2. Dezember 2002 · Quelle: Hagalil

Der Mord in Potzlow war eine antisemitische Tat

Der Mord an dem 16-jähri­gen Schüler Mar­i­nus S. ging durch die Schlagzeilen und die Gesellschaft zeigt ihre übliche Hil­flosigkeit in punc­to Recht­sex­trem­is­mus.


In den Schlagzeilen der ser­iösen und der weniger ser­iösen Presse war das Tat­mo­tiv schein­bar klar. Mar­i­nus wurde ermordet, weil seine Täter aus dem recht­sex­tremen Spek­trum in ihm einen Hip-Hop­per sahen. Also einen Repräsen­tan­ten ein­er Jugend­kul­tur, die sich als eine der weni­gen Sub­kul­turen bish­er weitest­ge­hend immun gegen recht­sex­treme Vere­in­nah­mungen erwiesen hat. Damit war den drei direkt an der Tat Beteiligten ihr Opfer ein ver­meintlich­er Link­er. In der Regel beze­ich­nen Rechte solche Jugendlichen her­ab­würdi­gend als “Zecke”.

 

Nur am Rande wer­den aber die Worte gemeldet, die im Vor­feld des Mordes fie­len: “Er sähe aus wie ein Jude”, so sin­ngemäß.

 

Aber genau mit dieser Zuschrei­bung, im Kon­text der Sit­u­a­tion dur­chaus anti­semi­tisch kon­notiert, stell­ten sich die Täter selb­st den Freib­rief zu einem Mord, der in sein­er Durch­führung nicht nur grausam, son­dern unmen­schlich war. Mit der Stig­ma­tisierung als “Jude” sprachen die Neo-Nazis ihrem jugendlichen Opfer, dass ihnen dur­chaus kein Fremder war, das Leben­srecht ab. Hier äußert sich ein Anti­semitismus, der mörderisch­er nicht sein kann und der die realen Juden nicht benötigt. Den Tätern reicht das Phan­tas­ma, die Wah­n­vorstel­lung.

 

Der jugendliche Hip-Hop­per galt seinen Mördern als “undeutsch” und was gilt nazis­tis­chen Anti­semiten als weniger “deutsch” als ein Jude? Der anti­semi­tis­che Wahn braucht die Wirk­lichkeit nicht so wie sie ist. Er lebt ger­adezu von deren Verz­er­rung. Die pathis­che Pro­jek­tion (Adorno), also eine Pro­jek­tion, die jed­er Möglichkeit zu Selb­stre­flex­ion und Wirk­lichkeit­süber­prü­fung beraubt ist und deren Opfer Mar­i­nus S. gewor­den ist, ist kein Prob­lem psy­chopathis­ch­er Einzelfälle.

 

Sie ver­weist auf eine Gesellschaft, die den Anti­semitismus struk­turell immer wieder aufs Neue her­vor­bringt. Daher rührt denn auch die zwangsläu­fige Hil­flosigkeit in der Bekämp­fung des Phänomens. Solange die Struk­turen der bürg­er­lichen Gesellschaft, beziehungsweise hier der deutschen Nation, essen­tial­isiert wer­den und nicht zur Dis­po­si­tion ste­hen, solange bleibt der Anti­semitismus zwangsläu­fig vir­u­lent.

 

Alle, selb­stver­ständlich notwendi­gen, Aktio­nen zu dessen Bekämp­fung kön­nen so besten­falls Atem­pausen ver­schaf­fen. Die Dul­dung der Mölle­mannschen Aus­fälle seit­ens der FDP, oder die autoritäre Rebel­lion eines gut­bürg­er­lichen Mobs in Berlin während ein­er Straßen­rück­be­nen­nung in Jüden­straße, zeigen die Veror­tung des Anti­semitismus in der gesellschaftlichen Mitte.

 

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