14. Dezember 2004 · Quelle: LR

Echtermeyer” zeigt Gesicht gegen rechte Gewalt

The­ater­stück “Neden?” in Bad Lieben­wer­daer Kirche ern­tete viel Applaus / Rege Teil­nahme am Friedens­marsch

(LR, 14.12.) Die Anspan­nung war den jun­gen Darstellern am Fre­itagabend förm­lich ins
Gesicht geschrieben. Nur noch wenige Minuten tren­nten die 25 Schüler der
Jahrgangsstufen elf und acht des Echter­mey­er-Gym­na­si­ums von ihrem großen
Auftritt. Unter dem Mot­to “Gegen Frem­den­feindlichkeit und für den Frieden”
erlebte das Schülerthe­ater­stück “Neden?” , das aus der Fed­er von Judith
Rohled­er, Car­o­line Weiz äck­er und Sophie Stresse stammt, seine Pre­miere in
der Bad Lieben­wer­daer Kirche St. Niko­lai.

Vor der Auf­führung des The­ater­stück­es beherrschte eine her­zliche Atmo­sphäre
die Szener­ie. Viele Bad Lieben­wer­daer fol­gten dem Aufruf der Schüler und
bracht­en Speisen mit in die Kirche. Schnell wuchs auf den bere­it­gestell­ten
Tis­chen ein kaltes Büfett her­an, an dem sich Darsteller und Gäste nach der
Auf­führung stärken soll­ten. Am Rande des Geschehens bot ein Stand der
Organ­i­sa­tion “Gepa-Fair Han­delshaus” Waren von Pro­duzen­ten aus
Entwick­lungslän­dern an und stieß damit auf regen Zus­pruch. Lange Schlangen
bilde­ten sich auch am Verkauf­s­stand der Friedenslichter. Die bunt
gestal­teten Gläs­er fan­den reißen­den Absatz. Jed­er einzelne steck­te den
Betrag in die Spenden­büchse, der ihm ein solch­es Friedenslicht wert war. So
manch­er Euro wan­derte auf diese Art in den Spenden­topf. Der kom­plette Erlös
geht an die Amadeu-Anto­nio-Stiftung in Berlin. Bedauer­licher­weise war zur
Auf­führung selb­st nur etwa über ein Drit­tel der Kirchen­ränge gefüllt. Was
auf­grund dessen, dass zeit­gle­ich in und um Bad Lieben­wer­da weit­ere
Ver­anstal­tun­gen stat­tfan­den, den­noch eine gute Res­o­nanz war.

Judith Rohled­er über­nahm am Fre­itagabend nicht nur eine der Haup­trollen,
son­dern auch die Mod­er­a­tion. Mit ein­er herz­er­frischen­den, jugendlichen Art
führte die Mitau­torin die Zuschauer durch den Abend. Seinen Anfang fand das
kleine Stück mit Ver­lesen recht­sradikaler Gewalt­tat­en, die sich nach dem
Mauer­fall in Deutsch­land ereigneten. Erst danach fol­gte das eigentliche
Schaus­piel. Und schnell stellte sich her­aus, dass sich die vie­len Proben und
das Lam­p­en­fieber gelohnt haben. Schon nach den ersten Pas­sagen hat­ten die
Schüler die Zuschauer in ihren Bann gezo­gen.

“Neden”” , ins Deutsche über­set­zt “Warum”” , erzählt die Geschichte des
jun­gen Türken Mehmet Demir, der nach Deutsch­land kam, um hier eine neue
Heimat zu find­en. Doch er erfuhr in der Gesellschaft keine Akzep­tanz. In
vier Szenen stell­ten die Schüler All­t­agssi­t­u­a­tio­nen dar, die das
unschein­bare Leben des Türken wider­spiegel­ten. Wobei die Haupt­fig­ur, Mehmet
Demir, selb­st nicht in der Hand­lung zu erleben war. Der junge Türke wird in
seinem per­sön­lichen Umfeld erst zu dem Zeit­punkt wirk­lich wahrgenom­men, als
er bere­its spur­los ver­schwun­den ist. Nur die alte Oma Lot­ti, die er ab und
an im Pflege­heim besuchte, und seine Fre­unde ver­mis­sen ihn. Wo war er? Ihm
genügte es nicht mehr, als Müll­samm­ler und Putzkraft im Miet­shaus oder als
Wei­h­nachts­mann in einem Kaufhaus zu arbeit­en. Mehmet Demir brach sein Leben
in Deutsch­land hin­ter sich ab und trat den Weg zurück in die Türkei an.

Doch, so gewollt komisch die Insze­nierung auch manch­mal beim Pub­likum ankam,
die Aus­sage des Stück­es war alles andere als lustig. Und das bemerk­te
spätestens auch der let­zte Zuschauer in den Rän­gen, als die Abschlussszene
ver­lesen wurde. Ein Über­griff recht­sradikaler Jugendlich­er auf Mehmet Demir
been­dete seine Heim­reise jäh. Trotz schneller Hil­fe erlag er im Kranken­haus
seinen schw­eren Ver­let­zun­gen — ein Türke, der eine neue Heimat suchte, fand
den Tod. Und so ver­spürte wohl manch­er Gast im Pub­likum einen Kloß im Hals,
als US-Aus­tauschschü­lerin Elaine Fit­ter mit san­fter, aber kräftiger Stimme
den emo­tion­s­ge­lade­nen Titel “Belong” von Chris Rice durch die Kirche
erklin­gen ließ.

Kräftiger, lan­gan­hal­tender Applaus belohnte schließlich die Schüler für ihre
wochen­lange Arbeit. Viel Lob gab es auch aus den Rei­hen des Pub­likums. Immer
wieder waren anerken­nende Worte für die Darsteller und ihr Engage­ment zu
vernehmen. Dies kon­nten dann auch Inge Leon­hardt und Antje Beck­er, bei­de aus
Bad Lieben­wer­da, bestäti­gen. Bei­den Frauen hat das Stück sehr gut gefall­en.
Und sie fan­den es gut und wichtig, dieses The­ma aufzu­greifen. Die
Echter­mey­er-Schüler zeigten sich nach der Auf­führung über­aus zufrieden mit
sich und ihrer gezeigten Leis­tung, war von Judith Rohled­er zu erfahren.

Beim anschließen­den Friedens­marsch durch die Innen­stadt waren viele
Gesichter zu ent­deck­en, die noch vor weni­gen Minuten in den Rän­gen zu sehen
waren.

Hin­ter­grund Die Stiftung

Der Namensge­ber der Stiftung, Amadeu Anto­nio Kiowa, wurde 1990 in ein­er
bran­den­bur­gis­chen Kle­in­stadt von recht­sex­tremen Jugendlichen zu Tode
geprügelt. Er war eines der ersten Todes­opfer ras­sis­tis­ch­er Gewalt nach dem
Fall der Mauer. Die Stiftung ste­ht unter der Schirmherrschaft von
Bun­destagspräsi­dent Wolf­gang Thierse und engagiert sich im Kampf gegen
Recht­sex­trem­is­mus und Anti­semitismus. Infos im Inter­net unter
www.amadeu-antonio-stiftung.de .

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