2. April 2007 · Quelle: TAZ

Braune Heimat Speckgürtel

Erst machen sie auf gute Nach­barn, dann pack­en sie die Ide­olo­gie aus: Immer mehr NPD-Funk­tionäre aus Berlin lassen sich im Land­kreis Ober­hav­el nieder — und engagieren sich dort in Vere­inen und sozialen Ein­rich­tun­gen. Offen­bar wollen die Recht­en ihre Ansied­lungsstrate­gie noch ausdehnen

Astrid Mol­len­hauer ist immer noch ganz aufge­bracht. “Wir sind total schock­iert. Stel­la war immer nett und fre­undlich, liebevoll zu den Kindern. Und plöt­zlich das.” Ein Jahr lang hat­te Mol­len­hauer im Fam­i­lien­zen­trum von Hohen Neuen­dorf gemein­sam mit Stel­la Kinder betreut, Schwan­gere und Müt­ter berat­en — mit Stel­la Palau, Fam­i­lien­beauf­tragte des Bun­desvor­stands der NPD, Vor­sitzende des Rings Nationaler Frauen, Mit­glied im Lan­desvor­stand der Berlin­er NPD. Dass sie es mit ein­er von Deutsch­lands hochrangig­sten Recht­sex­tremen zu tun hat­ten, ahn­ten Astrid Mol­len­hauer und ihre Kol­legin­nen nicht.

Erst der Hin­weis eines Lokalredak­teurs klärte die Frauen vom Fam­i­lien­zen­trum über ihre promi­nente Mit­stre­i­t­erin auf. Ein Schock. Seit­dem hat Stel­la Palau Hausver­bot in der Ein­rich­tung, und Hohen Neuen­dorf disku­tiert heftig über seine Nazis. Denn Palau ist nicht die einzige Berliner­in mit braunem Parteibuch in Ober­hav­el, dem bran­den­bur­gis­chen Land­kreis, der nördlich von Reinick­endorf an Berlin anschließt. Mit ihrem Mann Jörg Häh­nel, “nationalem Lie­der­ma­ch­er”, NPD-Bezirkspar­la­men­tari­er in Licht­en­berg und Medi­enchef der Bun­des-NPD, wohnt sie beschaulich in der 20.000-Einwohner-Stadt.

Im Nach­barstädtchen Birken­werder haben sich die Berlin­er Nazi-Anwälte Richard Mios­ga und Wol­fram Nahrath niederge­lassen. Mios­ga trat zulet­zt bei der ver­gan­genen Bun­destagswahl für die NPD in Tem­pel­hof an. Nahrath, let­zter Vor­sitzen­der der im Jahr 1994 ver­bote­nen Wik­ing-Jugend, unter­hält bis heute eine Kan­zlei in Weißensee. Zusam­men leit­en bei­de das Deutsche Rechts­büro — einen Zusam­men­schluss von rund 40 recht­sex­tremen Juris­ten, die straf­fäl­lige Kam­er­aden aus ihren Prozessen zu box­en ver­suchen. Als Extraser­vice bieten sie die Über­prü­fung der Lied­texte von Recht­srock­bands an, damit diese nicht auf dem Index lan­den. Und in Oranien­burg wohnt nicht nur Bran­den­burgs Vize-NPD-Chef, der frühere Berlin­er Detlef Appel, son­dern auch Thomas Salomon. Der heutige Press­esprech­er für den Bran­den­burg­er NPD-Lan­desver­band und Lehrgangsleit­er des Bun­desvor­stands war bis 1997 noch Chef der Berlin­er Nation­aldemokrat­en. Die NPD-Kad­er scheinen sich in Ober­hav­el pudel­wohl zu fühlen.

Hier kommts wirk­lich mas­siv zusam­men”, stöh­nt Ralph Gabriel vom lokalen Forum gegen Ras­sis­mus und rechte Gewalt. “Das rei­ht sich wie an ein­er Schnur an den Orten mit S‑Bahn-Halt auf”, so der 36-Jährige. Auch Gabriele Schla­mann vom Mobilen Beratung­steam Bran­den­burg (MBT) sieht die Entwick­lung mit Sorge: “Die Recht­en scheinen in Ober­hav­el einen Rück­zugsraum ent­deckt zu haben, wo sie in Ruhe gelassen werden.”

Das bestätigt auch der Bran­den­burg­er Ver­fas­sungss­chutz. “Wahrschein­lich gehen sie davon aus, im Umland bess­er der Beobach­tung durch die Antifa ent­ge­hen zu kön­nen”, sagt Geert Piorkows­ki, Sprech­er des bran­den­bur­gis­chen Innen­min­is­teri­ums. Zudem hält man in der Behörde Kon­tak­te zu bere­its in Ober­hav­el wohnen­den Parteifre­un­den für auss­chlaggebend. Die Brücke Berlin-Ober­hav­el beste­he schon länger: Zu Vorträ­gen der NPD Ober­hav­el reis­ten stets auch Berlin­er Rechte an. Die ver­stärk­te Ansied­lung der haupt­städtis­chen Recht­en in Ober­hav­el habe man daher “aufmerk­sam reg­istri­ert”, ver­sichert Piorkowski.

