2. Mai 2005 · Quelle: LR

Chance für eine bessere Integration


Weil die Lausitz immer weniger Asyl­be­wer­ber bekommt, haben größere
Flüchtling­sheime aus­ge­di­ent

(LR; 30.4.) Die Lausitz bekommt immer weniger Asyl­be­wer­ber. Seit Mitte der Neun­ziger
sank ihre Zahl um fast 35 Prozent, heißt es aus dem Büro der Bran­den­burg­er
Aus­län­der­beauf­tragten Al muth Berg­er. Die Land­kreise kön­nen große
Flüchtling­sheime mit mehr als 150 Bet­ten kaum noch aus­las­ten und erwä­gen,
sie zu schließen. Die Aus­län­der­beauf­tragten sehen darin die Chance für eine
bessere Inte­gra­tion von Asyl­be­wer­bern.

«Das Lager muss weg! Das Lager muss weg!» Diesen Sprechge­sang auf den Lip­pen
kamen Anfang April 200 Demon­stran­ten zu ein­er Kundge­bung ins
Asyl­be­wer­ber­heim in Bahns­dorf (Ober­spree wald ‑Lausitzkreis). Die Red­ner
anti ras­sis­tis­ch­er Grup­pen prangerten «men­sche­nun­würdi­ge Bedin­gun­gen» an.
Ver­schieden­ste Nation­al­itäten wür­den im abgele­ge­nen Heim zusam­mengepfer­cht,
was Kon­flik­te pro­gram­miere. Kilo­me­ter­weit ent­fer­nt von den näch­sten
Geschäften und Kul­turein­rich­tun­gen könne man am Leben nicht teil­haben. Was
die Protestler nicht wussten: Die OSL-Kreisver­wal­tung trägt sich mit dem
Gedanken, das Heim zu schließen.

«Wegen der ständig zurück­ge­hen­den Aus­las­tung der Ein­rich­tung» , erk­lärt
OSL-Lan­drat Hol­ger Bartsch. Anfang der Neun­ziger hat­te der Land­kreis 1000
Asyl­be­wer­ber, heute 400, von denen 300 auf dem Bahns­dor­fer Are­al leben,
ein­er ein­sti­gen Flug­platz-Auße­nan­lage mit Flach­baut­en und Wohn­con­tain­ern.
Weit­ere 80 Asyl­be­wer­ber wohnen im benach­barten Sedl­itzer Heim, einige wenige
Fam­i­lien dezen­tral in Woh­nun­gen. Für immer weniger Bewohn­er ein so großes
Heim in Schuss zu hal­ten, gehe ins Geld. Bartsch ver­weist auf das
56-Mil­lio­nen-Euro-Defiz­it im Kreishaushalt. Wohin aber die 300 Asyl bewer­ber
umziehen sollen, ste­he noch nicht fest.

Vorteile für bei­de Seit­en

Für Mohamed Ham­dali, Mitar­beit­er der Aus­län­der­beauf­tragten Almuth Berg­er,
soll­ten solche großen und abgele­ge­nen Asyl­be­wer­ber­heime wie das in Bahns­dorf
längst aus­ge­di­ent haben. Ham­dali hat sich in Bahns­dorf umge­se­hen. Ähn­lich
schlechte Bedin­gun­gen wie dort wür­den nur noch in Barn­im und Per­leberg
herrschen. Bis ins Dorf bedarf es vom Bahns­dor­fer Heim eines kilo­me­ter­weit­en
Fuß­marsches, bis in die näch­ste Stadt Sen­ften­berg ein­er Bahn- oder Zug­fahrt
über elf Kilo­me­ter. Almuth Berg­er habe dem OSL-Kreis drin­gend emp­fohlen, das
Heim zu schließen und die Flüchtlinge zen­traler wohnen zu lassen. Das bringe
bei­den Seit­en Vorteile, sagt Ham­dali: Der Land­kreis spare Geld, den
Asyl­be­wer­bern gehe es bess­er. Ham­dali führt Cot­tbus als Vor­bild an. Dort
leben 176 Asyl­be­wer­ber über die Stadt ver­streut in Woh­nun­gen, nur 95 in
einem Heim, das gut aus­ge­lastet ist. «Das Bürg­ere­cho» , so der Cot­tbuser
Sozialamt­sleit­er Fried­helm Gis­sel, «ist mit­tler­weile pos­i­tiv.»

Asyl­be­wer­ber gle­ich­mäßig verteilen — dieses Konzept ver­fol­gt auch der
Spree-Neiße-Kreis. Je rund 100 Flüchtlinge leben in Heimen in Guben,
Sprem­berg und Forst. Etwa jed­er fün­fte Flüchtling bezieht eine Woh­nung. Weil
auch im Spree-Neiße-Kreis die Zahl der Asyl­be­wer­ber stetig schrumpft — von
557 im März 2004 auf 463 im März diesen Jahres — rech­net
Aus­län­der­beauf­tragte Moni­ka Wagschal damit, dass Heime schließen. Allerd­ings
werde man dann die Asyl­be­wer­ber nicht auf ein oder zwei Stan­dorte
konzen­tri­eren, son­dern sich in den drei Städten nach kleineren Immo­bilien
umse­hen.

