2. April 2007 · Quelle: ND

Wünsdorf – die verblichene Militärstadt

»Weiber, küsst die Schienen, ich komme.« Was ein rus­sis­ch­er Sol­dat an die Gar­nison­s­mauer Wüns­dorfs sprayte, markierte das Ende ein­er 100-jähri­gen Mil­itär­tra­di­tion. Es begann das regionale Konversionszeitalter.
Das war 1994. Sei­ther darf die 6900-See­len-Gemeinde südlich von Berlin ohne das Mil­itär auskom­men. Das streng bewachte, mit MG und Kanone bewehrte Ein­gangstor, das die B 96 abrupt unter­brach, ist einem Dis­counter gewichen. Eine Asphalt­straße führt hoch in die Wald­stadt – vorüber am erneuerten Kom­man­dan­ten­haus, in dem jet­zt bei gutem Zus­pruch die asi­atis­che Küche residiert.
Ring­sum sind ein­stige Kaser­nen aufwendig saniert wor­den. Die Lan­desregierung hat in ihr Muster­pro­jekt in Sachen Kon­ver­sion 225 Mil­lio­nen Euro gesteckt – in die Infra­struk­tur eben­so wie in die Sanierung. Den­noch ste­ht trotz gün­stiger Mieten eine Unzahl von Woh­nun­gen leer. In gängi­gen Analy­sen ist von 1000 Woh­nun­gen die Rede, Orts­bürg­er­meis­terin Sabine Brumm hält dies für über­trieben. Sie geht von wom­öglich 300 leeren Ein­heit­en aus. Die unter­schiedlichen Zahlen erk­lären sich aus der mäßi­gen Auskun­fts­freude der besitzen­den Vermieter.
Aus einem ehe­ma­li­gen kaiser­lichen Pfer­destall ist ein Muse­um gewach­sen, in dem die Geschichte des Hei­d­edör­fchens nachgeze­ich­net wird. In einem anderen Gebäude wird der All­t­ag der rus­sis­chen Sol­dat­en beschrieben. Bis zu 50 000 dien­ten seit Kriegsende zeitweise in der Garnison.
20 000 Leute besuchen alljährlich die Ausstel­lun­gen samt der Bunker und spitzen Luftschutztürme, die zum Anschauen herg­erichtet wur­den. Von hier aus dirigierte das Oberkom­man­do der Wehrma­cht den Krieg gegen die Sow­je­tu­nion und andere Völk­er. Auf Wüns­dor­fer Gelände wur­den die soge­nan­nten Wun­der­waf­fen namens »Dicke Berta« sowie Wern­her von Brauns Raketen erprobt. Kaiser und Könige, Reich­skan­zler, SS-Größen und Gen­er­al­stäbler gaben sich die Klinke in die Hand.
Rus­sis­che Rekruten führten hier mil­itär-mar­tialis­che Shows auf und paradierten vor Ulbricht, Honeck­er und anderen, um namens ihrer Obrigkeit Kampf­stärke und unver­brüch­lich­es brüder­lich­es Miteinan­der zu bekun­den. Aus den Bunkern wurde die DDR regiert, so es in Moskau als nötig erachtet wurde, etwa bei der Oper­a­tion Mauer­bau. Zu DDR-Zeit­en erin­nerte man sich im Gar­nison­skom­plex der Kom­mu­nistin Rosa Lux­em­burg. Sie war nach ihrer Ermor­dung 1919 in einen Keller­raum des Lazaretts gebracht wor­den. Die Russen ehrten die Kom­mu­nistin, indem sie eine entsprechende Tafel an der Lazarettwand anbracht­en. Dies und manch­es andere find­et sich nicht in der Ausstel­lung. Irgen­deine Bau­fir­ma habe die Tafel geklaut, sagt Muse­umsvere­ins-Vor­sitzen­der Dieter Kießlich. Er möchte His­to­rie aus Sicht Betrof­fen­er im Ort darstellen. Großflächige Schautafeln, dazu per­sön­liche Doku­mente, die Leute aus dem Fam­i­lienerbe anschleppten, Erläuterun­gen in Map­pen. Die Poli­tik will Kießling draußen lassen. »Auf Wun­sch wartet ein Bunker-Biwak auf Sie – Lager­feuer, Feld­verpfle­gung und Getränke in ein­er wild-roman­tis­chen Mil­itär­land­schaft«. Man wirbt in ein­er gewöh­nungs­bedürfti­gen Diktion.
