15. November 2003 · Quelle: LR

Es ist grausam für Familie Cikaj”

(LR, 14.11.03) Seit ein­er Woche ist die sech­sköp­fige Fam­i­lie Cikaj aus Forst unter­ge­taucht,
um so der Abschiebung in den Koso­vo zu ent­ge­hen. Die RUNDSCHAU tele­fonierte
dazu mit Annette Flade. Die 53-jährige Babels­berg­erin ist
Aus­län­der­seel­sorg­erin des Kirchenkreis­es Pots­dam.

Wohin gehen die Men­schen, die wie Cika­js für sich keine andere Chance mehr
sehen?

Wir haben im Land Bran­den­burg kaum solche Erfahrun­gen, weil hier die
Anonymität nicht gegeben ist — wed­er auf dem flachen Land noch in Städten
wie Cot­tbus. Da ken­nt man sich ein­fach. Leute wie die Fam­i­lie Cikaj gehen
nach Berlin oder in andere größere Städte in den alten Bun­deslän­dern.

Was geht in den Köpfen der­jeni­gen vor, die unter­tauchen?

Welch­er psy­chis­chen Belas­tung sind sie aus­ge­set­zt? Es ist ein­fach grausam -
beson­ders, wenn auch Kinder betrof­fen sind. Sie müssen sich auf ein­mal ver­steckt hal­ten. Es ist
eigentlich nicht aushalt­bar. Was da intern an Kon­flik­ten entste­ht, ist kaum
zu man­a­gen. Da spie­len sich Fam­i­lien­dra­men ab.

Wie lange hält man das aus?

Allein lebende Men­schen hal­ten das auch über Jahre aus. Aber bei Fam­i­lien
kann ich mir das nicht vorstellen.

Ohne Hil­fe von außen lässt sich so etwas kaum bew­erk­stel­li­gen. Wer unter­stützt die Betrof­fe­nen?

Es sind meist Land­sleute, die einen anderen Sta­tus besitzen. Da erlebt man
größte Sol­i­dar­ität untere­inan­der. Es sind Men­schen, die sich damit selb­st
über eine ungewisse Zeit ein­er großen psy­chis­chen, aber auch materiellen
Belas­tung aus­set­zen. Sie haben meist nicht viel Geld — und sollen nun
zusät­zlich sechs Men­schen ernähren. Es gibt aber zum Glück auch Leute, die
pro­fes­sionelle Hil­fe anbi­eten.

Wer zum Beispiel?

Im Berlin­er Raum gibt es eine Anlauf­stelle für Men­schen ohne Papiere. Dort
geht es zunächst darum, Infor­ma­tio­nen zu liefern. So gibt es die Möglichkeit
der medi­zinis­chen Ver­sorgung. Wir kämpfen außer­dem darum, Kindern
betrof­fen­er Fam­i­lien Schu­lun­ter­richt zu ermöglichen, ohne dass sie angezeigt
wer­den. Das allerd­ings ist noch nicht Real­ität. Auch Ärzte müssen jeden
anzeigen, der ohne Papiere zu ihnen in die Sprech­stunde kommt. Wer hil­ft,
macht sich eigentlich straf­bar.

Und wie ste­ht es um das Kirchenasyl?

Das ist ein hoch brisantes The­ma. Wir berat­en das ger­ade im Flüchtlingsrat
des Lan­des Bran­den­burg, auch wenn es

zurzeit keinen offiziellen Fall gibt. Aber die Kirche muss damit anders
umge­hen. In den eige­nen Richtlin­ien ist Kirchenasyl nur für Men­schen mit
Papieren zuläs­sig. Was aber sollen wir machen, wenn eine Fam­i­lie, die
bis­lang unter­ge­taucht war, sich an uns wen­det, um sich wieder in einen
offizielleren Sta­tus zu brin­gen? Dazu gibt es kirchen­in­tern keine
Richtlin­ie.

Sie ver­mei­den das Wort ille­gal.

Ganz bewusst. Es gibt keine ille­galen Men­schen — nur solche mit Papieren und
Men­schen ohne Papiere.

Mit ANNETTE FLADE sprach Tilo Win­kler.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Beiträge aus der Region

Infori­ot — Zum “Tag der Deutschen Ein­heiT” ruft „Der III. Weg“ zu ein­er großen Demon­stra­tion nach Berlin-Hohen­schön­hausen. Ganz vorne mit dabei wer­den Neon­azis aus Bran­den­burg sein.
Wie Ver­schwörungs­the­o­rien unser Denken bes­tim­men — Ver­anstal­tun­gen am 15. Okto­ber in Cot­tbus und am 22. Okto­ber in Pots­dam.
Mittwoch, 07. Okto­ber 2020 um 19.00 Uhr im T‑Werk, Schiff­bauer­gasse 4e in Pots­dam

Opferperspektive

Logo de rOpferperspektive Brandenburg

NSUwatch Brandenburg

Polizeikontrollstelle

Logo der Polizeikontollstelle - Initiative zur Stärkung der Grund- und Bürgerrechte gegenüber der Polizei

Netzwerk Selbsthilfe

Termine für Potsdam

Termine für Berlin

Suche

  • Kategorien


  • Regionen



Inforiot