23. September 2004 · Quelle: MAZ

Der Arsch von alles”

(MAZ, Frank Schau­ka) HIRSCHFELD Vor 15 Jahren, als “der West­en am Ende” war, “haben sie
unsere Ost­mark entwertet”. Bernd hin­term Hoftor erregt sich, der Enkel
auf dem Arm ist still. Umtauschver­hält­nis eins zu zwei. Wenn das kein
Beleg ist. Noch Fra­gen? Nur durch den “Zusam­men­schluss” habe sich der
West­en noch mal “her­aus­ge­mauschelt”. Und nun? — Zieht der West­en den
Osten mit sich ins Verder­ben. Klar?

Vor drei Jahren, sagt Bernd, hat­te er noch einen Fleis­chverkauf.
“Zugemacht.” In Hirschfeld und Umge­bung, im Südzipfel Bran­den­burgs, das
früher säch­sisch war, ist jed­er dritte ohne Arbeit. “Wir sind der Arsch
von Bran­den­burg, wir wären der Arsch von Sach­sen, wir sind der Arsch von
alles. Das ist amtlich.” Fast so amtlich wie die 25,8 Prozent, mit denen
die recht­sex­treme DVU in Hirschfeld bei der Land­tagswahl ihren besten
Wert in Bran­den­burg erzielte. “Klasse Ergeb­nis”, frohlockt Bernd, “das
ist Protest, damit die da oben mal was ändern.” Vielle­icht wür­den ja
sog­ar die jun­gen Leute aus dem Osten, die im West­en Arbeit fan­den, am
Son­ntag bei der Kom­mu­nal­wahl in Nor­drhein-West­falen NPD wählen. “Hoffe
ich doch”, sagt Bernd. “Wer unter den Kom­mu­nis­ten arbeit­en wollte, der
kon­nte.” Sein Nach­name, behar­rt er, tue nichts zur Sache.

Ein Hirschfelder mit­tleren Alters zieht im Hand­wa­gen einen Kas­ten Bier
über die Straße hin­ter sich her, vor­bei an “Waf­fen Müller”. Bernd
verkauft heute Bier. Der 52-Jährige öffnet ein­er Nach­barin das Tor.
DVU”, hört sie und fragt, “was heißt das über­haupt?” Sie habe nicht DVU
gewählt, ihr Mann habe Arbeit, sie eben­falls, das Haus sei abbezahlt.

200 Meter ent­fer­nt an der größten Kreuzung im Dorf, gegenüber dem
einzi­gen Döner­im­biss, tuscheln drei ältere Frauen in dunkel­grauen
Kit­teln über einen Lat­ten­za­un hin­weg. “DVU? Ist das was Linkes oder
Recht­es?”, wun­dert sich die Älteste. Die kleine Frau trägt ein
schlicht­es Kopf­tuch. So viele in Hirschfeld sollen der recht­sex­tremen
Partei ihre Stimme gegeben haben? “Hier sind alle sprach­los, dass sie
die gewählt haben”, sagt eine zweite Frau. Ne, ne, sie ver­rate ihren
Namen doch nicht, und huscht kich­ernd ins Haus. Man hat wohl die
Schlägerei vor fünf Jahren vergessen, meint eine andere. Leute aus
Sach­sen hät­ten damals eine Fam­i­lien­feier in der “Gast­stätte zum Hirsch”
angemeldet. Zu der Fam­i­lie gehörten dann vor allem junge Män­ner mit sehr
kurzen Haaren. Nach­dem die Polizei das Tre­f­fen der Neon­azis aufgelöst
hat­te, entwick­elte sich vor der Wirtschaft eine wüste Schlägerei. Und
nun habe jed­er vierte Hirschfelder die recht­sex­treme Deutsche Volk­sunion
gewählt. “Wir staunen alle. Das war die Jugend.” Und irgend­wie
vielle­icht auch ein ehe­ma­liger Lehrer, der bei den Jugendlichen
geschickt für die recht­sex­treme Partei gewor­ben habe, wie man hört.

Zahlre­iche Zäune, viele Pforten, kurz­er Rasen­schnitt vor kleinen
Häusern, Ein- und Zweifam­i­lien­häusern. Gepflegte Idylle. Hier und da ein
Bäck­er, der Gemis­cht­waren­laden mit­ten im Ort gegenüber der
Bushal­testelle vor der “Gast­stätte zum Hirsch”. Hun­derte Kro­nko­rken
haben sich vor der Schänke, wo die Jugendlichen sich abends verabre­den,
in den Asphalt gedrückt. Der Grund weicht bei Hitze auf und gibt nach.
Auch das mit der DVU sei eine schle­ichende Entwick­lung, die sich im
ver­bor­ge­nen vol­lziehe, befürchtet eine Verkäuferin.

Das schlimm­ste ste­ht wom­öglich noch bevor. Die heute 13- bis
15-Jähri­gen, die bei der näch­sten Land­tagswahl 2009 erst­mals ihre Stimme
abgeben dür­fen, seien über­wiegend recht­sex­trem eingestellt, räson­nieren
Jens und Sil­vio bei einem Glas Bier im “Hirsch”. Und “wenn die Poli­tik­er
den Kar­ren weit­er in den Dreck fahren, wird hier das näch­ste Mal noch
mehr DVU gewählt, weil die jun­gen Leute die Schnau­ze voll haben. Die
Stim­mung unter den jun­gen Leuten tendiert zur DVU.” Die recht­sex­treme
Partei des Münch­en­er Mul­ti­mil­lionärs Ger­hard Frey werde von vie­len als
“cool” emp­fun­den, meinen Jens und Sil­vio. “Schnau­ze voll” — so wie die
DVU plakatiert, drück­en sich viele aus.

Der 25 Jahre alte Jens und sein 21-jähriger Kumpel Sil­vio, die bei­de
Arbeit haben und, wie sie sagen, nicht recht­sex­trem wählten, haben ihre
Erk­lärung, warum die DVU ihre besten Resul­tate im Schraden­land erzielte:
15,6 Prozent in Großthiemig, 25,8 Prozent in Hirschfeld, 22,4 Prozent in
Grö­den und 22,1 Prozent in Merz­dorf. Zwis­chen 859 und 1394
Wahlberechtigte wohnen dort. Im Schraden­land seien die Sach­sen ver­has­st
— auch eine Form des Frem­den­has­s­es. Außer­dem: “Auf dem Dorf ist es so,
dass man erhal­ten will, was die Eltern auf­baut­en und vererben. Man
bleibt hier, egal was kommt”, sagt Jens. Wer trotz der
Per­spek­tivlosigkeit der Arbeit nicht hin­ter­herziehe, reagiere
irgend­wann, falls sich nichts ändere, frus­tri­ert. “Die Leute denken,
etwas muss bess­er wer­den, und wählen DVU” — aus Protest, nicht weil sie
die DVU für bess­er hal­ten. “Aber von der DVU hat man noch keine
Schlechtigkeit gehört, weil sie nir­gend­wo regiert.”

Von manchen Wahlhelfern lässt sich das wohl nicht behaupten. Ein Pfar­rer
wurde von ihnen, wie sich herum­sprach, bedro­ht. Als zwei junge Män­ner
den Priester am Straßen­rand bemerk­ten, beschimpften sie ihn im
Vor­beifahren. Dann stoppten sie ihren weißen Kas­ten­wa­gen, gin­gen auf den
Gottes­mann zu und sagten: “Dich brin­gen wir um. Deine Kirche fack­eln wir
auch ab.” Zufäl­lig trat­en Men­schen aus dem Haus.

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