Neben Museen ent­stand ein Kom­plex mil­itärhis­torisch geprägter Anti­quar­i­ate. Hier und zu lit­er­arischen Ver­anstal­tun­gen sowie Konz­erten find­en sich weit­ere 20 000 Besuch­er im Jahr ein. In kurz­er Zeit siedel­ten sich 19 Anti­quar­i­ate an, meist als Zweig­stelle ihres Stamm­sitzes in Berlin, wie Wern­er Borchert vom Touris­mus-Vere­in bedauert. Sie set­zten sich ins kon­ver­sion­s­gemachte Bett, braucht­en fak­tisch nur die Hand aufzuhal­ten, weil ABM-Kräfte die Arbeit tat­en. Als die abge­zo­gen wur­den, baut­en viele Anti­quar­i­ate ab. Jet­zt sind noch fünf Händler im Geschäft und bieten um die 230 000 Bände sowie aller­hand Kunst­werk an.
Doch an allem Anfang des Kon­ver­sion­spro­jek­tes standen die Mühen, aus ein­er über Jahrzehnte für den Bürg­er ver­bote­nen und nun­mehr men­schen­leeren Gemarkung einen wohn­lichen Ort zu machen. Was blieb von der Gar­ni­son, das waren 404 Katzen, 26 Hunde, eine Ziege und ein Muf­flon, kon­t­a­miniert­er Boden, 50 000 Ton­nen Sper­rmüll, 900 mehr oder weniger herun­tergewirtschaftete Gebäude.
Bis Ende vorigen Jahres wur­den auf dem Kaser­nen­gelände 12 837 Spreng- und Brand­bomben, Granat­en aller Kaliber, Waf­fen und Waf­fen­teile aus­ge­bud­delt und ver­nichtet. Zu 90 Prozent sind die Flächen laut Innen­min­is­teri­um beräumt. Anders außer­halb der Kaser­nen­stadt, dem ein­sti­gen Manöver­feld. Hier rech­net man noch mit ein­er »nicht konkret zu kalkulieren­den Menge unent­deck­ter Kampfmit­tel«. Unter­dessen hat sich die Graf­fi­ti-Szene der Mauern bemächtigt, die abwech­sel­nd mit Drahtzäunen den engeren mil­itärischen Kom­plex in der Süd­stadt abschirmt. In Teilen bietet er das­selbe trau­rige Antlitz wie vor einem Dutzend Jahren. Nur dass die bauliche Sub­stanz weit­er und weit­er ver­fällt. An »stadt­bild­prä­gen­den Objek­ten« seien zwar Sicherungsvorkehrun­gen getrof­fen wor­den, hieß es aus dem Bran­den­burg­er Finanzmin­is­teri­um, doch sei die Entwick­lungs­ge­sellschaft Wüns­dorf wirtschaftlich nicht in der Lage, Pro­jek­te zu finanzieren. Inve­storen zu gewin­nen, sei »ohne tragfähige Ansätze« geblieben.
Nach­dem bis­lang 125 Hek­tar an pri­vate Inve­storen veräußert wer­den kon­nten, ste­hen noch immer 300 Hek­tar zum Verkauf. Das bleibt auf Dauer nicht ohne Wirkung auf Wüns­dorf. Ein Drit­tel der Bewohn­er sind im Senioren‑, ein Drit­tel im Nach­wuch­salter, sagt Brumm. Viele leben von staatlich­er Unter­stützung. Vom mit­tleren Drit­tel im arbeits­fähi­gen Alter sind um die 20 Prozent arbeit­s­los, der Rest geht dem Job zu 70 Prozent außer­halb Wüns­dorfs nach.