Pikant am geball­ten Zuzug der NPD-Funk­tionäre ist deren schein­bar gut­bürg­er­lich­es Engage­ment in den bran­den­bur­gis­chen Prov­inzen. Wol­fram Nahrath zeigt sich aktiv im lokalen Fußbal­lvere­in, Stel­la Palau beim Hohen Neuen­dor­fer Kinder­turn­vere­in und im Fam­i­lien­zen­trum. Zulet­zt leit­ete die NPD-Frau in der Kindere­in­rich­tung gar das Mut­ter­früh­stück. “Sie hat sich hier stets als engagierte Mut­ter präsen­tiert”, beken­nt Astrid Mol­len­hauer vom Fam­i­lien­zen­trum. “Es gab keinen Punkt, an dem wir mis­strauisch gewor­den wären.”

Genau davor warnt Gabriele Schla­mann vom MBT: “Das ist das Ziel der Recht­sex­tremen: erst sich in der Mitte der Gesellschaft etablieren, dann die Ide­olo­gie aus­pack­en.” Der Ver­fas­sungss­chutz sieht das nicht anders. “Das Beispiel Ober­hav­el passt in die bun­desweite Strate­gie, sich über das Engage­ment in den Kom­munen einen bürg­er­lichen Anschein zu geben”, sagt Geert Piorkows­ki. Ein­er der führen­den Ver­fechter dieser Tak­tik ist Stel­la Palaus Ehe­mann Jörg Häh­nel. In sein­er Geburtsstadt Frank­furt (Oder) gab er schon in den 90ern Ständ­chen in Altenheimen und pflanzte “deutsche” Eichen. Eine Strate­gie, die der NPD in Sach­sen und Meck­len­burg-Vor­pom­mern als Erfol­gsrezept im Wahlkampf galt.

Das soll nun auch in Ober­hav­el funk­tion­ieren, wo die Berlin­er Nazis auf eine funk­tion­ierende Infra­struk­tur tre­f­fen: Hier befind­et sich die Ver­wal­tung des bran­den­bur­gis­chen Lan­desver­bands, hier tum­meln sich im NPD-Kreisver­band nach eige­nen Angaben die meis­ten Mit­glieder im Land, hier wurde der ver­gan­gene Lan­desparteitag abge­hal­ten. Offen­bar nicht zufäl­lig wohnte in Hen­nigs­dorf bis vor weni­gen Jahren noch der heutige NPD-Bun­de­schef Udo Voigt.

Und beim Sta­tus quo solls nicht bleiben. “Die NPD hat deut­liche Bestre­bun­gen kund­getan, sich hier weit­er auszubre­it­en”, sagt Gabriele Schla­mann vom MBT. Erst­ma­lig wollen sie bei der Kom­mu­nal­wahl im kom­menden Jahr flächen­deck­end in Bran­den­burg antreten. Auch dabei wer­den die Berlin­er Kam­er­aden hil­fre­ich sein: Der Ver­fas­sungss­chutz geht davon aus, dass “auf­grund des Man­gels an vorzeig­barem Per­son­al Recht­sex­treme, die ihren poli­tis­chen Schw­er­punkt bis­lang in Berlin hat­ten, sich dem Bran­den­burg­er Lan­desver­band als Kan­di­dat­en zur Ver­fü­gung stellen”, so Piorkowski.

In Hohen Neuen­dorf und Umge­bung ger­at­en diese Aktiv­itäten nun durch die “Causa Palau” in den Fokus der Bevölkerung. “Es gibt hier viel Gesprächs­be­darf”, bestätigt Astrid Mol­len­hauer. Eiligst wurde in der ver­gan­genen Woche ein Infor­ma­tion­s­abend über Recht­sex­trem­is­mus in der Region abge­hal­ten — über 240 Besuch­er lauscht­en dem referieren­den Mobilen Beratung­steam und dem Ver­fas­sungss­chutz. “Man hat ja so Klis­chees von Recht­en im Kopf, die hier nicht mehr zutr­e­f­fen.” Im Fam­i­lien­zen­trum habe man Texte von Palau aus­ge­hängt. “Die meis­ten Eltern sind völ­lig ungläu­big und über­rascht”, so Mol­len­hauer. Die lokale NPD spricht der­weil von ein­er “Hex­en­ver­fol­gung” gegen ihre Spitzenfrau.

Die Betrof­fene selb­st gibt sich gelassen. Ein Hausver­bot auf­grund eines Parteibuchs sei “selb­stver­ständlich vol­lkom­men daneben”, aber nicht über­raschend “in dieser Demokratie”, so Stel­la Palau. Mehrere Bürg­er hät­ten sich mit ihr sol­i­darisiert. Eine lokalpoli­tis­che Betä­ti­gung will die 29-Jährige daher inzwis­chen nicht mehr auss­chließen: “Vielle­icht kommt mir die plöt­zliche Pop­u­lar­ität ja noch zugute.”

Die NPD Ober­hav­el hat längst bei Palau ange­fragt, ob sie nicht als Wahlkreiskan­di­datin für die Kom­mu­nal­wahl im näch­sten Jahr zur Ver­fü­gung stünde. Man kenne sich ja bere­its. Im ver­gan­genen Jahr sprach Palau schon ein­mal vor den Kam­er­aden aus Ober­hav­el — über “nationale Familienpolitik”.

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