14. Juni 2002 · Quelle: berliner zeitung

Das Land stellt Wittstock unter Polizeiaufsicht

WITTSTOCK. Das Spä­taussiedler­heim liegt mit­ten im Wald an ein­er unbe­fes­tigten Straße in Alt Daber, einem Ort­steil von Witt­stock (Ost­prig­nitz-Rup­pin). In dem alten dreigeschos­si­gen Haus, in dem einst Lehrlinge unterge­bracht waren, leben 30 Rus­s­land­deutsche. Der Heim­leit­er ist ger­ade im Urlaub. Und so sind die Leute unter sich. Kajrat, sagt eine ältere Frau, sei ein guter Junge gewe­sen. “Den haben sie ein­fach tot­geschla­gen.” Doch dann schweigt sie. Sie wolle nichts sagen. “Bess­er nicht.”
Ganz in der Nähe ist es passiert. Dort ist der 24-jährige Kajrat Bate­sow in der Nacht zum 4. Mai über­fall­en wor­den. Der Spä­taussiedler wurde niedergeschla­gen, mit einem Feld­stein wurde ihm der Brustko­rb zertrüm­mert. Die Staat­san­waltschaft geht von einem frem­den­feindlichen Hin­ter­grund der Tat aus, auch wenn die Tatverdächti­gen bish­er nicht als Rechte bekan­nt gewe­sen sind.

Seit dieser Blut­tat reißt die Welle der Gewalt in Witt­stock nicht ab. Rechte Schläger über­fall­en Spä­taussiedler. Die wiederum rächen sich und ver­prügeln ver­meintliche Rechte. “Die Stadt hätte der Spi­rale der Gewalt nicht aus eigen­er Kraft Ein­halt gebi­eten kön­nen”, sagt Bürg­er­meis­ter Lutz Schei­de­mann (FDP) am Don­ner­stagabend. Und so ist er “dankbar dafür”, dass die Lan­desregierung ein Krisen­tr­e­f­fen ini­ti­iert hat. Denn bish­er sei die Stadt alleine gelassen wor­den. “Außer ein paar guten Ratschlä­gen kam da nichts”, sagt Schei­de­mann.

An diesem Abend sind Vere­ine gekom­men, die Aus­län­der­beauf­tragte ist da und die Tol­er­anzbeauf­tragte. Ein Vertreter der rund 400 in Witt­stock leben­den Rus­s­land­deutschen fehlt. “Es ist schw­er, an sie her­anzukom­men”, sagt Schei­de­mann. Daher soll dem­nächst eine Selb­stvertreter­gruppe der Spä­taussiedler ins Leben gerufen wer­den.

Innen­staatssekretär Eike Lan­celle macht an diesem Abend deut­lich, was das Prob­lem dieser Stadt ist. “Die NPD spielt in Witt­stock die ver­häng­nisvolle Rolle des Brand­s­tifters”, sagt er. Die Witt­stock­er dürften dies nicht länger tolerieren. Immer­hin gebe es schon ein Men­schen­leben zu bekla­gen.

In Witt­stock gibt es nach Ansicht Lan­celles eine gut organ­isierte rechte Szene. 25 Rechte sind bekan­nt, 17 davon wer­den als gewalt­bere­it eingeschätzt. “Der Ver­fas­sungss­chutz wird diese Leute weit­er stark beobacht­en”, sagt er. Zudem werde die Polizeipräsenz ver­stärkt, solange es notwendig sei, ver­sichert Lan­celle. Der Schutzbere­ich müsse nicht fürcht­en, dass Beamte im Zuge der Polizeire­form für den Auf­bau der Auto­bah­n­polizei abge­zo­gen wer­den. Die 15-köp­fige Soko Tomeg Nord (Täteror­i­en­tierte Maß­nah­men gegen extrem­istis­che Gewalt), die sich um poten­zielle Täter der recht­sex­tremen Szene in Witt­stock und Umge­bung küm­mert, bleibt in der gle­ichen Stärke erhal­ten. “Vielle­icht wird sie sog­ar aufge­stockt”, sagt Lan­celle.

Bürge­meis­ter Schei­de­mann, der seine Stadt nicht in der recht­en Ecke sehen will, sagt, er wolle ver­suchen, sowohl mit den Spä­taussiedlern als auch mit den Recht­en ins Gespräch zu kom­men. “Damit wir hier erst ein­mal einen Burgfrieden haben”, sagt er.

Erste Gespräche mit den Rus­s­land­deutschen sind bere­its geplant. “Sie öff­nen sich langsam und bericht­en über den Ras­sis­mus, den sie täglich erleben”, sagt Bran­den­burgs Aus­län­der­beauf­tragte Almut Berg­er. Die Repres­salien fin­gen schon in der Schule an. “Kinder drangsalieren dort Kinder. Das darf nicht sein”, sagt Berg­er.

Für die Fam­i­lie von Kajrat kom­men alle Vorschläge, die Sit­u­a­tion der Rus­s­land­deutschen zu verbessern, zu spät. Sie will weg aus Bran­den­burg und zu Ver­wandten nach Baden-Würt­tem­berg ziehen. Dort ist auch Kajrat begraben wor­den.

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