Sach­sen rig­oros­er

Eine andere Lin­ie ver­fol­gt der Elbe-Elster-Kreis. Press­esprech­er Hol­ger
Fränkel kann nicht erken­nen, dass die derzeit 343 Asyl­be­wer­ber das abseits
gele­gene Heim in Hohen­leip­isch — das Einzige im Land­kreis — ver­lassen
wollen. Es sei zu 80 Prozent aus­ge­lastet, von ein­er Schließung in der
Ver­wal­tung keine Rede, so Fränkel.

Nur noch zu 70 Prozent aus­ge­lastet ist das 140-Bet­ten-Asyl­be­wer­ber­heim in
Quitzdorf/Kollm im Nieder­schle­sis­chen Ober­lausitz-Kreis. Der Land­kreis
schaffe es kaum noch, dem Betreiber des ehe­ma­li­gen Ferien­lagers die
ver­traglich zugesicherte Zahl an Asyl­be­wer­bern zuzuweisen, sagt Peter
Kön­nicke von der Aus­län­der­be­hörde. Der Land­kreis hat in Niesky ein zweites
kleineres Heim. Ins­ge­samt leben nur noch 200 Asyl­be­wer­ber im Kreis­ge­bi­et.
1998 waren es dop­pelt so viele. Soll­ten die Asyl­be­wer­berzahlen weit­er
sinken, gehe an ein­er Schließung des Quitz­dor­fer Heims kein Weg vor­bei.
Sich­er könne man dann über eine zen­traler gele­gene Unterkun­ft nach­denken, so
Kön­nicke.

Nicht anders als in Bran­den­burg schrumpft auch in Sach­sen die Zahl der
Asyl­be­wer­ber rapi­de. Hat­te das Bun­des­land Ende 1996 noch fast 13 000
Asyl­be­wer­ber, sind es jet­zt noch knapp 10 000. Daher wer­den auch in Sach­sen
Asyl­be­wer­ber­heime schließen, so Fan­ja Fren­zel vom Büro der
Aus­län­der­beauf­tragten Friederike de Haas. Sie nen­nt als Beispiel das
340-Bet­ten-Heim in Seel­igstadt im Land­kreis Bautzen, das aufzugeben
Friederike de Haas drin­gend emp­fohlen hat. In Seel­igstadt hat die
Men­schen­recht­sor­gan­i­sa­tion Pro Asyl im ver­gan­genen Jahr «men­schen­würdi­ge
Min­dest­stan­dards» ver­misst. 250 Men­schen werde dort nur ein Sport­platz gegen
das Nicht­stun ange­boten. Es gebe zu wenige Toi­let­ten und Waschbeck­en, die
oft demoliert sind.

Fan­ja Fren­zel sieht nach Heim-Schließun­gen allen­falls die Chance, dass
Asyl­be­wer­ber weniger abgele­gen unterge­bracht wer­den. Woh­nun­gen dürften ihnen
weit­er­hin ver­schlossen bleiben. Dafür spreche die Erlass­lage in Sach­sen, die
eine Pri­vatun­ter­bringung nur aus human­titären oder gesund­heitlichen Grün­den
auf Empfehlung des Amt­sarztes vor­sieht. Säch­sis­che Asyl­be­wer­ber ver­lassen
das Heim nicht mal zum Einkaufen. Sie lösen ihre Wertgutscheine in Mag­a­zi­nen
ein, die zum Heim dazuge­hören. In Bran­den­burg kön­nen Flüchtlinge ihre
Gutscheine in Geschäften in der Umge­bung in Ware umset­zen.

Woh­nun­gen gewün­scht

Fren­zel hat Zweifel, ob die Asyl­be­wer­ber ihre Iso­la­tion in Woh­nun­gen eher
über­winden als in Heimen, wo sie sozial betreut wer­den. Fest ste­he aber:
«Wenn sich Asyl­be­wer­ber aus­suchen kön­nten, wo sie leben wollen, wür­den fast
alle in Woh­nun­gen wollen.»

Hin­ter­grund Zen­trales Auf­nah­me­lager

# Laut Aus­län­derzen­tral­reg­is­ter waren in Bran­den­burg per 31. Dezem­ber
ver­gan­genen Jahres 2565 Asylver­fahren anhängig. Zum Ver­gle­ich: Per 30. Juni
2004 waren es 30 36.

# Laut Lan­desverteil­erverord­nung weist die zen­trale Aus­län­der­be­hörde für
Bran­den­burg Land­kreisen und Städten Asyl­be­wer­ber zu. Fläche,
Wirtschaft­skraft und Ein­wohn­erzahl sind die Kri­te­rien. Entsprechend bekommt
der Elbe-Elster-Kreis vom zen­tralen Auf­nah­me­lager in Eisen­hüt­ten­stadt fünf
Prozent der Asyl­be­wer­ber zugewiesen, der Ober­spree­wald-Lausitzkreis 5,2
Prozent, der Land­kreis Dahme-Spree­wald 6,4, der Spree-Neiße-Kreis 5,5 und
Cot­tbus 3,8 Prozent.

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