15. November 2003 · Quelle: Tagesspiegel

Cottbuser Randale: Die Polizei ist der gemeinsame Feind

(Tagesspiegel, 14.11.03) Cot­tbus. Einst hat sie Cot­tbus berühmt gemacht: Aus der Stadthalle wurde
Ende 1989 der erste “Musikan­ten­stadl” made in DDR über­tra­gen. Wenige Wochen
zuvor hat­ten hier Zehn­tausende Lausitzer gegen die SED-Obrigkeit
demon­stri­ert. Inzwis­chen ist das Umfeld der Halle ein beliebter Tre­ff­punkt
Cot­tbuser Jugendlich­er. Piz­za gibt es im nahen Einkauf­szen­trum. Im Som­mer
lockt der benach­barte Puschk­in­park, im Win­ter eher ein Abluftschacht der
Stadthalle, dem Wärme entströmt. Zweimal kam es hier in den ver­gan­genen acht
Tagen zu Ran­dale. Am Don­ner­stag ver­gan­gener Woche waren daran 200 junge
Leute beteiligt, am Dien­stag dieser Woche etwa zwei Dutzend.

“Zuerst waren hier vor eini­gen Jahren die Recht­en”, erzählt ein Jugendlich­er
aus der linken Szene, der sich vor der Stadthalle aufhält. Später seien
immer mehr Linke gekom­men, zwis­chen­zeitlich einige Hip-Hop­per. Beliebt ist
der leicht abschüs­sige Platz auch bei Skate­board-Fahrern. Als vor eini­gen
Wochen die Recht­en ihr “anges­tammtes Ter­ri­to­ri­um” vor der Stadthalle wieder
zurücker­obern woll­ten, habe der Zoff begonnen. “Fünf unser­er Leute gin­gen
hin­ter der Stadthalle lang, als sie plöt­zlich aus dem Busch her­aus von zwölf
Recht­en ange­grif­f­en wur­den”, schildert der 17-Jährige die Geschehnisse am
ver­gan­genen Dien­stag.

Die Angreifer flüchteten später, die anrück­ende Polizei fand nur noch vier
ver­let­zte Jugendliche und ihre Fre­unde vor. Die daraufhin einge­set­zte
dreiköp­fige Ermit­t­ler­gruppe hat­te bis gestern keine Erken­nt­nisse über die
Täter. Die Zeu­ge­naus­sagen bracht­en nach Auskun­ft eines Polizeis­prech­ers
bis­lang wenig, viele Geladene seien erst gar nicht bei der Polizei
erschienen. Das ver­wun­dert nicht, geben doch auch die Linken zu, dass die
Polizei “der gemein­same Feind ist”.

Polizei und Stadt wollen jet­zt mit stärk­eren, auch gemein­samen Streifen auf
die Auseinan­der­set­zun­gen reagieren. Außer­dem soll der Bere­ich um die
Straßen­bahn-Hal­testellen an der Stadthalle bess­er beleuchtet wer­den. Der
städtis­che Ord­nungs­dez­er­nent Hol­ger Kelch (CDU) spricht von ein­er
“punk­tuellen Störung”. Auf­fäl­lig sei, dass sich unter den Jugendlichen viele
Nicht-Cot­tbuser befän­den. Der 17-jährige Linke will dazu nichts sagen. Er
befürchtet aber, dass der Kampf um die “Hoheit” des Stadthallen-Vor­platzes
noch nicht been­det ist. “In den näch­sten Tagen wird wieder was passieren”,
ahnt er.

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