1. August 2005 · Quelle: MOZ, Polizeibericht

Das ist Anarchie”

Straus­berg-Hohen­stein (MOZ) Über dem Mais­feld kreist ein Polizei­hub­schrauber. In den Feld­we­gen und auf der Dorf-Straße haben sich Polizeibeamte postiert — hoch zu ROSS oder mit Hund, im Mannschaftswa­gen oder mit schw­er­er Tech­nik Jörg Piprek, der Land­wirt, der auf zehn Hek­tar seines 50 Hek­tar großen Feldes gen­verän­derte Pflanzen ange­baut hat, pen­delt zwis­chen seinem Betrieb in Hohen­stein und seinem Ack­er im benach­barten Glad­ow­shöhe hin und her. Ein wenig ist er ver­wun­dert: „Ich hätte nicht gedacht, das s der Staat so viel macht, um mein Feld zu schützen”, sagt er — und freut sich. Gle­ich­wohl hätte er es lieber gehabt, wenn es des Großaufge­bots an Polizis­ten gar nicht erst bedurft hätte. Doch es liegt nicht mehr in sein­er Hand.

Die Ini­tia­tive „Gen­dreck weg” will an seinem Feld ein Exem­pel sta­tu­ieren. Sie will den gen­verän­derten Mais zer­stören, hat ihre Aktion öffentlich angekündigt und andere dazu aufgerufen, es ihr gle­ich zu tun. Das ist, so sagt die Polizei, eine Ans­tiftung zur Straftat. „Jed­er, der sich daran beteiligt, stellt die Grund­sätze dieser Gesellschaft in Frage”, ist auch Wolf­gang Scher­fke, der Geschäfts­führer des Lan­des­bauern­ver­ban­des, überzeugt. „Wo kom­men wir denn da hin, wenn sich jed­er am Eigen­tum eines anderen ver­greift und das auch noch ankündigt?”, regt er sich auf und beant­wortet seine Frage gle­ich selb­st: „Das ist Anar­chie”.

Im benach­barten Ruhls­dorf, wo die Ini­tia­tive „Gen­dreck weg” an diesem Woch­enende ihr Lager aufgeschla­gen hat, will man sich nicht in eine solche Ecke stellen lassen — jeden­falls nicht offiziell. Jür­gen Binder, Imk­er­meis­ter aus dem Schwaben­land und ein­er der Ini­tia­toren der Aktion, betont: „Wir han­deln in Notwehr. Es ist Gefahr im Verzug.” Immer wieder, sagt er, dass man nie­man­den dazu auf­fordern werde, Maispflanzen aus Pipreks Feld zu reißen. „Doch eine per­sön­liche Erk­lärung kann jed­er hier am Mikro­fon abgeben”, sagt er auf der Kundge­bung. Und gibt den Text gle­ich vor. Binder: „Diese per­sön­liche Erk­lärung kön­nte so laut­en: ‚Ich bin ein per­sön­lich­er Feld­be­freier und möchte mir meine per­sön­liche Maispflanze holen, weil…” Kurze Zeit später dro­ht er unver­hohlen jedem Land­wirt, der gen­verän­derte Pflanzen anbaut: „Das soll für jeden eine War­nung sein, dass er mit ein­er frei­willi­gen Feld­be­freiung rech­nen muss.” Spitzen­poli­tik­er von Union, FDP und SPD beze­ich­net er als „Hand­langer der krim­inellen Gen­tech­nikin­dus­trie”.

Manche Teil­nehmer der Kundge­bung tun Binder den Gefall­en, und bekun­den öffentlich, dass sie am Nach­mit­tag Pipreks Feld einen Besuch abstat­ten wer­den. Andere, wie der Straus­berg­er Uwe Müller, tun es nicht. Er sei zwar gegen den Ein­satz von Gen­tech­nik in der Land­wirtschaft, sagt der 40-Jährige, „ich bin aber auch gegen Gewalt”.

Dass man sich gegen gen­ma­nip­ulierte Pflanzen wehren müsse ste­ht für den Inhab­er eines Bio­ladens fest. Im Neben­beruf seit 20 Jahren Imk­er, ist er davon überzeugt, dass solche Pflanzen giftig sind. „Die wirk­liche Gefahr ken­nt kein­er.” Und durch Auswilderun­gen, so glaubt er, könne früher oder später nie­mand mehr „was Gesun­des anbauen”.

„Wir brauchen eine nach­haltige, unser­er Region angepasste Land­wirtschaft”, sagt der Straus­berg­er und hofft darauf, „dass die Bauern die Gefahr, die auch für sie entste­ht, endlich erken­nen und keine gen­tech­nisch verän­derten Pflanzen mehr anbauen”. Am lieb­sten wäre es ihm, wenn Land­wirt Piprek seinen Mais selb­st abmäht. „Da würde er der Stadt Straus­berg und dem Natur­park Märkische Schweiz einen riesi­gen Dienst erweisen”, sagt Uwe Müller.

Piprek allerd­ings ist weit davon ent­fer­nt, sich seinen Geg­n­ern zu unter­w­er­fen. „So geht man unter zivil­isierten Men­schen nicht miteinan­der um”, ist er überzeugt. Deshalb hat er auch eine so genan­nte Entschädi­gung, die ihm die Ini­tia­tive „Gen­dreck weg” für Zer­störun­gen an seinem Feld zahlen will, abgelehnt. „Ich will keine Spenden, ich will meinen Mais”, sagt der Land­wirt. „Und ich möchte, dass die Ver­brauch­er inten­siv zu dem The­ma aufgek­lärt wer­den, damit sie keine Äng­ste mehr haben.”

