack­en auf das Lokal “Yala” erschien
G. szene­typ­isch mit ein­er oliv­far­be­nen Bomber­jacke. Burhan Aydin hat große
Angst vor G. und der Szene: “Ich fürchte, dass ich nicht mehr lange lebe.”

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