Stadtein­wärts ist nach Vor­gaben der Lan­desregierung ein Beamten­städtchen ent­standen, wo sich in sanierten Kaser­nen 17 Lan­des­be­hör­den aus­bre­it­en – vom Gesund­heits- bis zum Amt für Ver­brauch­er­schutz. Lei­der hat sich kein­er der derzeit 878 Mitar­beit­er (geplant waren 1028) in der Gemeinde ange­siedelt, so Sabine Brumm. Daran sei die Lan­desregierung nicht ganz unschuldig – sie zahle die An- und Rück­fahrt aus und nach Pots­dam oder anderen Wohnörtlichkeit­en. Das ver­führe nicht ger­ade zu Umzügen.
Alles sei im Entste­hen und nicht frei von Rückschlä­gen, heißt es aus dem Wirtschaftsmin­is­teri­um. »Erforder­lich ist eine Anpas­sung an die sich wan­del­nden Rah­menbe­din­gun­gen.« Was meint, dass keine Mit­tel mehr fließen sollen. Ist die Kon­ver­sion beim Muster­pro­jekt der Lan­desregierung gescheit­ert? Borchert winkt ab. Man schaffe es auch mit den vie­len Ideen und dem Fleiß der Wüns­dor­fer allein, den derzeit­i­gen Stand zu hal­ten. Voran komme man ver­mut­lich nur noch mit pri­vat­en Inve­storen wie dem Bau­un­ternehmer Ger­hard Gol­lan, der nicht nur Gebäude saniert, son­dern auch beispiel­sweise die Museen gespon­sert hat. Wenn allerd­ings der Kreis elf Monate benötige, um eine Bau­genehmi­gung zu erteilen, wür­den Inve­storen nicht ger­ade ange­zo­gen, wird Gol­lan zitiert. Wenn nur mal ein Pro­jekt klap­pen würde, so Brumm, sich vielle­icht eine Fir­ma ansiedeln würde – so mit 300 Arbeit­splätzen –, dann käme man voran. Doch ein Sportzen­trum von bun­desweit­em Rang, das seit drei Jahren gebaut wer­den soll, har­rt des Startschuss­es. Die Min­is­te­rien, gebeutelt durch Pleit­epro­jek­te wie Car­go­lifter, Chip­fab­rik und Lausitzring, wollen den Geld­kof­fer der Inve­storen sehen, die aber erst Pla­nungssicher­heit haben, ein Teufelskreis.
Auch das von Moskau geplante rus­sis­che Haus der Begeg­nung mit ein­er von namhaften Großmeis­tern via Inter­net geführten Schachschule, ein­er Ausstel­lung über sow­jetis­che Stre­itkräfte und Begeg­nun­gen mit Kul­tur und Kun­st scheint neuerd­ings in den Ster­nen zu ste­hen. Einem Gerücht zufolge will Moskau das Pro­jekt in einem weit
kleineren Rah­men ange­hen. – »bud­jet«, heißt es nach altem rus­sis­chem Brauch – es wird, irgend­wann und irgendwie. 

Weit­ere Details: Kaiser/Herrmann »Vom Sper­rge­bi­et zur Wald­stadt«, Chr. Links Verl., 19,90 EUR auch über ND-Büch­erser­vice zu beziehen. 

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Der Bun­desver­band der VVN-BdA hat die Entschei­dung des Bran­den­burg­er Lan­des­denkmalamts zur Ken­nt­nis genom­men, das nachge­baute Glock­en­spiel der ehe­ma­li­gen Pots­damer Gar­nisonkirche in die Denkmalliste aufzunehmen. Das Argu­ment, dieses Glock­en­spiel sei ein „eigen­ständi­ges Denkmal der jün­geren Zeit­geschichte“, kön­nen wir nur bed­ingt nachvollziehen.

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