11. August 2006 · Quelle: Junge Welt

»Den Neofaschisten sind wir ein Dorn im Auge«

Sven Kasel­er ist Pro­jek­tleit­er des Tuniers »Fußball gren­zen­los«, das von der Ini­tia­tive »Augen auf« seit vier Jahren im Dreilän­dereck Polen/Tschechien/Deutschland in Kit­tlitz in der Ober­lausitz organ­isiert wird


Am heuti­gen Fre­itag begin­nt in Kit­tlitz in der Ober­lausitz das Turnier »Fußball gren­zen­los«. Was wollt ihr damit bewirken?

Wir ver­suchen an diesem Woch­enende, Grup­pen über die Sprache des Fußballs zusam­men­zubrin­gen, um den Ras­sis­mus auf den Plätzen, aber auch außer­halb des Sport­platzes zu the­ma­tisieren. Wir haben gese­hen, daß in Ital­ien die »Mon­di­ali Anti­razz­isti«, die anti­ras­sis­tis­che Fußball­welt­meis­ter­schaft, eine Menge bewirken kann und haben ein solch­es Turnier vor vier Jahren erst­mals in Kit­tlitz veranstaltet. 


Ist das Turnier in Kit­tlitz ähn­lich inter­na­tion­al beset­zt wie das ital­ienis­che Vorbild? 


Nein, die meis­ten der dreißig Teams, die an dem Turnier teil­nehmen, kom­men aus der Region. In eini­gen Mannschaften spie­len Migranten mit, die hier aus der Gegend kom­men. Die Spiel­er holen wir aus ihrem Heim ab, damit sie das Woch­enende über bei uns sein kön­nen. Auch Spä­taussiedler stellen eigene Teams, und es sind Mannschaften aus Tschechien und Polen dabei. Im let­zten Jahr hat­ten wir noch eine Mannschaft mit Roma aus Bratisla­va, aber lei­der gibt es jet­zt Prob­leme, die Fahrtkosten abzudeck­en. Sie sel­ber kön­nen sie nicht auf­brin­gen, und nie­mand kon­nte sie übenehmen. Das ist sehr schade. 


Kom­men die übri­gen Teams aus der Fan­szene der größeren Vere­ine oder eher aus dem Antifa-Umfeld? 


Wed­er noch. Zwar gibt es in der ­Region Ost­sach­sen viele Dynamo-Dres­den-Fans, aber damit hat unser Turnier nicht unmit­tel­bar zu tun. Und eine organ­isierte Antifa – wie beispiel­sweise in Berlin – gibt es hier nicht mehr. Zum Teil nehmen Grup­pen an dem Turnier teil, die wie die Ini­tia­tive »Augen auf« auch anti­ras­sis­tisch wirken. Aber vor allem sind es Jugend­grup­pen aus der Region. Beson­ders freut uns, daß wieder Kit­tl­itzer Teams dabei sind. Denn der Ort stand vor eini­gen Jahren in den Schlagzeilen, weil hier die neo­faschis­tis­che Kam­er­ad­schaft »Odins Legion« aktiv war. Auf dem Platz, wo wir unser Fußball­turnier aus­tra­gen, fan­den mehrmals Fußball­turniere von Neon­azis statt. 


Welche Erfahrun­gen gibt es denn mit den Turnieren, die ihr in den ver­gan­genen Jahren ver­anstal­tet habt? 


Die Teil­nehmer freuen sich auf das Turnier, und auch die Öffentlichkeit nimmt uns sehr wohlwol­lend auf. Aber den Neon­azis sind wir natür­lich ein Dorn im Auge, und das bekom­men wir jedes Jahr zu spüren. Vor drei Jahren wur­den zwei Spiel­er zusam­mengeschla­gen. Bish­er haben Rechte jedes Mal ver­sucht, in großen Grup­pen auf das Gelände zu kom­men. Das führte dazu, daß wir die Zusam­me­nar­beit mit der Polizei inten­sivieren mußten. Im ver­gan­genen Jahr gab es 70 Ortsver­weise für Neo­faschis­ten und vier Festnahmen. 

Von seit­en der Behör­den gibt es ein sehr erfreulich­es Feed­back. Unser Fußball­turnier gilt sach­sen­weit als Pilot­pro­jekt. Im Jahr 2004 beka­men wir dafür den säch­sis­chen Jugend­preis. Neben der Anerken­nung waren wir dankbar, daß die Ausze­ich­nung mit einem Geld­be­trag ver­bun­den war, denn wir möcht­en auch weit­er­hin die Ver­anstal­tung kosten­los anbi­eten. Wed­er die Mannschaften bezahlen eine Start­ge­bühr noch die Besuch­er Ein­tritt für das Turnier oder das Rah­men­pro­gramm mit The­ater, Diskus­sio­nen und Konz­erten. In diesem Jahr wird das Turnier durch »Aktion Men­sch« unter­stützt. Aber trotz­dem ist es schwierig, die Kosten zu deck­en. Oder eben Mannschaften wie die der Roma aus Bratisla­va zu unterstützen.


Ver­fas­sungss­chützer haben ger­ade vor einem Erstarken der Neon­aziszene aus dem südlichen Bran­den­burg und Sach­sen gewarnt. Rech­nen Sie in diesem Jahr mit größeren Störaktionen? 


Mit Pro­voka­tio­nen rech­nen wir auch dieses Mal. Aber die tre­f­fen uns nicht unvor­bere­it­et. Wir haben einen ver­stärk­ten Sicher­heits­di­enst beim Turnier, der rund um die Uhr das Gelände überwacht. Des weit­eren gibt es Vor­ab­sprachen mit der Polizei, die not­falls präsent sein wird, um Schlim­meres zu ver­hin­dern. Anders ist ein solch­es Turnier lei­der nicht durchzuführen. 

11. bis 13. August, Kittlitz/Oberlausitz: 4. anti­ras­sis­tis­ches Turnier »Fußball gren­zen­los«, mit The­ater, Fil­men und Konz­erten, Ein­tritt frei, www.augenauf.net

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