Lange bevor er den Gen­mais anbaute, hat sich Piprek mit der The­matik beschäftigt, sagt er. „Ich denke, das ist eine inter­es­sante Tech­nolo­gie.” Nicht nur, dass sich der Gen­mais gegenüber „nor­malem Saatgut” allein vom Anschaf­fung­spreis her rech­net: Er trägt auch ein Gen eines Boden­bak­teri­ums in sich, das ständig Gift gegen den Maiszünsler pro­duziert. Und der macht den Bauern ger­ade in Märkisch-Oder-land zu schaf­fen. Abge­se­hen davon, dass durch den Par­a­siten­be­fall zwis­chen 30 und 100 Prozent der Mais­ernte ver­nichtet wer­den, ist er mit Insek­tiziden schlecht zu bekämpfen. Kein Zufall also, dass von sieben land­wirtschaftlichen Betrieben in Bran­den­burg, die auf ins­ge­samt 123 Hek­tar gen­tech­nisch verän­derte Pflanzen anbauen, sechs aus dem Land­kreis Märkisch-Oder­land stam­men.

Doch die Argu­mente, die Land­wirte wie Jörg Piprek haben, zählen für die Geg­n­er der
Gen­tech­nik nicht. Sie ver­weisen auf Län­der wie Indi­en, wo der Liefer­ant des gen­tech­nisch verän­derten Saatgutes, Mon­san­to, „die Bauern in den Ruin und in den Selb­st­mord treibt”, wie Aktivist Jür­gen Binder argu­men­tiert. Und so set­zt sich am Nach­mit­tag ein Demon­stra­tionszug in Rich­tung Pipreks Feld in Bewe­gung. Nach der genehmigten Kundge­bung in Ruhls­dorf, wird eine „spon­tane” in Hohen­stein gemacht. Noch während diese läuft, bewe­gen sich kleine Grup­pen von sechs, acht Mann in Rich­tung Feld und ver­suchen, die Polizeiab­sper­run­gen zu durch­brechen. Sie sind hart­näck­ig. Nicht alle lassen sich ohne weit­eres stop­pen. So set­zt die Polizei auch ihre mit­ge­bracht­en Dien­sthunde ein. Eine Frau trägt Bissver­let­zun­gen davon und muss ins Kranken­haus gebracht wer­den. 58 Per­so­n­en nimmt die Polizei in Gewahrsam — wie es heißt, „zur Ver­hin­derung von Straftat­en”. Unter den Festgenomme­nen ist auch der Ini­tia­tor der Aktion, Imk­er­meis­ter Jür­gen Binder.

Ver­samm­lung nimmt unfriedlichen Ver­lauf (Polizeibericht)

Straus­berg / Ruhlsldorf / Hohen­stein — Die für den 30./31.07.2005 in Ruhls­dorf angemeldete Ver­samm­lung von Gen­feldgeg­n­ern ver­lief am 30. Juli weit­ge­hend störungs­frei. Es kam im Ver­lauf des Nach­mit­tags bzw. Abends zu 4 Platzver­weisen im Bere­ich des Mais­feldes bei Glad­ow­shöhe.
Am 31. Juli wurde die angemeldete Ver­samm­lung um 14:00 Uhr in Ruhls­dorf been­det. Im Anschluss daran bilde­ten die Ver­anstal­tung­steil­nehmer einen sog. Sprecher­rat, der bei der Polizei eine Spon­tandemon­stra­tion anmeldete. Durch die Polizei wurde alles getan, um einen weit­eren friedlichen Protest zu ermöglichen und hat die Spon­tandemon­stra­tion nach Hohen­stein ges­tat­tet, wo eine 15minütige Abschlusskundge­bung durchge­führt wurde. Von dort aus soll­ten die Teil­nehmer wieder nach Ruhls­dorf zurück­kehren, nach­dem die Ver­samm­lung been­det wurde.

Im Ver­lauf der Kundge­bung in Hohen­stein ver­sucht­en deren Teil­nehmer mehrfach ener­gisch die Polizeiab­sper­run­gen zu durch­brechen und in Kle­in­grup­pen in Rich­tung des Mais­feldes bei Glad­ow­shöhe durchzubrechen.

Berit­tene Bun­de­spolizei im Ein­satzEine Teil­nehmerin der Ver­samm­lung griff den Polizeiführer des Ein­satzes tätlich mit Trit­ten an. Gegen sie wird wegen Wider­stands gegen Voll­streck­ungs­beamte ermit­telt.
Mit Stand 17:30 Uhr musste die Polizei 58 Per­so­n­en zur Ver­hin­derung von Straftat­en in Gewahrsam nehmen. In enger Abstim­mung mit der Staat­san­waltschaft Frank­furt (Oder) wird der Tatbe­stand des Land­friedens­bruchs geprüft.

Bei dem Ver­such in das Mais­feld zu gelan­gen ist nach derzeit­igem Erken­nt­nis­stand eine weib­liche Per­son von einem Polizei­di­en­sthund gebis­sen word
en. Die Erstver­sorgung der Ver­let­zten erfol­gte durch San­ität­skräfte der Ein­satzhun­dertschaft, die zur weit­eren Behand­lung ins Kranken­haus Straus­berg gebracht wurde.

Der Ein­satz, in dem sich 280 Beamte der Polizei des Lan­des Bran­den­burg, Berlins sowie der Bun­de­spolizei befind­en, dauert an.

Thomas Wilde

Press­esprech­er

Infos und Bilder unter www.gendreck-weg.de

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