30. September 2005 · Quelle: PNN

Das Umfeld der Julia S.

Julia S. sitzt seit mehr als drei Monat­en in Haft, ihr wird ver­suchter Mord vorge­wor­fen. Nach einem Über­fall im Juni gemein­sam mit anderen Antifaschis­ten auf einen rechts­gerichteten Jugendlichen in der Innen­stadt sitzt die 22-Jährige in Duben in Unter­suchung­shaft. Selb­st Strafrechtler beze­ich­nen diese Art der Unfrei­heit, bei der Beschuldigte ohne recht­skräftiges Urteil fest­ge­hal­ten wer­den, als größten Ein­griff in die Grun­drechte eines Menschen. 

Wie lange die Haft noch dauert, hängt von der Staat­san­waltschaft Pots­dam ab, die ermit­tel­nde Behörde in diesem Fall. Eine Anklage sei in Vor­bere­itung, hieß es zulet­zt. Zwei Haftbeschw­er­den ihres Anwalts Stef­fen Sauer blieben bis­lang erfol­g­los. Als Begrün­dung diente ein nicht gefes­tigtes soziales Umfeld und Flucht­ge­fahr. Eine Gefahr, die es nach Aus­sage von Strafrechtlern in solchen Fällen nicht gebe, da es Abkom­men mit dem Großteil der Staat­en gibt, die an Deutsch­land aus­liefern. Julia S. vom Vere­in Chamäleon darf seit drei Monat­en nicht tele­fonieren, erhielt am Geburt­stag keine Son­derbe­such­srecht für ihre Fam­i­lie und darf nur alle zwei Wochen drei ihrer Fre­unde und Ange­höri­gen für eine halbe Stunde sehen. Unüblich für Fälle wie diesen, sagt ein Strafrechtler dieser Zeitung. 

Julia S. ist die einzige der fünf Beschuldigten des Über­falls, die rechtlich als erwach­sen gilt. Sie sei aber keine, die mit Kapuze über dem Kopf durch die Straßen ren­nt und rumprügelt, sagt ihre Fre­undin Cho­ra. Sie war am Abend des mut­maßlichen Über­falls noch gemein­sam mit ihr vor dem Blauhaus, in dem die Absol­ven­ten des Helmholtz-Gym­na­si­ums Abi-Ball feierte. Während Cho­ra feierte, legte Julia S. ihre Hochschul­reife bere­its vor drei Jahren am pri­vat­en Evan­ge­lis­chen Gym­na­si­um ab. Danach begann sie, Jüdis­che Stu­di­en in Pots­dam zu studieren. Sie wird als Bücher­wurm beschrieben. Nach dem Vor­fall wurde sie aus einem Erste-Hil­fe-Kurs her­aus ver­haftet, den sie für ihre Tätigkeit als Betreuerin von Kinder­fe­rien­lagern besuchte. Von einem nicht gefes­tigten sozialen Umfeld, wie es die Behör­den mit­teilen, wollen ihre Fre­unde und Eltern nichts wis­sen. Mut­ter Heike und Vater Andreas leben mit Julias Brud­er Eric in Caputh. Alle gemein­sam sind sie vor eini­gen Jahren aus Pots­dam weg gezo­gen. Anfangs sei Julia noch mit Fahrrad zwis­chen den Orten gepen­delt, doch das Engage­ment im Vere­in Chamäleon und viele Ver­anstal­tun­gen am Abend hät­ten dies nicht mehr zuge­lassen. Daher sei sie aus­ge­zo­gen, sagt Mut­ter Heike. Zer­rüt­tet sei das Fam­i­lien­ver­hält­nis nicht, dafür spräche auch der Antrag, dass Julia S. aus der Haf­tanstalt her­aus Tele­fonkon­takt zur Mut­ter aufnehmen wolle. Er wurde abgelehnt. 

Heike S. hat Arbeit – und war acht Jahre lang Jugend­schöf­fin am Amts­gericht Pots­dam. Recht studiert hat sie nicht, aber was Gerechtigkeit sei, wisse sie. Der Umgang mit ihrer Tochter sei jeden­falls nicht gerecht.

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