27. August 2004 · Quelle: MAZ

Brauner Arzt weiß gewaschen

(MAZ, Ulrich Wange­mann) Sein Name ste­ht für die fin­ster­sten Stun­den der Stadt: Hans Heinze, Leiter
der Lan­desanstalt Gör­den von 1938 bis 1945. Min­destens 1200 Kinder ließ der
Arzt während sein­er Amt­szeit in der Anstalt als “leben­sun­wert” töten. 

Nun ist dem schreck­lichen Arzt, den ein sow­jetis­ches Mil­itär­tri­bunal nach
dem Krieg zu sieben Jahren Haft verurteilt hat­te, posthum eine unerwartete
Ehre zuteil gewor­den: Die rus­sis­chen Behör­den haben ihn reha­bil­i­tiert. Wie
das Nachricht­en­magazin “Der Spiegel” in sein­er Online-Aus­gabe berichtet,
stellte die Moskauer Mil­itärstaat­san­waltschaft bere­its 1998 formell die Ehre
nrechte des Massen­mörders wieder her. 

Deutsch­er Forsch­er gab Anstoß

Was daran beson­ders ver­stört: Es geschah auf Antrag des Historiker
Klaus-Dieter Müller, damals Mitar­beit­er am renom­mierten Dresdener
Han­nah-Ahrendt-Insti­tut für Total­i­taris­mus­forschung — im Dien­ste der
Wis­senschaft, sagt Müller: “Der Reha­bil­i­tierungsantrag war der einzige Weg,
an Infor­ma­tio­nen zu kommen.” 

Ans Licht brachte den Fall die Berlin­er His­torik­erin Annette Weinke,
Mitar­bei­t­erin an einem Forschung­spro­jekt zur Geschichte Brandenburgischer
Heil- und Pflegeanstal­ten. “Mich hat stutzig gemacht, dass der
wis­senschaftliche Zweck die Mit­tel offen­bar heiligt”, sagte die 41-Jährige
gestern dem Stadtkuri­er. Es sei “lange über­fäl­lig, dass diese Praktiken
disku­tiert werden.” 

Anstalts-Belegschaft ist empört

Empört reagierte auch die Lan­desklinik: “Wir sind über­rascht und bestürzt”,
sagte Ver­wal­tungschefin Dorit Zahn. “So weit darf ein Forsch­er nicht gehen.”
Es sei schlimm, dass die Sache so lange geheim geblieben sei. Die Fakten
sprächen allerd­ings eine klare Sprache. Der Euthanasie-Arzt sei nicht nur
für die Toten ver­ant­wortlich. “Wir wis­sen, dass Heinze min­destens 1900
Patien­ten hat zwangsster­il­isieren lassen”, so Zahn. Die Anstalt hat sich
inten­siv mit ihrer Ver­gan­gen­heit auseinan­der geset­zt. Im Juni eröffnete eine
Dauer­ausstel­lung zu dem Kin­der­mord hin­ter den Backsteinmauern. 

Forsch­er Müller ist selb­st ein wenig erschrock­en, was er ins Rollen gebracht
hat. “Es tut mit Leid, wenn ich Men­schen in ihrem Ehrge­fühl ver­let­zt habe”,
sagt der His­torik­er, der heute bei der Stiftung Säch­sis­ch­er Gedenkstätten
arbeit­et. “Ich hätte es ver­mut­lich nicht getan, wenn ich geah­nt hätte, dass
die Reha­bil­i­tierung durchkommt”, sagte der His­torik­er gestern. 

Müller hat Erfahrung mit dieser beson­deren Art der Recherche. Er hat
Hun­derte von Reha­bil­i­tierungsanträge für andere Forsch­er, Pri­vatleute und
öffentliche Insti­tu­tio­nen gestellt. Wer beim Auswär­ti­gen Amt eine solche
Auskun­ft erwirken will, wird in der Regel an den erfahre­nen Forscher
verwiesen. 

Im Fall Heinze habe er fest mit ein­er Ablehnung des
Reha­bil­i­tierungs­begehrens gerech­net — in einem solchen Fall geben die
Behör­den den­noch Infor­ma­tio­nen her­aus. Dass es den­noch anders gekom­men sei,
bedauere er. Sarkastis­che Bemerkun­gen wie die seines His­torik­erkol­le­gen Götz
Aly, nun könne man ja Straßen nach Hans Heinze benen­nen, empfind­et Müller
als “aus der Luft gegrif­f­en”. Das Wis­sen über die Ver­brechen Heinzes sei
über­wälti­gend. Auch seien allein mit der Reha­bil­i­tierung­surkunde keine
Wiedergut­machungs­forderun­gen von Ange­höri­gen möglich. 

Ein mul­miges Gefühl hat der Stre­it um Heinze bei Joachim Harbrecht
hin­ter­lassen. Der Anstalt­sleit­er hat­te Har­brechts an Epilep­sie leidende
Schwest­er Inge 1940 in den Gas­tod geschickt — sie war sechs Jahre alt. Ihr
Gehirn ließ der Dok­tor sezieren und schick­te das Prä­parat zum
Kaiser-Wil­helm-Insti­tut für Hirn­forschung nach Berlin. “Offen­bar ist nichts
unmöglich”, sagte gestern der Rent­ner, der in der Nähe von Bre­men wohnt. 

Unlängst erst hat­te er erfahren, dass das Hirn­prä­parat sein­er Schwest­er 1990
in München beerdigt wor­den war. Gestern erst schick­te Har­brecht einen Brief
nach München mit der Bitte , ihm ein Foto vom Grab­stein zu schick­en. “Ich
dachte, ich kön­nte die Akte schließen”, sagte Har­brecht. Die Vergangenheit
kommt auch nach 64 Jahren nicht zur Ruhe.

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