16. Dezember 2004 · Quelle: yahoo / Berliner MoPo

Brandenburg strafft sein Schulsystem

Pots­dam (AP) Ein­heitliche Ober­schulen wer­den ab dem kom­menden Schul­jahr die bish­eri­gen Gesamt- und Realschulen ablösen. Damit existieren dann mit Ober­schule und Gym­na­si­um nach der Grund­schule nur noch zwei weit­er­führende Schul­typen. Der Bran­den­burg­er Land­tag ver­ab­schiedete das über­ar­beit­ete Schul­struk­turge­setz am Mittwoch in Pots­dam mit den Stim­men der Regierungs­frak­tio­nen von SPD und CDU. Die oppo­si­tionelle PDS lehnte das Gesetz ab.
Die neuen Ober­schulen sollen Real- und Hauptschu­la­b­schlüsse anbi­eten. Dazu soll auch eine entsprechende Aufteilung der Klassen möglich sein. Hauptschulen gab es in Bran­den­burg nicht. Die Regierungsparteien SPD und CDU hat­ten sich auf die Schul­struk­tur­reform in ihren Koali­tionsver­hand­lun­gen nach der Land­tagswahl im ver­gan­genen Sep­tem­ber geeinigt. Damit soll auf den Rück­gang der Schülerzahlen im Land reagiert wer­den. In den Klassen­stufen sieben bis zehn soll die Anzahl der Schüler von derzeit 140.000 bis zum Jahr 2008 auf weniger als die Hälfte (62.000) sinken.
Die Gew­erkschaft Erziehung und Wis­senschaft (GEW) kündigte Proteste gegen die Zusam­men­le­gung der knapp 150 Gesamt- und etwa 70 Realschulen im Land an. Der Bran­den­burg­er GEW-Vor­sitzende Gün­ter Fuchs kri­tisierte, mit dem neuen Schul­typ werde das gegliederte Schul­sys­tem zemen­tiert. Stattdessen müsse jedoch auch auf der Ober­schule die Vor­bere­itung auf das Abitur möglich sein, damit die Schüler flex­i­bel blieben. Die PISA-Studie habe gezeigt, dass gegliederte Schul­sys­tem gescheit­ert sei. Der Kri­tik schloss sich auch die PDS an. Auch Bil­dungspoli­tik­er der SPD hat­ten bish­er für ein möglichst lange offenes Schul­sys­tem plädiert. 

Lehrergew­erkschaft will Schulge­setz kippen

Pots­dam — Die Lehrergew­erkschaft Erziehung und Wis­senschaft (GEW) ruft zum Protest gegen die in Bran­den­burg geplante Ober­schule auf. Mit zahlre­ichen Aktio­nen in den näch­sten Monat­en will die Gew­erkschaft das neue Schulge­setz kip­pen, das die große Koali­tion mor­gen gegen den Willen der PDS im Land­tag ver­ab­schieden wird.
Bran­den­burgs GEW-Lan­desvor­sitzen­der Gün­ter Fuchs kündigte gestern ein Gegenkonzept an, das die Gew­erkschaft im Früh­jahr vorstellen will. Kern­punkt des Alter­na­tivvorschlags ist acht Jahre gemein­sames Ler­nen, bevor sich die Bil­dungswege der Kinder tren­nen. Stattdessen müssen sich Kinder und ihre Eltern nach sechs Jahren auf der Grund­schule entschei­den, ob Ober­schule, Gym­na­si­um oder eine Gesamtschule mit gym­nasialer Ober­stufe anges­teuert wird. Das ist nach Ansicht der GEW zu früh. 

Wenn ab kom­men­dem Schul­jahr die Gesamtschulen ohne gym­nasiale Ober­stufe und die Realschulen zur neuen Ober­schule ver­schmolzen wer­den, entste­ht nach Ansicht von Fuchs ein Sys­tem mit geringer Durch­läs­sigkeit. Die Ober­schule bietet neben dem Hauptschu­la­b­schluß auch den erweit­erten Hauptschul- und den Realschu­la­b­schluß an. 

Die GEW wirft der Regierung vor, eine Chance zu ver­schenken, indem sie ein drei­gliedriges Sys­tem schafft, statt die Lehren aus der Pisa-Ver­gle­ichsstudie zu ziehen. Drei Jahre nach der Veröf­fentlichung der ersten Pisa-Erhe­bung, bei der Deutsch­land und vor allem Bran­den­burg uner­wartet schlecht abgeschnit­ten hat­ten, ist nach Ansicht der GEW eins unstre­it­ig: Län­geres gemein­sames Ler­nen ermöglicht eine indi­vidu­elle Förderung und schafft auch für Kinder von schlechter gestell­ten Eltern gerechtere Lernbe­din­gun­gen. Die GEW fordert in den ersten acht Jahren gle­iche Lehrpläne, also “eine Schule für alle”. 

Die kün­ftige Ober­schule krankt nach Ein­schätzung der GEW auch an der gerin­geren Ausstat­tung. Denn diese soll sich an der Finan­zausstat­tung der bish­eri­gen Realschulen und nicht am hohen Ausstat­tungs­grad der Gesamtschulen bemessen. Damit die Ober­schule funk­tion­iert, seien außer­dem bis zu 400 zusät­zliche Lehrerstellen nötig, sagte Fuchs. 

Heftige Kri­tik übt die Gew­erkschaft an der Aus­gaben­poli­tik der Lan­desregierung. Indem diese im Dop­pel­haushalt 2005/6 auch bei der Bil­dung spart, breche die Koali­tion ein zen­trales Ver­sprechen, das sie im Wahlkampf gegeben hat­te. “Bei den Aus­gaben für Bil­dung ist das Land Schlußlicht in Deutsch­land”, sagte Fuchs.

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