6. November 2002 · Quelle: berliner zeitung

Das Dorf Gollwitz rettet seine Ehre

GOLLWITZ. Jenes Ereig­nis, das die Gemeinde Goll­witz bun­desweit bekan­nt machte, fehlt in der im Inter­net veröf­fentlicht­en Ortschronik: Dort ist zwar die Grün­dung der Feuer­wehr 1923 erwäh­nt, die Neunum­merierung der Häuser 1950 und die 625-Jahr-Feier im Jahr 2000. Nicht beschrieben wird, dass sich der Ort im Herb­st 1997 erbit­tert gegen den Zuzug von etwa 50 jüdis­chen Ein­wan­der­ern wehrte. Der mit aus­län­der­feindlichen Parolen gespick­te Protest des rund 400 Ein­wohn­er zäh­len­den Ortes im Land­kreis Pots­dam-Mit­tel­mark sorgte damals weit über Bran­den­burg hin­aus für Schlagzeilen. Schließlich zog die Kreisver­wal­tung ihre Pläne zurück, die aus der ehe­ma­li­gen Sow­je­tu­nion stam­menden Män­ner und Frauen im ein­sti­gen Her­ren­haus unterzubrin­gen. Trotz­dem sollen Men­schen jüdis­chen Glaubens bald zum Orts­bild des bei Brandenburg/Havel gele­ge­nen Dor­fes gehören: Denn als Kon­se­quenz aus dem Kon­flikt vor fünf Jahren wird das mar­o­de Her­ren­haus nun zu ein­er Begeg­nungsstätte aus­ge­baut.
“Die Gemeinde unter­stützt uns”
Die Goll­witzer Feuer­wehrleute gin­gen am Dien­stag daran, die Fall­rohre am Gebäude zu spülen, damit das Regen­wass­er kün­ftig prob­lem­los abfließen kann und nicht mehr ins Gebäude dringt. Trotz eisiger Kälte hantierten die Män­ner um Feuer­wehrführer Hel­mut Poko­rny im Wass­er. Schließlich galt es, der Öffentlichkeit zu beweisen, dass das Dorf keines­falls so anti­semi­tisch eingestellt ist wie vor fünf Jahren beschrieben. “Die Gemeinde unter­stützt uns tatkräftig”, sagte Architekt Achim Krekel­er. “Wir freuen uns, dass das Gebäude saniert und wieder sozialer Mit­telpunkt des Dor­fes wird”, sagte Bürg­er­meis­ter Andreas Heldt. Er stand 1997 beson­ders in der Kri­tik, weil er zum Beispiel vom Zen­tral­rat der Juden eine Entschuldigung gefordert hat­te, nach­dem dieser die Goll­witzer kri­tisiert hat­te.
Etwa 1,8 Mil­lio­nen Euro wird die Sanierung des Schloss­es kosten, schätzt die Stiftung Deutsch­er Denkmalschutz, die sich für das Pro­jekt engagiert. Das Geld soll über Spenden und Zuschüsse aufge­bracht wer­den. Vom Geld­fluss hängt ab, wann die Begeg­nungsstätte öffnet, sagte Kon­rad Weiß am Dien­stag in Goll­witz. Der ein­stige DDR-Bürg­er­rechtler ist Kura­to­ri­umsvor­sitzen­der der 2001 gegrün­de­ten “Stiftung Begeg­nungsstätte Goll­witz”. Der Land­kreis übereignete ihr das sanierungs­bedürftige Her­ren­haus. Die Gemeinde unter­stützte sie mit 10 000 Euro. Stiftungsvor­sitzen­der ist der Berlin­er Recht­san­walt Peter-Andreas Brand. “Mit der Begeg­nungsstätte wer­den wir zwar die „Glatzen“ nicht erre­ichen. Aber vielle­icht kön­nen wir ver­hin­dern, dass einige 15-Jährige „Glatzen wer­den”, sagte Brand. Im Her­ren­haus von Goll­witz sollen sich in Zukun­ft haupt­säch­lich jüdis­che und nichtjüdis­che Jugendliche zu mehrtägi­gen Sem­i­naren tre­f­fen.
Thierse als Schirmherr
Die ersten Begeg­nun­gen fan­den bere­its im ver­gan­genen Dezem­ber statt: Eine Schulk­lasse des jüdis­chen Gym­na­si­ums Berlin disku­tierte mit ein­er Schulk­lasse eines Bran­den­burg­er Gym­na­si­ums über Anti­semitismus. An der Ver­anstal­tung nah­men neben Weiß auch der Leit­er des Cen­trum Judaicum, Her­mann Simon, und der CDU-Poli­tik­er Hein­er Geißler teil. Noch in diesem Jahr soll eine Ver­anstal­tung mit Bun­destagspräsi­dent Wolf­gang Thierse stat­tfind­en, der zugle­ich Schirmherr des Pro­jek­tes ist.
Das Prob­lem frem­den­feindlich­er Straftat­en beste­ht nach wie vor, sagte Bran­den­burgs Gen­er­al­staat­san­walt Erar­do Raut­en­berg. Er engagiert sich im Beirat der Stiftung. Strafver­fol­gung allein genüge nicht, sagte Raut­en­berg. Man müsse ver­hin­dern, dass Frem­den­feindlichkeit über­haupt aufkommt.
Wer das Pro­jekt unter­stützen will, kann sich bei der Deutschen Stiftung Denkmalschutz (0228/957380) melden.

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